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Neben "Multiple Maniacs" (1970), "Pink Flamingos" (1972) und "Female Trouble" (1974) ist "Desperate Living" eines von John Waters bekanntesten Hauptwerken des abwegigen Geschmacks. Dabei nimmt "Desperate Living" gleich unter mehreren Gesichtspunkten einen besonderen Stellenwert in John Waters Filmographie ein. Nachdem er seine vorherigen Filme selbst finanzierte oder von seinem Vater finanzieren ließ, war "Desperate Living" mit 65.000 $ sein erster Film der das Amateurniveau deutlich überwunden hat - bereits "Female Trouble" sah schon (im Gegensatz zu den vorher entstandenen Werken) wie ein "richtiger Film" (Waters) aus, war aber mit 25.000 $ nach dem Erfolg von "Pink Flamingos" noch finanzierbar, während "Desperate Living" erstmals für eine fremde Produktionsgesellschaft namens Charme City entstanden ist.
Zudem ist "Desperate Living" auch Waters Abschied vom Underground Kino. Er selbst ahnte schon bei den Aufführungen von "Female Trouble", dass seine Underground-Zeiten offenbar ihrem Ende entgegen gingen (nachzulesen in seinem Kapitel "Female Trouble" in Shock Value) und seine Ahnung bestätigte sich schließlich. Denn anschließend ließ er in "Polyester" und "Hairspray" seine Muse Divine nur noch als gealterte Hausfrau auftreten und reduzierte seinen anarchischen Ekel/Fäkal-Humor doch erheblich während dann mit "Cry-Baby" (1990) endgültige seichte Hollywood-Kost von Waters kam, in der nur hier und da nochmal seine Wurzeln aufblitzten (etwa in den Verweisen auf Blood Feast und TCM in "Serial Mom", den Schwulenkneipen in "Pecker" oder jüngst den nackten Tatsachen in "A Dirty Shame").

Die Entstehungsgeschichte von "Desperate Living" macht deutlich, warum Waters letzter dem Underground verhafteter Streifen doch etwas uninteressanter wirkt als "Pink Flamingos" und "Female Trouble". Der charismatische David Lochary, der den drogensüchtigen Arzt in "Mondo Trasho", den Leiter der Show der Perversionen in "Multiple Maniacs", den blauhaarigen Drogendealer, Exhibitionisten, Kidnapper und Kinderhändler in "Pink Flamingos" und schließlich den dekadenten Modezar mit einem Faible für Gewalt so überzeugend spielte, verstarb nämlich kurz nach "Female Trouble" an den Folgen einer Überdosis. Und Divine, der zweite wichtige Darsteller des Waters Universums ging nach dem "Female Trouble" Erfolg ersteinmal auf Tournee und stand ebenfalls nicht zur Verfügung. So stand ihm als wirklich charismatischer Charakter nur noch die "Egg Lady" Edith Massey zur Verfügung. Zwar sind noch Mink Stole, Cookie Mueller (sexy), Susan Lowe, Mary Vivian Pearce, Ed Peranio, Channing Wilroy, George Figgs und Pat Moran als Waters-geprüfte Statisten und Nebendarsteller anwesend, aber wirklich charismatisch war von ihnen leider keine(r).
Glücklicherweise konnte Waters noch die farbige 200 Pfund schwere Jean Hill verpflichten... ebenso Sex Goddess Liz Renay, die bereits Bekanntheit erlangt hat als sie in den 60ern im Frauenknast ihre Memoiren schrieb und nach ihrer Entlassung den ersehnten Ruhm erlangte, als sie nackt durch den Hollywood Boulevard joggte; es mag vielleicht passend erscheinen, dass sie die Rolle annahm ohne das Script zu lesen als Waters ihr die Starring Role anbot. Damit konnte er immerhin eine halbwegs adäquate Exzentriker-Rige um sich versammeln.

Die Handlung von "Desperate Living" erscheint wie ein gewalttätiges, sexgesättigtes Märchen (Waters nannte ihn eine "Moster Lesbian Fairy Tale"): Die hysterische Peggy Gravel (Mink Stole), die schonmal ihre 5jährigen Kinder des Inzests beschuldigt, wenn diese ihre Geschlechtsteile erforschen (solch eine Darstellung wäre heute wohl kaum noch derart direkt denkbar, bereits vor Jahren wurde hierzulande ein harmloses Jugend Forscht Plakat mit einem solchen Motiv beschlagnahmt), fühlt sich von ihrem Mann belästigt, der alles versucht um ihr zu helfen und bringt ihn mit der diebischen Grizelda (Jean Hill) um, als diese es sich auf seinem Kopf gemütlich macht. Hals über Kopf fliehen die beiden vor der Polizei, überfahren auf ihrer Flucht einen Hundekadaver und geraten an einen perversen Transen-Cop, der ihnen für die getragene Unterwäsche und einen Kuss eine Zuflucht in Mortville empfiehlt.
Mortville entpuppt sich als widerlicher Ort in den sich die Außenseiter der gesellschaft geflüchtet haben und der ganz und gar unter der Fuchtel der tyrannischen Königin Carlotta steht, die ihre Untertanen am liebsten mit einer Atombombe ausradieren würde. In Mortville mieten sie sich bei Muffy (Liz Renay) und Mole (Susan Lowe - schön entstellt für diesen Film) ein. Muffy führte früher ein normales Leben bis sie ihren Babysitter im Hundefutter erstickte als sie ihr Kind im Eisschrank entdeckte. Mole hingegen hat als Kampflesbe im Ring ihrem (männlichen) Gegner das Auge ausgerissen und zerstampft um anschließend den Schiedsrichter im Blutrausch zu strangulieren. Beide mussten nach Mortville fliehen, wo sie sich kennen und lieben gelernt haben (laut Waters konnte zumindest Renay viel von ihren Erfahrungen mit gewalttätigen Knastlesben einfließen lassen). Auch Peggy und Grizelda (von Queen Carlotta ganz nebenbei möglichst widerwärtig neu eingekleidet) beginnen eine lesbische Affäre - wie sich die 200 Pfund Wuchtbrumme Jean Hill beim Geschlechtsakt über die spindeldürre Mink Stole wälzt während parallel Susan Lowe Liz Renay beglückt gehört neben dem Hundescheiße fressenden Divine und dem singenden Arschloch aus Pink Flamingos und der Weihnachts- und Bauchtanz-Szene aus "Female Trouble" sicherlich zu Waters schönsten Szenen überhaupt.
Derweil führt sich Queen Carlotta immer aggressiver auf: Ihrer Tochter Coo Coo verbietet sie die Liebe zum Müllmann, ihre Untertanen müssen fortan rückwärts gehen und ihre Leibwächter müssen regelmäßig für den Geschlechsakt oder ein Spanking herhalten.
Bald zeichnen sich bei den Einwohnern Mortvilles erste Anzeichen einer Revolution ab. Mole schmeisst der Queen aus dem Hinterhalt einen Haufen Dreck an den Hinterkopf, Coo Coo will sich gegen die verhasste Mutter auflehnen, die mittlerweile den Müllmann hat erschießen lassen. Mit dem Leichnahm flieht sie zu Peggy und Grizelda... Peggy wird hysterisch und verrät Coo Coo, die zusammen mit Peggy zurück zu ihrer Mutter gebracht wird (die sich gerade mit einem strippenden Leibwächter vergnügt) während Grizelda im Getümmel ihr Leben lässt. Peggy schmeichelt sich ordentlich bei der Queen ein und wird - nun aussehend wie die böse Königin aus Disneys Scheewittchen - ihre Gehilfin, während Coo Coo erst vergewaltigt und dann mit Tollwut infiziert wird um unter den Untertanen eine Seuche auszulösen.
Nach einem kurzen Einschub in dem Mole sich ausserhalb Mortvilles einer Geschlechtsumwandlung unterzieht um Muffy zu beglücken, die jedoch so entsetzt ist, dass Mole sich ihr neues bestes Stück gleich wieder abschneidet (ein Hund wird es kurz darauf verspeisen), geraten die beiden an die geschändete Coo Coo. Ihr Schicksal bringt für Muffy und Mole sowie ihre Freundinnen das Fass zum Überlaufen. Gemeinsam stürmt man das Schloss, erschiesst die verräterische Peggy durch ihren Anus, demütigt die Königin, tötet, drillt und verspeist die wie ein Schwein (mit Apfel im Maul) Zubereitete.

Auf der einen Seite kann Waters zwar auf unerwartet große Kulissen zurückgreifen - immerhin musste ganz Mortville samt Schloß aufgebaut werden (wenn auch aus Pressholz) - und nutzt das auch exzessiv aus: Kein Waters Film war bisher bunter, kitschiger und geschmackloser dekoriert als "Desperate Living", nie hat er solch eine Anzahl schriller Kostüme anfertigen lassen und die Räume derart sorgfältig ausgestattet. Auf der anderen Seite vermisst man Divine und Lochary schmerzlich und es wird schnell klar, dass sie als Darsteller unersetzlich waren. Schmerzlich fällt auch auf, dass Waters Ekelhaftigkeit hier bei weitem nicht ihren Höhepunkt erreicht: Von der Sexszene zwischen Stole und Hill und der Kastration Moles abgesehen beschränkt sie sich in der Regel auf die Ausstattung und gewöhnlichen Splatter.
Insgesamt kommt "Desperate Living" gerade noch so eben seine 7/10.

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