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"Ich heiße Rene Martens. Ich bin 48. Geschieden. Meine Frau und ich haben uns erst vor kurzem getrennt. Wir haben eine gemeinsame Tocher. Mia ist ihr Name. 16 ist sie bereits. Kinder wachsen so schnell heran. Sie ist fantastisch. Sie ist das Wichtigste in meinem Leben.
Gestern Nacht ist sie gestorben. Sie haben sie mir weggenommen. Ich weiß nicht ob irgendwas besser wird, wenn sie tot sind. Ich weiß nur, daß es schlimmer ist, wenn sie leben"

Die Independentfilmer von Brandl Pictures zeigen Ihnen mit diesem unkonventionellen Thriller-Drama den Rachefeldzug eines verzweifelten Mannes. Unverblümt. Deutlich. Direkt. Direkt aus der Sicht der Hauptfigur. Komplett in der Ego-Perspektive gedreht, werden Sie als Zuschauer selbst zu Rene Martens. Wie weit würden Sie gehen...? (Covertext)

Seine Tochter ist tot. Gestorben weil sie ein Medikament einnahm das sich nicht mit Alkohol verträgt. Und weil sie so naiv war sich trotzdem überreden zu lassen. Ein Mädchen mit 16 ist nicht vernünftig, es will Spass haben und übersieht auch das die Typen mit denen es zusammen sitzt einen "Spass" ganz anderer Art planen. Was kommt ist klar, und den Männern auch vollkommen egal dass sie wegen eines Schocks und nicht aufgrund der eingeflößten Alkoholmenge ein wehrloses Opfer ist über das man herfallen und sie missbrauchen kann. Aber irgendetwas läuft ganz gehörig schief, irgendwann atmet sie nicht mehr.

Er ist gelähmt und gefangen in seinen Gedanken. Die Freundin seiner Tochter übergibt ihm einen USB-Stick auf dem ein Video die Geschehnisse zeigt. Gedreht von ihrem eigenen Freund. Jetzt muss doch etwas passieren. Sie müssen bezahlen für das was sie gemacht haben! Und es passiert - nichts. Die Gedanken in seinem Kopf überschlagen sich. Er steht vor der Auslage eines Waffengeschäftes, die Vernunft scheint zu siegen. Aber so einfach ist es nicht, ein dubioser Hehler spricht ihn an und er kauft ein Waffe. Es ist klar was kommt, kommen muss. Wann wird er sie gebrauchen, hin- und hergetrieben, ein Spielball seiner selbst?

Soweit zur Story, und keine Angst, EINE ZEIT ZUM TÖTEN bietet genug an Handlung und Wendungen bis hin zum packenden Finale das eine furiose Überraschung bringt. Wer das Cover ansieht und liest weiß was Sache ist, oder glaubt es zumindest, insoweit habe ich nicht gespoilert. Brandl's 50. also? Herzlichen Glückwunsch! Aber ist das auch ein passender Jubiläumsfilm oder eher ein Rohrkrepierer? Gewagt allemal, sowohl von der Thematik her als auch von der filmischen Umsetzung. Selbstjustiz ist eine nicht gerade innovative Idee, und wem fallen nicht sofort diverse Werke mit Charles Bronson oder Clint Eastwood ein bei dem Stichwort? Und wie ist es wenn man dann noch aus der Sicht des Hauptakteurs filmt, fast den kompletten Film mit Rene eins ist, Gast in seinem Kopf sowie immer irgendwie beteiligt am Geschehen?

Beginnen wir mit der Perspektive. "... mitreissend aber auch anstrengend" schreiben die Macher selbst über den Film. Dem kann ich getrost zustimmen, gerade dadurch dass ich in diese doch eher andere Sichtweise gezwungen bin nimmt mich die Handlung mit, fesselt mich an den Screen und Rene sowie dessen Welt. Wer sich auf dieses Experiment einlässt dem kann ich 97 Minuten versprechen die er so schnell nicht wieder vergisst! Anstrengend? Anspruchsvoll! Und das ist ein kleiner Unterschied, sicher muss man ständig aufpassen und hechelt Rene gedanklich etwas hinterher da er ja immer einen Schritt voraus ist. Mir aber allemal lieber als ein Film der mich nicht fordert und bei dem ich mein Gehirn auf standby schalte weil es nicht gebraucht wird!

Das Thema ist fast schon zu oft verfilmt, ob es nun Partner(in) oder Kind(er) betrifft. Ist es deswegen überholt oder nicht mehr zeitgemäß? Nein! Und gerade die Frage wie die jeweils Handelnden damit umgehen ist immer wieder interessant und spannend. Wie bereits erwähnt kann man aus diesem Stoff simpel gestrickte Actioner machen, eine miese Tat, ein strahlender kompromissloser Rächer und Rache satt. Das reicht dann wenn es gut gemacht ist wie z. B. "Death Wish" für perfekte Unterhaltung. Oder wem der zu "alt" ist als Vergleich "Harry Brown". EINE ZEIT ZUM TÖTEN hebt sich in dieser Hinsicht wohltuend ab und unterscheidet sich von Werken dieser Art dadurch dass einem die Zweifel und moralischen Bedenken dieses Vaters immer vor Augen stehen, ja, man sie selbst teilt und nachdenkt wie man selbst reagieren würde.

Für Günther Brandl war es sicher eine Herausforderung diesen Rene zu spielen. Wie gibt man einer Person ein "Gesicht" wenn die Geschichte doch aus der eigenen Perspektive erzählt wird und der Hauptdarsteller (fast) überhaupt nicht zu sehen ist? In dem Fall nur über die Stimme, und meiner Meinung nach hat er da einen fantastischen Job gemacht! Man muss nur richtig zuhören beim zusehen um zu wissen wie ich das meine, eine "Sprechrolle" die mancher Profi so nicht hinbekommen hätte!

Ausnahmsweise ist für die Musik nicht Michael Donner sondern Kevin MacLeod verantwortlich, natürlich auch nicht gerade ein Unbekannter im Brandl-Universum. Sehr passend, an den richtigen Stellen laut oder leise und ein paar richtig gute Songs dabei.

Was bleibt? Ein intelligenter und anspruchsvoller Revenge-Thriller der etwas anderen Art. Ein Film der einen nachdenken lässt während man ihn sieht und noch lange nachwirkt. Beste Unterhaltung auf einem unglaublichen Niveau. Bedenkenlos zu empfehlen, am besten in der (gebrannten) BD-Auflage die auf der Homepage der Brandl sehr günstig zu haben ist. 10/10!

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