Review

Zeit? Wer? Erinnerungen? 

Nachdem mich Resnais „Letztes Jahr in Marienbad“ schon gefühlt fast mein Leben lang fasziniert wie kaum ein anderer Film, sein ebenso bekannter „Hiroshima, Mon Amour“ mir bisher aber gehörig den Zugang erschwerte bis verweigerte, kommt mir nun Jahre später mit dem nicht minder komplexen „Muriel“ endlich seine dritte Regiearbeit unter - und die haut mich um und zieht mir stillheimlich den Teppich unter den Füßen weg, wie es lange kein Film mehr getan hat… Die Geschichte ist schwer zu beschreiben, man muss sie eher erleben und fühlen. Egal wie blöd sich das anhört. Doch grob geht es um eine ältere Antiquitätenhändlerin, die sich plötzlich sehr körperlich von der Vergangenheit konfrontiert fühlt. Und ihren Sohn, der mit den eigenen Geistern aus dem Algerienkrieg kämpft…

Wer ich war, wer ich bin… macht das Sinn?

„Muriel“ ist ein krasser Film. Sehr sensibel, sehr feinfühlig, sehr komplex. Versteckt und verzwickt. Und das spürt man unterbewusst in jeder Minute, jeder Phase und Faser. Die Zeitlinien verschwimmen genauso wie die Erinnerungen. Die Figuren und Altersstufen überlappen sich. Es gibt Ellipsen und Enttäuschungen. Es gibt Probleme und rosarote Brillen, die brutal zerschmettert werden. Vielleicht sehen „Marienbad“ und „Hiroshima“ noch besser aus. Doch in Sachen Komplexität und Ebenen steht ihnen „Muriel“ nicht nach. Dieses „Familiendrama“ kriecht einem echt ins Unterbewusstsein und bleibt bei einem. Man zieht Parallelen zum eigenen Leben. Man versucht seine Sprunghaftigkeit, schnellen Schnitte und Auslassungen zu verstehen oder sie zumindest punktuell zu verbinden. Man kann sich seine Aura und Magie nie ganz erklären oder erschließen. Aber sie ist da und spürbar. Und wie… „Muriel“ ist Mysterium und Monument. Ein Streichholzhaus, das zusammenbricht und sich immer wieder wie von Geisterhand zusammensetzt. Manchmal etwas verkehrt und knackend. Manchmal spiegelverkehrt und rückwärts. Aber nie langweilig. Keine Sekunde. Subjektivität und verblasste Träume. Scheidewege und Gespenster der Möglichkeiten. Was wäre wenn und zum Glück hab' ich nicht.

Die Präsenz der Vergangenheit

Fazit: schwer zu durchdringen und noch schwerer ihm nicht zu verfallen… „Muriel“ ist eines der energischsten Enigmata der Filmgeschichte. Über Zeit, Vergänglichkeit, Persönlichkeit und (täuschende) Erinnerungen. Wunderschön. Aber auch beängstigend. Absolut traumhaft - oder alptraumhaft. Ein Vexierspiel der Gegensätze und der verschiedenen Formen des Ichs. 

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