2008: Die junge Amy Cole (Kristin Stewart) meldet sich bei der US-Armee, doch ihr erster Einsatz führt sie nicht in die Kampfzone Irak, sondern in eine ganz andere Kampfzone, nämlich nach Guan-tanamo Bay auf Kuba, wo „Häftlinge“ (nicht „Gefangene“, denn sonst würden sie unter die Genfer Konvention fallen) inhaftiert sind, die irgendwie in die Mühlen der US-Armee nach den Anschlägen vom 11. September 2001 geraten sind – zum Teil schon seit Jahren und ohne Anklage. Der Alltag der Insassen und der Bewacher ist primär von stumpfer Routine und gegenseitigen Misstrauen geprägt. In dieser Situation lernt Amy langsam den (deutschen!) Insassen Ali (Payman Moaadi) ken-nen, der studiert und intelligent ist und sogar in das Bild des verbohrten Islamisten passt.
Peter Sattler wagte mit seinem Film, der Premiere auf dem Sundance Festival 2014 hatte, einen wahren Balanceakt… und er schafft ihn. Sogar ziemlich gut.
Er schafft es, einen Film über ein so brisantes Thema zu drehen, der ohne Wertungen auskommt, der das ganze Drama dieses surrealen Ortes in einem zwischenmenschlichen Drama bündelt.
Denn selbst wenn Ali einmal frei käme, wo soll er hin? Kein Land will ihn aufnehmen und er hätte nirgendwo eine Zukunft. Amerikaner sind für ihn nur seine Bewacher, die ein normales Leben verhindern, obgleich ihm, unter der Hand, gesagt wurde, dass er unschuldig sein. Für Amy sind die Insassen pöbelnde und fremde Terroristen, die ihr Land gefährdet und angegriffen haben. Amy ist jedoch keine Hurrapatriotin, sondern wollte, wie wohl so viele, der Enge ihrer Heimatstadt in Florida über die Army entkommen. Sie merkt allmählich, dass sie nicht alle Gefangenen über einen Kamm scheren kann und bewundert heimlich Alis Studiertheit und Intelligenz.
Was sich nun vielleicht wie ein moralinsaure Geschichte des gegenseitiges Verstehens liest, ist in „Camp X-Ray“ ein bewegendes Drama (sogar mit einigen witzigen Szenen) geworden, dass behutsam die Annäherung zweier unterschiedlicher Welten schildert – mit einer hervorragenden Musik, einer sensiblen Inszenierung und vor allem großartigen Schauspielern. Ich hatte zu Kristen Stewart (ich habe nicht die Twilight-Filme gesehen) nie wirklich eine Meinung, mochte aber zum Beispiel „Adventureland“ sehr gerne – umso begeisterter bin ich von ihrer Leistung in diesem Film. Am Anfang spürt man in jeder ihrer Fasern ihre Anspannung. Der Kiefer nach vorne geschoben, ist sie ständig in Abwehrhaltung, zum Teil zu Recht. Am Ende ist sie weicher, zugänglicher und mitfühlender, ja offener geworden. Payman Moaadi ist auch exzellent: sein anfänglicher Zynismus und seine Aggression (so bekommt Amy einen „Kotcocktail“ von ihm) weichen immer mehr einer Sympathie für die junge Soldatin.
Sehr sehenswert und für mich einer der bewegendsten Filme, die ich in letzter Zeit geschaut habe. Gott, ich werde weich. 9/10.