Review

Einsamer Mann findet Nymphomanin.

Oberflächliche Polarisationen vermitteln die ersten Eindrücke, die Lars von Triers Abschluss seiner „Depressions-Trilogie“ offenbart. Schon das Auffinden der verbrauchten Sexsüchtigen durch den fromm eingerichteten Einzelgänger im narrativen Rahmen ist eine offensichtliche Polarisation, die sich augenblicklich von jeglichem zwanghaften Realismusdenken frei sagt und symbolisch zu deuten ist. Folgerichtig wird es in Joes Erzählungen später auch zu verblüffenden Zufällen und Unwahrscheinlichkeiten kommen, deren Glaubwürdigkeit Seligman immer mal wieder in Frage stellt, ohne dabei die Wahrscheinlichkeit seiner eigenen Situation in Frage zu stellen, plötzlich eine verletzte Frau im Bett seiner einsamen Wohnung liegen zu haben.

Als Joe mit ihrer Geschichte beginnt, sieht sich Seligman als aufmerksamer Zuhörer alsbald in der Pflicht, gibt aber auch einem dringlichen Verlangen nach, eigene Exkurse passend zur jeweiligen Stelle einzubringen. Der Theoretiker leert dabei einen Füllkrug mit Bücherwissen nach dem anderen. Mit seinen anfangs einfach zu dechiffrierenden Anglermetaphern eröffnet er den Reigen, so dass von Triers Beweggründe zu Beginn niederer und provokativer Art zu sein scheinen, gerade angesichts der medial heiß diskutierten Hardcore-Porno-Segmente, die in der Rezeption traditionell mehr um Daseinsberechtigung kämpfen müssen als alle anderen stilistischen Mittel des Kunstfilms, auch und vor allem mehr als die Gewalt. Ein bescheidener Mann nimmt eine Nymphomanin bei sich auf und vergleicht ihre Raubzüge im jungen Alter mit dem Angeln? Rechtfertigen derart einfache Bilder etwa in einem Arthaus-Werk erigierte Penisse, die in alle erdenklichen Öffnungen des weiblichen Körpers eindringen?

Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto schillernder erscheinen die Gestaltungswege des Regisseurs. Provokant eröffnet er zwar bereits mit einem Song von Rammstein (und frischt damit Erinnerungen an David Lynch auf), um im Gesamtbild bei aller vermittelten Aggression und Depressivität doch ein erstaunlich nüchternes, ruhiges Werk zu liefern. Uma Thurmans bemerkenswerter Ausbruch der Verzweiflung in Episode 3 bleibt neben den martialischen Rammstein-Riffs ein einsamer Hall, und selbst er beginnt mit emotionaler Unterdrückung und einem erstickenden Guss aus Zynismus.

Jedes der Kapitel folgt einer eigenen Bildsprache, ein Deckbild mit personalisierter Typografie ziert den Auftakt und verspricht, neue Nuancen im Leben Joes zu beleuchten. Indes Charlotte Gainsbourg ihren Facettenreichtum im Rahmen bereits andeutet, wird sie in den Kapiteln von Vol. 1 fast vollständig von Stacy Martin vertreten, die ebenso wie Gainsbourg in Vol. 2 in den Hardcore-Sequenzen zwar gedoubelt wird, allerdings dennoch vollen Körpereinsatz zeigt und tatsächlich über den Körper fast mehr spielen muss als über die Mimik. Der Zeitsprung von etwa 15 Jahren lässt sich an ihrem Äußeren nicht unbedingt ablesen, muss dies aber auch nicht unbedingt, da von Trier seinen Realismusanspruch ja bereits an der Garderobe abgegeben hat und nur an der Stilisierung der jeweiligen Anekdoten interessiert ist sowie an dem, was Seligman dazu an Diskursen einfällt.

Derweil von Trier je nach Kapitel traumhaft schöne Bilder von Herbstwäldern, sepiafarbene Büro-Tristesse oder spannende Schwarzweißkontraste gestaltet und darin gefallene Darsteller (herausragend: Christian Slater) oder unerfahrene (überraschend: Shia LaBeouf) zu guten bis sehr guten Leistungen peitscht, beginnen die Analysen Seligmans langsam ihre Äste in die Synapsen des Zuschauers zu schlagen. Weil er die als Provokationsversuch angelegte Erzählung Joes nicht etwa nur mit Anglerjargon kontert, sondern seinen Wissensteich zunehmend ausbreitet und mit philosophischen Gedanken wie auch Trivia füttert, bekommen die Exzesse der Nymphomanin, deren Gesprächston jederzeit eine Steigerung der Drastik der Ereignisse verspricht, einen fast schon naturalistischen Unterton, mit dem Seligman seiner Besucherin gewissermaßen eine Absolution erteilt – sie könne eben nichts für ihr Handeln, so sei der Lauf der Dinge. Dies wiederum führt zu spannenden Kontroversen im Rahmen selbst, zumal die Erzählerin keineswegs um die Absolution bittet, die man ihr gewährt. Von Trier lässt die prinzipiell sorgfältig befolgte Konvention der Kapitelstrukturierung gerne mal schleifen, um den Debatten zweier Geister beizuwohnen, die miteinander unvereinbar scheinen und die doch gerade durch ihre Gegensätzlichkeit nah beieinander liegen.

Doch beim reinen Naturalismus bleibt es nicht; alsbald gesellen sich religiöse Motive in die Erzählung selbst wie in ihren Rahmen, interpretiert allerdings aus agnostischer bis atheistischer Perspektive. Die Komplexität der Darstellung der Nymphomanie sorgt im Rückblick für eine urteilsfreie, allgemeingültige Akzeptanz, was angesichts der Niederträchtigkeit der Hauptfigur in mancher Episode ein wahrhaft großer Wurf ist.

Dass nach knapp zweieinhalb Stunden – wieder zu Rammstein – der Abspann einsetzt und einen (in der Montage recht verstörenden) Clip zu Vol. 2 nachsetzt, kann keine künstlerischen Gründe haben, sondern bestenfalls mediale; so, wie man eine Schallplatte umdrehen muss, um die B-Seite zu hören. So ist nun Stacy Martin das Gesicht von Vol.1. Sie verkörpert die kühlen, distanzierten Jugendjahre von Joe, die der dänische Kunstfilmer aber nicht immer ohne Humor inszeniert. Längen sind je nach Betrachtungsweise natürlich dennoch einzuräumen (wobei derart gestellte Fragen immer auf die Frage hinauslaufen, wie weit Kunst ausholen darf; und diese Frage ist obsolet, wenn man davon ausgeht, dass Kunst ohne Grenzen bleiben muss), auch die Nachvollziehbarkeit des künstlerischen Standpunktes mag sich nicht ohne weiteres erschließen. In jedem Fall aber ist „Vol. 1“ ein ästhetisch inspirierendes Portrait, das ebenso wie das Gemälde in Seligmans Raum ohne Vol.2 eben nur zur Hälfte sichtbar ist.

Details
Ähnliche Filme