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Zuweilen lohnt ein Blick auf die Produktionen benachbarter Länder durchaus, auch wenn die Glanzzeiten Italiens in Sachen Grusel und Horror schon eine Weile zurück liegen. Regiedebütant Riccardo Paoletti erzeugt mit seinem Mysterystreifen eine recht eigentümliche Atmosphäre, die ein wenig an düstere Werke Frankreichs der Sechziger erinnert, wobei eine Querverbindung zu "Das Schreckenshaus des Dr. Rasanoff" recht deutlich hervorsticht.

Jenny wuchs als Italienerin in New York auf und besucht nun ihren Vater James in der Toskana. Dieser wohnt in der Nähe eines sagenumwobenen Sees, dem "See der Götterstaturen", dem heilende Kräfte nachgesagt werden. Bei einem ihrer Ausflüge trifft sie auf eine kleine Gruppe Kinder, die in einem abgelegenen Waisenhaus leben und Jenny in ein düsteres Geheimnis einweihen...

Bereits der Vorspann offenbart einen sensiblen Umgang mit Farben und Formen, als der See in poetische Bilder gehüllt wird, eine Frau in weißer Kleidung hinein taucht und rote Tropfen eine zarte Verfärbung des Wassers verursachen.
Nach kurzer Einführung der wesentlichen Figuren weiß man eigentlich nie mehr als Jenny, auch wenn bereits früh erahnbar ist, dass ihr Vater, ein früherer Chirurg und nun archäologisch interessiert, mindestens eine Leiche im Keller versteckt halten muss und auch seine Lebensgefährtin nicht alle Lauten am Zaun haben dürfte.

Zwar sieht man von der umliegenden Gegend etwas wenig, dafür strahlt der titelgebende See eine mysteriöse Aura aus, wobei das nicht weit entfernte Waisenhaus mit den auffallend bleichen Kindern ebenfalls eine unheilvolle Stimmung mit sich bringt.
Als Jenny auf ein blindes Mädchen aus dem Waisenhaus stößt, ist sie zunächst verängstigt, doch bald darauf besucht sie die Kinder regelmäßig und liest ihnen vor, während der wortkarge Peter langsam Vertrauen fasst und Jenny schrittweise in die dunklen Geheimnisse einweiht.

Allzu viele Schauereffekte sollte man bei alledem nicht erwarten, da der Fokus klar auf den Aufbau der latent bedrückenden Stimmung gerichtet ist, welche vom zurückhaltenden Score und den weitgehend ausgeblichenen Farben adäquat unterstützt wird. Kamera und Schnitt liefern grundsolide Arbeit ab und auch die Mimen performen durch die Bank solide, wenn auch nicht übermäßig nuanciert. Erzählerisch schwelgt Paoletti zwar manchmal etwas zu sehr in verträumten Szenerien und lässt das Fortkommen der Geschichte ein wenig außer Acht, doch spätestens zum Finale entschädigt die stille Wucht der Dramaturgie.

Denn neben der eigentlichen Auflösung ist die Enthüllung des Geheimnisses in seiner Gänze ein kleiner Schlag in die Magengegend und auch ein Twist offenbart menschliche Abgründe. Trotzdem gelingt es, einen gesunden Hoffnungsschimmer zu hinterlassen, der einige düstere Gegebenheiten ein wenig abfedert, ohne direkt ins Kitschige abzudriften, was bei einem Regiedebüt keine Selbstverständlichkeit darstellt.

Somit untermauert der Italiener Paoletti, dass er sich problemlos für weitere Genrewerke empfiehlt, da er viel Gespür für eine dichte Atmosphäre mitbringt und dabei angenehm unaufgeregt erzählt, schnörkellos vorträgt und nur selten etwas zu lange in ruhigen Einstellungen verharrt. Kein genretechnischer Meilenstein, doch wer ohne sonderliches Blutvergießen und Schockeffekte am Fließband computerfreies Gruselmaterial mit fast schon nostalgischer Note bevorzugt, dürfte mit "Neverlake" eine angenehm düstere Zeit verbringen.
7 von 10

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