„Ich habe keine Probleme mit Drogen, Sex und Alkohol!“
Ich auch nicht, höchstens ohne – ebenso ohne meine regelmäßige Dosis ‘80er-Horrorfilmchen und so griff ich eines Tages zu einem Film des US-Regisseurs Ed Hunt, von dem mir bis dato lediglich der Slasher „Totale Angst über der Stadt“ bekannt war. „Das Gehirn“, die US-amerikanisch-kanadische Koproduktion aus dem Jahre 1988, markierte dann auch das vorläufige Ende der Regiekarriere Hunts bis zu seinem Comeback-Versuch mit „Halloween Hell“ 2014.
„Dr. Blake ist ein Alien!“
Der verhaltensauffällige Schulrabauke James Majelewski („Die Doppelgänger“) wird von seinem Schulrektor ausgerechnet in die Obhut des Irrenarztes Dr. Blakes (der Mad-Scientist-erprobte David Gale, „Re-Animator“) gegeben, der im Lokalfernsehen die regelmäßige Psycho-Show „Unabhängiges Denken“ sendet und das Vertrauen der Kleinstadtbewohner genießt. Er soll Jugendliche wie Jim zur Räson bringen. Doch was niemand ahnt: Dr. Blake arbeitet mit einem überdimensionalen außerirdischen Gehirn zusammen, das er im Souterrain seiner Forschungsanstalt in einem Glaskasten hält und verkabelt hat. Dieser extraterrestrische Organismus entsendet, verstärkt durch die TV-Ausstrahlungen, manipulierende Hypnowellen, die die Jugendlichen zu durchgeknallten Mördern werden lassen – und dem Gehirn damit zu Wachstum und Macht verhelfen. James durchschaut das mörderische Spiel und setzt alles daran, das grausame Treiben zu stoppen…
„Ihre These ist eine absolut unwissenschaftliche Annahme!“
Im herrlich kruden Prolog werden eine Jugendliche und ihre Mutter von einem tentakeligen Riesenhirn angegriffen. Der Backfisch setzt sich gegen das Monstrum zur Wehr und ersticht dabei seine Mutter, denn der Angriff entpuppt sich als Halluzination mit tödlichen Folgen. James wiederum hat den höchsten IQ an seiner Schule, ist jedoch nicht ganz ausgelastet und spielt gern Streiche. Als er sich infolgedessen in Blakes Klapse wiederfindet, begegnet ihm nicht nur ein Genrestandard in Person eines irren Warners, sondern auch die sexy Arzthelferin Vivian (Christine Kossak, „Die Zeit der bunten Vögel“), die sich in James‘ Visionen (und damit dem Zuschauer) oben ohne zeigt. Als sie sich etwas später kritisch gegenüber Blakes Versuchen zeigt, wird sie leider vom Gehirn aufgefressen. Dieses hat sogar ein Gesicht, das stark an Iron-Maiden-Maskottchen Eddie erinnert. Im Auto wird der ausgebüchste James von Gehirn-Visionen angegriffen, wodurch er einen schweren Autounfall baut. Im Imbiss, in dem seine Freundin Janet (Cynthia Preston, „Prom Night 3 - Das letzte Kapitel“) arbeitet, kämpft er gegen das Gehirn an und demoliert dabei den Laden. Blakes Helfer (George Buza, „Sie kämpfen für die Freiheit“) fängt ihn dort wieder an und als Kumpel Willi (Bret Pearson) und Janet James zur Hilfe eilen, wird Willi zu Futter fürs Gehirn. Im Anschluss entwickelt sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei, an dessen Ende Blakes Assistent den nichts Böses ahnenden Polizisten erschlägt und kolportiert, James sei der Täter. Blake ruft über seine TV-Sendung zur Jagd auf James auf, der Rektor wird von seiner Frau mit einer Elektrosäge zerlegt und als sich James und Janet in der Schule verstecken, haben sie endlich ihren Sex miteinander – so hatte das ganze Elend also doch irgendwie etwas Gutes –, wenngleich Janet anschließend Zweifel an James Unschuld kommen (und während ich dies tippe, fällt mir die Doppeldeutigkeit auf – tiefgründiger Humor à la Ed Hunt!). Es kommt zu einer weiteren Verfolgungsjagd mit den Gesetzeshütern, das Gehirn knurrt ständig in seinem Glaskasten und kommuniziert schriftlich über einen Computer mit Blake, die nackte Vivian hat ein kurzes Comeback als Vision und im Finale gibt’s dann noch mal etwas Geschmodder. Blake leidet offenbar unter schwachem Bindegewebe, das Gehirn ist plötzlich riesengroß und James erinnert sich an seinen Sodium-Streich…
„Sehen Sie sich Ihr eigenes neurotisches Verhalten an!“
Man tat gut an der Wahl des Antagonisten, denn so kann dieses Vehikel niemand ernsthaft als hirnlosen Film bezeichnen. Das Gehirn ist aus Latex o.ä. handmodelliert, die Spezialeffekte entstammen ebenfalls der guten alten manuellen Schule und machen im Zusammenhang mit diesem Science-Fiction-Creature Feature Laune, wenn sie bisweilen auch arg durchschaubar ausgefallen sind. Trotz seiner Gewaltspitzen ist dieser in Kanada gedrehte Film nicht sonderlich blutig, was er auch nicht gebraucht hätte. Eine Hintergrundgeschichte liefert man indes leider nicht und so bleibt fraglich, woher genau das Gehirn kommt, was es sich davon verspricht, auf der Erde in einer US-Kleinstadt die Bevölkerung zu dezimieren, um im blöden Glaskasten Riesenwuchs zu betreiben – und was genau Dr. Blake davon hat. In erster Linie wird dadurch natürlich im Subtext Kritik an manipulativen Sekten und ähnlichen Organisationen betrieben, an geheuchelter Heile-Welt-Idylle und an fragwürdigen Umerziehungsmethoden für juvenile Delinquenten. In Kombination mit Mad-Scientist-Motiven sowie Verbeugungen vor bzw. Entlehnungen aus medienkritischen Klassikern wie Cronenbergs „Videodrome“ ist ein unterhaltsamer B-Movie entstanden, bei dem ich mir nicht ganz sicher bin, wie ernst er genommen werden möchte. Dramaturgische Durchhänger und die dünne, dafür umso beklopptere Handlung werden jedoch durch seinen unnachahmlichen ‘80er-Trash-Appeal und seine gerade auch grafische Plakativität weitestgehend abgefedert, die um Seriosität bemühten Schauspieler liefern in Ordnung gehende bis gute Leistungen ab und unterm Strich ist alles enthalten, was ein solcher Film braucht – wenn die einzelnen Versatzstücke von anderen Regisseuren und/oder Drehbuchautoren auch hochwertiger und stimmiger zusammengesetzt wurden.
Auf der deutschen Videohülle war zu lesen, dass dieser Film als Warnung verstanden werden solle. Vor fiesen Sekten? Wahnsinnigen Psycho-Docs? Der B-Film-Industrie? Alles falsch. Aufschluss gibt der Abspann:
„The washroom scene is a dramatic representation. Combining sodium and water may cause serious injury. Do not attempt it!!!“