THE BRAIN
(THE BRAIN)
Ed Hunt, Kanada/USA 1988
Ed Hunts The Brain (hierzulande auch Das Gehirn) ist waschechter Achtzigerjahre-Trash oder etwas genauer gesagt Achtziger-Sci-Fi-Creature-Horror-Trash, der nie wirklich für Furore gesorgt, aber unter Kennern keinen schlechten Ruf hat. Darauf, dass der Streifen leicht mit Freddie Francis‘ gleichnamiger Arbeit aus dem Jahr 1962 (hierzulande Ein Toter sucht seinen Mörder) oder Charles Bands 1996er-Gurke Head of the Family (hierzulande The Brain) verwechselt werden könnte, sei nur am Rande verwiesen – ernst zu nehmende Folgen hätte das nicht.
Zur Lage: In einer öden nordamerikanischen Kleinstadt hält der Mad Scientist vom Dienst Dr. Anthony Blakely in seinem „Psychological Research Institute“ ein außerirdisches Gehirn am Leben (!), das in einem Glaskasten sitzt und irgendeine bewusstseinszerstörende Strahlung aussendet. Dieses Gehirn, wird uns mitgeteilt, „muss immer mehr Menschen unter seine Kontrolle bringen, sonst stirbt es“. Die Sache mit der Kontrolle funktioniert so, dass die erwähnte Strahlung durch Dr. Blakelys populäre TV-Sendung „Independent Thinking“ unter die Fernsehzuschauer gebracht wird, welche unter ihrem Einfluss grausige Tentakelerscheinungen halluzinieren oder treudoof beziehungsweise ferngesteuert in Blakelys Institut latschen, um dort, ähm ... was auch immer zu tun.
Wo das Gehirn herkommt und was genau Dr. Blakely (der in der deutschen Synchronfassung übrigens auch gern einmal Dr. Blake oder Dr. Black genannt wird) über seine Funktion als reiner Erfüllungsgehilfe hinaus mit ihm zu tun hat, bleibt im Dunkel – wo es genau genommen gar nicht so schlecht aufgehoben ist. Weil aber Dr. Blakely nicht alles allein machen kann, wird die Antagonistenfraktion durch seinen tumben Helfer Verna vervollständigt.
Was fehlt, ist ein Held – den finden wir im jungen Jim Majelewski, der sein letztes Jahr am College absolviert und dort in bester Paukerschreck-Manier allerlei Unfug treibt. So viel Unfug sogar, dass ihn die Schulleitung nach einem Natrium-Angriff auf die Schultoilette vor die Wahl stellt, seinen umgehenden Hinauswurf zu akzeptieren oder sich in Dr. Blakelys Institut einer „Besserungsbehandlung“ zu unterziehen. Zähneknirschend wählt er die letztere Option und kommt bei seinem Besuch im Institut natürlich unserem Titelhelden und seinen (vermeintlich) irdischen Handlangern auf die Schliche – wodurch er ganz automatisch in Lebensgefahr gerät.
Zwar gelingt ihm mit etwas Glück die Flucht aus dem Institut, aber fortan wird er nicht nur von Verna verfolgt: Die Polizei macht ihn für eine Reihe von Morden verantwortlich, die auf das Konto des Gehirns gehen, und somit sind bald alle außer seiner Freundin Janet hinter ihm her. Da er mit Sicherheit davon ausgehen kann, dass ihm niemand seine Geschichte abkauft, muss er nun also erstens weiterfliehen und zweitens auch noch den Kampf gegen das inzwischen munter wachsende extraterrestrische Glibbermonster aufnehmen – womit wir auch schon einen entscheidenden Schwachpunkt dieses Films hätten: Jim Majelewski.
Schulschreck Majelewski ist ein superschlauer, verzogener und eingebildeter Spät-Teenie, der als Held und Identifikationsfigur herzlich wenig geeignet erscheint und mit Blick auf seinen Charakter weit eher auf die Monsterfutter-Liste gehört hätte. Wirklich mitfiebern will man da nicht. Aber The Brain ist ohnehin kein Film zum Mitfiebern: Hier schaut man nicht zu (wenn man’s überhaupt tut), weil man von der Handlung gefesselt oder gar mitgerissen wird, sondern vorrangig, um über den Blödsinn staunen zu können, den einem Ed Hunt und sein Skript in verschwenderischem Ausmaß vorsetzen.
Dabei beginnt die Sache furios: Die erste Sequenz, in der eine Mutter und ihre Tochter einer Reihe fieser Tentakel-Halluzinationen zum Opfer fallen, ist abgesehen von ihrer billigen Umsetzung durchaus intensiv und wirkungsvoll – und zeigt ganz nebenbei, dass Drehbuchautor Barry Pearson den Genreklassiker A Nightmare on Elm Street gesehen und verstanden hat. Nach seiner wilden Startphase mit blutenden Plüschteddys oder aus TV-Geräten, Auto-Armaturenbrettern und Mixern hervorschießenden Tentakeln geht dem Streifen jedoch recht schnell die Puste aus. Daran ändert auch das titelgebende schleimige Gehirn nur wenig, welches als bestes Beispiel dafür dient, dass hier nichts, aber auch gar nichts auch nur ansatzweise durchdacht und das ganze geschilderte Treiben kaum mehr als eine Nummernrevue ist, die sich von Szene zu Szene hangelt.
Dieses Gehirn lebt eigentlich in einem Glaskasten und benutzt zur Einflussnahme auf die Außenwelt irgendeine Strahlung sowie die Hilfe seines „Betreuers“ Blakely, taucht aber gelegentlich auch an anderen Orten physisch auf, um dort ein paar Leute zu verspeisen. Dies geschieht sogar schon, bevor ihm gegen Filmmitte ein riesiges Monstermaul wächst (!) – wie das alles funktionieren soll, weiß der Kuckuck. Im Finale (Spoiler bis zum Absatz!) rutscht es dann übermannshoch durch einen Heizungskeller, frisst mit Verna den eigenen Helfer auf und lässt sich vom Helden mit einer Natrium-Büchse schlagen, statt ihn und seine Freundin in einem Stück zu verschlingen, was größenmäßig kein Problem gewesen wäre. Und zu guter Letzt muss es auch noch die Büchse mit dem Natrium schlucken und explodiert davon fünf Mal (!! – Spoiler Ende).
Dies mag sich nun zumindest aus der Sicht des Trash-Liebhabers ganz prächtig anhören, aber viel mehr hat The Brain dann auch leider nicht zu bieten. Für die zweite Hälfte ihres Films ist Pearson und Hunt nahezu überhaupt nichts mehr eingefallen, weshalb man bis zum Finale beispielsweise einer ellenlangen und verstörend ereignislosen „Autoverfolgungsjagd“ auf einer leeren Landstraße beiwohnen darf (was freilich auf eine gewisse Weise auch denkwürdig ist) oder die Mitwirkenden pausenlos durch irgendwelche Gänge, Flure und Treppenhäuser rennen sieht – nur gelegentlich durch sekundenkurz hineingeschnittene Bilder des Gehirns unterbrochen, die irgendwann ob ihrer Statik auch leicht zu nerven beginnen. Den allergrößten Spaß macht das alles nicht, womit ein weiteres entscheidendes Thema angesprochen ist: The Brain gibt sich zwar nicht bleischwer und hat sowohl ein paar lockere Sprüche als auch regelrecht infantile Momente auf Lager, ist aber keineswegs vordergründig humorvoll angelegt. Selbst die unfreiwillige Komik bleibt überschaubar und beschränkt sich auf die Szenen mit dem maßlos bescheuert gestalteten Gehirn (na gut: und die „Autoverfolgungsjagd“). Dennoch sorgt so etwas natürlich für Unruhe, und es gibt Momente, in denen man wirklich ins Grübeln kommt, ob man hier einer missratenen Komödie oder leidlich ernst gemeintem Sci-Fi-Horror beiwohnt – beides lässt sich nicht mit Sicherheit ausschließen, wie freilich auch die Möglichkeit, dass Ed Hunt selbst nicht wusste, was er da eigentlich zusammendreht. Die Tatsache, dass hier Menschen durch das TV-Programm manipuliert werden, lässt sich zwar recht gut als Medienkritik interpretieren, aber die war ganz gewiss kein zentrales Anliegen der Verantwortlichen. Ihr Interesse galt einem außerirdischen Gehirn, das fleißig wächst, durch Kellergänge rutscht und Menschen frisst. Um’s also noch einmal ganz deutlich zu sagen: The Brain ist Schwachsinn.
Auf der visuellen Ebene ist hier erwartungsgemäß ebenfalls nicht viel zu holen: Der Streifen kommt mit blassen und sehr angestaubt wirkenden Bildern im normalen 1.85:1-Format daher, die zu allem qualitativen Übel auch noch vorwiegend lausige Schauplätze wie riesige verdreckte Heizungskeller oder ein trostloses Kaff im kanadischen Hinterland (das hier ein trostloses Kaff im US-amerikanischen Hinterland doubelt) zeigen. Der Tricktechnik darf man zugutehalten, dass sie sich vollständig auf traditionelle Handarbeit stützt, aber das waren dann auch schon die guten Nachrichten. Dabei war das gegen Ende wirklich kolossale Latex-Glibber-Gehirn gewiss nicht im Handumdrehen und nebenbei anzufertigen, aber es leidet wie schon angedeutet unheilbar an seiner durch und durch lächerlichen Gestaltung. Zudem sehen die häufig eingesetzten Tentakel billig aus und auch bei einigen kurzen Splatterszenen (der Streifen hatte einstmals sogar eine 18er-Freigabe!) gibt es beträchtliche Reserven. Als beispielsweise eine von den TV-Strahlen beeinflusste Frau ihren Mann mit einer Kettensäge in Hüfthöhe zerteilt, wird das sicherheitshalber schon aus einer Entfernung von gefühlt fünfzig Metern gezeigt, und man sieht immer noch überdeutlich, dass da an einer Puppe herumgewerkelt wird.
Den Darstellern kann man derweil zumindest keine Böswilligkeit oder komplette Unfähigkeit vorwerfen – was die Freude am Auftritt von Tom Bresnahan (in den Credits Tom Breznahan) als Jim Majelewski freilich nicht größer macht: Talent oder Ausstrahlung sind bei ihm nicht zu finden. Cynthia Preston (in den Credits Cyndy Preston) hält sich als Majelewskis Freundin recht wacker, ist angenehm und verdient sich einen dicken Extrapunkt dafür, dass sie eine für Achtziger-Verhältnisse geradezu zauberhafte Frisur trägt. Darüber hinaus fällt der füllige George Buza als Verna vor allem durch seinen monumentalen Schnauzbart auf und Christine Kossak (in den Credits Christine Kossack) darf als anfängliche Gehilfin Blakelys und erste Mahlzeit des Gehirns einige Minuten lang ihre Möpse in die Kamera halten. Das einsame darstellerische Highlight des Streifens ist jedoch ein anderer: David Gale, der legendäre Mad Scientist aus Stewart Gordons Re-Animator, hat als Dr. Blakely wieder eine Paraderolle und mehr Charisma als alle anderen hier Mitwirkenden zusammen. Der Score ist schließlich ein Kind der Achtziger und kommt dementsprechend mit mehr oder weniger konventionellen Synthieklängen daher. Insgesamt fällt er damit nur wenig auf, und das ist gut so.
Unter dem Strich bleibt also ein zumindest inhaltlich locker-leicht dahingeschluderter, bedenklich ideenarmer, billiger und selbstredend sinnfreier Old-School-Sci-Fi-Horror-Heuler, der bis auf einige Ausnahmen weder freiwillig noch unfreiwillig komisch und noch weniger ernst zu nehmen, spannend oder gar gruselig ist. Was genau man mit ihm anfangen soll, bleibt daher zumindest dann fraglich, wenn man sich überhaupt auf ihn einlässt – was tatsächlich nur ausgewiesene Freunde des gepflegten Blödsinns tun sollten. Die finden hier allerdings genau genommen sogar einen Pflichtfilm vor: Dinger wie The Brain muss man sehen und kennen, wenn man als Trash-Fan etwas auf sich hält. Auch ich hatte mit diesem immerhin angenehm zum Bizarren tendierenden Streifen eine ordentliche Zeit, aber sie wäre fraglos noch besser gewesen, wenn Ed Hunts Arbeit nicht ganz so oft nach einer Halloween-Party von Grundschülern gerochen hätte.
PS: The Brain war für lange Zeit Ed Hunts letzte Regiearbeit – erst 26 Jahre später hat er es noch einmal versucht, mit Halloween Hell jedoch nur einen komplett versemmelten Horrorthriller abgeliefert.
(07/21)
Objektiv müssen 4 von 10 Punkten reichen, Trash-Liebhaber dürfen noch zwei oder drei hinzurechnen.