Oh weh, oh weh! Selten wurde ein Remake so kritisch beäugt wie das des blechernen Gesetzeshüters aus Detroit City. Erst recht als laut wurde, dass der Neuaufguss in einer überaus jugendfreundlichen Version starten und somit all die herrlichen Gewaltexzesse missen würde, die man am Original von Paul Verhoeven so genossen hat. Vom Splatter freudigen Dauerfeuer-Cyborg zum FSK12-Milchbubi? Gott bewahre! Dass aber selbst ein Film mit verharmloster Gewaltdarstellung und glatt gebügelter Optik ein pfundiges Actionbrett (und auch definitiv ein wesentlich besseres Remake als der TOTAL RECALL-Schmonsens mit Collin Farrell) darstellen kann, stellt ROBOCOP (2014) zu genüge unter Beweis.
Die Welt in naher Zukunft. Der US-Rüstungskonzern OmniCorp (OCP) versendet seine Roboterkrieger, wie das altbekannte Riesenhuhn ED-209, in Krisengebiete und Kriegsschauplätze auf der ganzen Welt. Innerhalb der USA ist der Einsatz von militarisierter künstlicher Intelligenz zum Schutze der Bevölkerung nicht gestattet. Doch das soll jetzt mit dem neuen Modell anders werden. Zeitgleich in Detroit: Aus der Asservatenkammer des Polizeireviers verschwinden High-Tech-Waffen. Murphy (Joel Kinnamann), Cop aus Leidenschaft, wittert Verrat in den eigenen Reihen. Als er bei der Recherche dem Oberschurken und Waffenschieber zu nahe kommt, wird der Verbrecherjäger Opfer eines Bombenanschlags. Übrig bleiben nur sein Kopf, zwei Lungenflügel und eine Hand. Die einzige Chance auf lebenserhaltende Maßnahmen bietet sich in dem Cyborg-Projekt von OmniCorp. Unter der Leitung von Wissenschaftler Dr. Norton (Gary Oldman) wird aus den kaum mehr lebensfähigen Überresten von Murphy ein kybernetischer Roboterpolizist - halb Mensch, halb Dosenöffner. Nachdem Robocop Detroit schön brav vom Gesindel befreit hat, gewinnt die menschliche Seite Oberhand über den Blechmann. Nun kann Murphy endlich den Fall mit den Waffenschiebern abschließen...
Das Projekt stand lange unter keinem guten Stern. Erst verlor MGM Darren Aronofsky (REQUIEM FOR A DREAM, BLACK SWAN) als Regisseur (wäre bestimmt interessant geworden!), dann dauerte die Fertigstellung eine geschlagene Ewigkeit, in 3D kam der Film auch nicht wie geplant und schließlich die Hiobsbotschaft mit der FSK12. Nach Jahren des Wartens erreicht uns nun ein kritisch beäugtes Remake von einem brasilianischen Regisseur, den man nicht kennt, mit einem schwedischen Hauptdarsteller, der einem auf den ersten Blick unsympathisch ist.
Im Vergleich zum Original ist freilich vieles anders: Robocop ist kein rheumatisch staksender Metallhaufen, sondern flink, agil, echt flott unterwegs und erinnert mit seiner mattschwarzen Panzerung an Iron Man, Judge Dredd oder den "Ninja" aus METAL GEAR SOLID, ein bisschen TRON und Daft Punkt sind auch mit dabei. Robocop hat keine Superwumme, die er wie ein Cowboy um den Finger zwirbelt, keine Prime Derectives und sein Partner Lewis ist ein Mann, nicht wie im Original eine Frau. Murphy darf deutlich mehr Mensch bleiben als im Original. Es fehlt der beißende Zynismus von Verhoeven, die kühlen, blechernen Sprüche und die humoristischen Seitenhiebe á la "Nukem"-Brettspiel oder "Sunblock 5000". Damals kam ROBOCOP beinahe einer modernen Sci-Fi-Version von Frankenstein (O-Ton: Peter Weller) oder Cronenberg'schem Bodyhorror gleich. Es wurden die Schrecken der modernen Medizin aufgezeigt und die Amoral des technischen Fortschritts. Trotz des ganzen Actionbrimboriums übte der Film heimlich Kritik an Technologisierung und Werteverfall. Dies kann vom Remake nicht behaupten werden. Ist ja auch klar: Mittlerweile leben wir längst in einer hochtechnologischen Welt, einer Gesellschaft mit Werteverfall und Bodyhorror, einer Welt, die Verhoevens ROBOCOP in den 80ern noch angeprangert hat. Was will das Remake da noch in sarkastischer oder durch das Stilmittel der Übertreibung kritisieren. Plastische Chirurgie, lebensverlängernde Maßnahmen, Cyborg ähnliche Prothesen für Amputationsopfer: längst Realität. Was gäbe es da noch anzuprangern? Dennoch finden sich bei genauem Hinsehen Querschläger mit Bezug auf Aktuelles, wie da wären Teheran als Einsatzort für ED-209 und das Wörtchen "Whistleblower", das gegen Ende mal auftaucht. Die Darstellung von Detroit als pulsierende Wirtschaftsmetropole ist dagegen ein schlechter Witz, wo doch die einstige Arbeiterstadt nach dem Fall von General Motors immer mehr vor die Hunde geht.
Nun aber zu den Aspekten, die aus dem Remake einen anstandslos unterhaltsamen und empfehlenswerten Film machen: Michael Keaton als eiskalter Geschäftsmann Sellars, der Kopf von OCP. Gary Oldman als fanatischer Wissenschaftler, der sich bemüht einen Rest Menschlichkeit zu bewahren. Jackie Earle Haley (WATCHMEN, NIGHTMARE ON ELM STREET [2010]) als beinharter Robotertrainer. Samuel L. Jackson als grauhaariger, voreingenommener Nachrichtensprecher. Er wird zensiert, als er "Motherfucker" sagt. Im OLDBOY-Remake durfte er das noch.
Ja, der Streifen lebt zum einen von seinen tollen Schauspielern. Zum anderen von den atemberaubenden Special-FX, die wirklich der Creme de la Creme des aktuell Möglichen entsprechen. ED-209 nicht in ruckelnder Stop-Motion, sondern flüssig und flott in Aktion zu sehen, hat schon was. Es folgen etliche technische Spielereien wie gigantische Holo-Touchscreens. Robo-Murphy kann sich nun wie der Kerl aus dem Game WATCH DOGS in sämtliche Datennetzwerke, Steckbriefe, Handys, Überwachungskameras und weiß der Geier was hacken, um auf dem Laufenden zu sein. Wenn der Dopamin-Spiegel des Heavy Metal Cops mittels iPad reguliert wird, dann wirkt das gar nicht mehr so futuristisch.
Alle, die sich Sorgen wegen der FSK-12-Freigabe machte, können beruhigt sein: für einen jugendfreien Film bietet ROBOCOP einen hoher Bodycount, viel Action, OPs am offenen Cyborg-Gehirn und es wird sogar auf Kinder geballert. Die Action macht ihrer Rasanz und Ausgeklügeltheit wegen Spaß. Da vermisst man gar nicht, dass nicht literweise Kunstblut spritzt.
Die Story weiß auch zu überzeugen. Da würde noch so einiges an der ursprünglichen Handlung gefeilt. Der Plot lässt sich viel Zeit mit der Einführung der Charaktere. Der Kosmos um Waffenkonzern OCP wird detailliert erklärt. Bis Murphy zum Cyborg Cop wird, vergeht locker eine Stunde. Aus Zeitgründen fällt die anschließende Säuberung Detroits etwas mager aus. Der Blechbulle verhaftet an seinem ersten Arbeitstag unzählige Verbrecher (im Off!), macht sich dann aber sogleich daran in seinem eigenen Fall zu recherchieren.
Kurzer Einschub: Warum stößt einem das als Fan gleich so hart auf, wenn ein Süppchen anders gekocht wird, als wir es gewohnt sind? ROBOCOP (1987) ist bahnbrechender 80's-Kult wie STAR WARS, POLICE ACADEMY, GHOSTBUSTERS, Hulk Hogan, ALF oder die TURTLES. Im Grunde heilig und unerreichbar, weil mit diversen Kindheitserinnerungen und Nostalgie behaftet. Ich frag' jetzt mal einfach: Wer bitte von euch, die ihr in den 80ern aufgewachsen seid, hatte keine Robocop-Actionfigur?
Vielleicht versucht man mit solchen Filmen an der Vergangenheit festzuhalten. Vielleicht schafft es ein Actionklopper aus den 80ern auch für 90 Minuten die Kindheit wieder aufleben zu lassen. Dass das ein Remake nur im seltensten Fall schafft, ist verständlich. Die Zeiten haben sich geändert. Mittlerweile ist man "erwachsen". Egal wie retro ein Film noch sein mag, das Feeling von damals, als man das erste Mal im Nachtprogramm ROBOCOP in brutal gekürzter Version im TV gesehen hat und es trotzdem super cool fand, bringt einem kein Remake der Welt zurück. Respekt daher an den neuen ROBOCOP, dass er eigene Wege beschreitet. War Peter Weller mehr Actionfigur, ist... wie heißt er nochmal gleich dieser Schwede... eben eher die athletische McFit- / Crystal-Meth-Version des Blechbullen. Klingt zeitgemäß. Und ist es auch.
Action / FX: (+)(+)(+)(+)(-)
Thrill: (+)(+)(+)(-)(-)
Humor: (+)(-)(-)(-)(-)
Robocop im schwarzen Stelth-Anzug: (+)(+)(1/2)(-)(-)
„Spielt ihr hier ‚Guter Cop, böser Cop‘, oder was!?" – "Nein, ‚Böser Cop, Robocop‘!“
Fazit:
„Tot oder lebend, du kommst mit mir!“ – OK Computer!