In „I Vampiri“ zeigt sich Mario Bava einmal mehr als der wahre Pionier des phantastischen Films. Ewigkeiten vor „Countess Dracula“ macht er uns mit der Gräfin Du Grand bekannt, die im Prinzip schon steinalt ist, aber durch das Extrahieren von junger Frauen ihre Jugend und Schönheit behält. Leider auch hier nicht von Dauer. So braucht sie immer Nachschub. Ein findiger Journalist kommt ihr auf die Schliche, kann ihr aber nichts beweisen. Erst als zum falschen Zeitpunkt die Rückverwandlung in die alte Frau einsetzt, kann die Gräfin überführt werden.
Es ist schwer zu sagen, was von diesem Film auf die Arbeit des nominellen Regisseurs Robert Freda zurück zu führen ist und was Bava beigesteuert hat. Ich denke, dass vor allem Licht und Kameraführung bereits eindeutig die Handschrift Bavas tragen. Denn sie sind schon so virtuos, wie es uns der Meister später noch oft vorführen sollte. Auch der Soundtrack ist sehr modern und zeigt schon mal Aufgabenfelder, auf denen sich später ein Dario Argento tummeln wird.
Der Film ist eine für den Zeitpunkt seiner Entstehung sehr moderne Story, die gekonnt realistische Elemente des Polizeifilms, die fast schon Giallo-Qualitäten haben, mit dem Stil des guten alten Gothik-Horrors verbindet. Phasenweise glaubt man zwei Filme parallel zu sehen. Während die Ermittlung phasenweise Neorealistisch wirkt mit ihren sehr menschlichen Charakteren und maroden Bauten, ist das Schloss der Gräfin mitsamt Friedhof und Kapelle in der Art der besten Dracula-Filme. Ein ähnliche unterhaltendes Miteinander ist die Verbindung des klassischen Vampirstoffes mit Elementen des verrückten Wissenschaftlers („Dracula meets Frankenstein“, Herz, was willst Du mehr). Sehr ordentlich sind bei „I Vamipri“ auch die Suspence-Elemente. Vollgestopfte, muffige Wohnungen sind plötzlich leer. Wo eben noch ein Schurke wohnte, haust plötzlich ein netter, zuverlässiger Veteran. Hier ist eine Menge Hitchchock zu spüren.
So wie Bava früh die Maßstäbe für kommende Produktionen setzt, zeigt er ebenso früh die Schwächen des italienischen Films. So ist schon bei „I Vampiri“ die Besetzung dürftig. Italien schein einen sehr großen Fundus schwacher Schauspieler zu haben. Und er spart schon, wo er nur kann. Wie kann man einen Film in Paris spielen lassen, ohne überhaupt vor zu haben, dort hinzufahren. Dass kann ich bei Transsilvanien ja noch verstehen. Aber ein paar Außenaufnahmen in Paris wären doch wohl Budget mäßig drin gewesen, oder? Zum Glück ist der Film in Schwarz-Weiß, so dass die „Frankreich-Tricks“ nicht übermäßig stören. Bava spart auch (noch) bei der Darstellung von Gewalt. Dass merkt man beim Konsum des Filmes nicht. Erst später stellt der geneigte Zuschauer fest, dass kein Blut geflossen ist. Ich finde, das ist nicht unbedingt gut, aber ein sicheres Indiz für eine spannende Inszenierung. Und ich denke, dass der Trick des schnellen Alterns auch aus heutiger Sicht noch sehr ordentlich rüberkommt. Ohne Computer. Es geht also doch…
Bavas Verdienst ist das Entstauben des Gothik-Horrors, ohne diesem Genre zu schaden (nicht so wie „Dracula jagt Minimädchen“ 16 Jahre später) und die Rückbesinnung auf den Licht- und Kameraeinsatz des Stummfilms, nun aber mit moderner Technik. Bei ihm erzählen die Bilder bereits eine Geschichte, bevor irgendwelche B-Schauspieler müde Dialoge aufsagen.
Auch wenn man es tun sollte, so will ich doch keine Punkte dafür vergeben, dass jemand Pionierarbeit geleistet hat. Es sollte nur die aktuelle Wirkung bewertet werden. Aber ich denke, dass „I Vampiri“ auch heute noch ein ordentlicher, stimmungsvoller Film ist, der sehr gut unterhält. Deshalb bekommt er von mir 7 von 10 Punkten. Pionierarbeit hin oder her.