Sehr geehrte MitpazifistInnen, bitte entfalten sie nun ihre Brechbeutel und nehmen Sie Ihre Plätze und Beruhigungsmittel ein. Der nachfolgende Spielfilm, "Die Leoparden kommen" entstammt einer Zeit, als Kriegspropaganda noch legitime Abendunterhaltung in den Nachkriegs - Kinosälen war. Die Übersetzung im Klartext liest sich wie folgt: Hirnleerer Patriotismus und antiquierte Männerehre, wohin das müde Auge nur reicht!
Dass unser aller (un-)liebster Schauspieler - / Rottweiler - Mischling Klaus Kinski hier als zwar amerikanischer Charakter, aber immer noch deutscher Darsteller hier unentwegt "Aber die anderen Seiten sind auch nicht besser als die Nazis" vor sich hin mimimieht macht es nicht unbedingt besser. Und dennoch hat der ironischerweise im Woodstockjahr 69 gedrehte, aber in Deutschland erst 82 auf das Kino losgelassene "Die Leoparden kommen" vielleicht keinen moralischen oder gar Antikriegswert, aber seine unterhaltsamen Seiten, wenn man die menschliche Drecksau Kinski vom Künstler trennen kann.
In zwei Worten zusammengefasst läse sich der Plot so: ausartender Gefangenentransport. Da das aber wiederrum alles mögliche von platten Reifen bis zu Dinosaurierangriffen und einigen Jesusbegegnungen dazwischen bedeuten könnte werde ich doch lieber etwas ausführlicher: Klaus Kinski, der alte Schrumpfteutone, hat als Angehöriger des US - Militärs zu lange Finger bekommen und mit einem wortkargen Mitstreiter zusammen eine handvoll Nazis nach ihrer Kapitulation per MG zersägt. Das schreit nach Standgericht, was wiederrum am nächsten Tag vollstreckt werden soll. Und wenn bei der Gelegenheit Nicht- Hotelmillionär George Hill gerade frisch von der Militärakademie an die Front Italiens heranwackelt wie ein übermotivierter Praktikant in Sachen organisierter Menschenvernichtung, dann soll der den Job gleich übernehmen.
Dessen Korinthenkackerei kostet im Übrigen allen außer den beiden Todeskandidaten und ihm selbst das Leben: beim Ent - und Neuladen der Gewehre zu Gunsten der gesetzlich vorgeschriebenen Alibi - Platzpatrone (ein psychologischer Kniff, um die Gewissen von Henkern zu entlasten) pflanzt ein gar freches Nazilein eine Stabgranate in die Hinrichtungsstätte und zwingt den frisch gebackenen Urteilsvollstrecker Hilton und seine beiden Galgenstricke zur Flucht durch apokalyptisch wirkendes Ödland und schließlich ins beschauhliche Dorf San Michele. Dessen Bevölkerung wähnt sich ob der eintreffenden Amerikaner als befreit. Dumm nur, dass am Feiertag des Stadtpatrons die Nazis in genau jenes Kaff einfallen. Nach einigen Streitigkeiten wegen Kunstdiebstahles ("Klau's, Kinski!" könnte man sich hier gedacht haben), Liebeleien und Erlebnissen mit den Dorfbewohnern kommt es zum Angriff, den Herr Hilton natürlich abwehren will. Und sie mal an, wer sich da so schnell rehabilitiert hat! Zumindest vorübergehend haben die beiden Urlaub von der Todeszelle und San Micheles Hausfrauen können den Waschtag verkürzen. Das Niederbügeln der Braunhemden übernehmen heute die Gäste.
Hand auf's Herz, "Krieg ist scheiße!" schreien kann jeder, aber diese Dreckigkeit auch spürbar machen nur die wenigsten: Kinskis nihilistischer Captain Carrs ist das ideologiebefreite Gegenstück zum von George Hilton verkörperten Lieutennant Sheppard, wie bereits oben erwähnt ein gerade zu arschkriecherischer Vollblutpatriot, der selbst im Angesichts feindlicher Übermacht noch auf die Hinrichtung seiner Gefangenen besteht, ohne die er keinen Meter im Feindesland überleben würde. Zu mehr als einer Gelegenheit wichsen sich die Beiden an und buttern voreinander die Lebenseinstellung des anderen herunter, während Ray Saunders als Private John Grayson meist nur wortlos zwischen den Beiden hin und her trottet, ohne ein eigene emotionales Innenleben zu haben. Wäre Saunders nicht die einzige Person of Color im Cast wäre das vielleicht noch zähneknirschend verschmerzbar gewesen. So darf er aber nur eine kurze Ansprache über die Gehässigkeit von Menschen halten und muss ansonsten für Regisseur Tonino Ricci den "Magical negro" spielen, der den Vaterersatz für einen Waisenknaben dient. Örx!
Auch, wenn Kinski und Saunders am Ende ihre in der Flamme der Habgier verdampfte Truppenmoral wiederentdecken und Kinski sich mit dem Hervorlüpfen eines geklauten Kruzifixes bildsprachlich doch noch als vermeidlicher Heroe outen darf ist das hier kein klassisches Schlachtenabenteuer im werbenden Sinne, wenn auch vom Antikriegsfilm meilenweit entfernt. "Die Leoparden kommen" ist zelluloidgewordene Wehrkraftszersetzung und Insubordination audiovisuell durchaus ansehlicher Ausprägung. Gegen Ende ist nicht das holde Vaterland der Antrieb zum Kampf, sondern der blanke Überlebenswille und Rachedurst für Kinskis totes Love interest, dass dem Mann dazu verleitet, mit schäumendem Mund und ratterndem MG gegen einen Panzer anzutreten. Ein für Nazis und Zuschauer gleichermaßen erschreckender Anblick nebenbei bemerkt.
Ich muss zugeben, dass diese sozialdarwinistische Philosophiestunde mit dem Holzhammer mich besser unterhalten hat als sie sollte, aber weder die Vaterlandsverliebtheit eines George Hilton noch der Pöbelnihilismus Klaus Kinskis (dessen Vorwurf, Gott sei eine Bestie im Film wetterseitig mit einem Gewitter beantwortet wird) sind ernsthafte Einwände und dienen nur dem Aufrechterhalt des für das Genre nötigen Pathos. Ein Glück, dass die Herren dieses Films den Anstand besaßen, den Krieg hinter der Front zu lassen, wo er hingehört und nicht in die Heimat mitzubringen. Sonst wäre am Ende womöglich noch lästige Sozialkritik entstanden!