Ich bekenne mich schuldig: Ja, ich habe mir bisher noch jeden Teil der „Paranormal Activity“-Reihe angesehen. Und, ja, irgendwie hatte ich dabei fast immer meinen Spaß. Ja, ich genieße es, mir diese Filme im Kino anzuschauen und verbinde mit ihnen schöne, je nach Qualität des Films ange- oder entspannte Abende. Ich bin demnach mitverantwortlich dafür, dass die seinerzeit mit „Blair Witch Project“ höchst erfolgreich losgetretene (aber weißgott nicht erfundene) Found-Footage-Kinowelle einfach nicht abebbt, die kostengünstig mittels Amateur-Kameratechnik umgesetzten (meist) Suspense-Grusler nach wie vor um die Gunst der Zuschauer buhlen und dem 2007 noch recht originellen „Paranormal Activity“ eine Fortsetzung nach der anderen spendiert und damit das Subgenre gemolken wird, solange es noch Milch gibt. Für „Paranormal Activity - Die Gezeichneten“, 2014 erschienen und damit zurzeit jüngster Sprössling der Reihe, durfte nun erstmals ein gewisser Christopher Landon auf dem Regiestuhl platznehmen (sofern es einen gab), Found-Footage-Horror als Spielwiese für Debütanten.
Die Handlung erscheint zunächst losgelöst vom Rest der Reihe, weshalb manch einer diesen fünften Teil auch eher als Spin-Off einordnet: Jesse (Andrew Jacobs) hat gerade den High-School-Abschluss geschafft und möchte die verbleibende Zeit bis zum Beginn des Ernst des Lebens möglichst viel Spaß haben. Er hängt mit seinem Kumpel Hector (Jorge Diaz, „American Trash“) herum, der ganz versessen darauf ist, mit seiner Handkamera den Alltag festzuhalten. Dabei filmt er in jugendlichem Überschwang auch heimlich einen seltsamen Ritus, der von der eigenartigen ältere Nachbarin Anna (Gloria Sandoval, „Nach 7 Tagen - Ausgeflittert“) initiiert wird. Als sie Anna zu nahe kommen, wird sie wütend und verflucht Jesse. Kurz darauf wird sie in ihrer Wohnung tot aufgefunden, mutmaßlicher Mörder: Der ehemalige Klassenkamerad Oscar (Carlos Pratts, „Las Angeles“), der sich ebenfalls ganz seltsam benimmt. Und auch Jesse bemerkt Veränderungen an sich: Er erwacht eines Morgens mit einer blutigen Bisswunde und entwickelt ungeahnte Fähigkeiten. Kurz vor seinem Freitod unterrichtet ihn Oscar davon, zu den „Gezeichneten“ zu gehören. Zusammen mit Oscars großem Bruder Arturo (Richard Cabral, „Duke“), einer lokalen Unterweltgröße, und Ali (Molly Ephraim, „College Road Trip“), die aus eigener Erfahrung über einige Informationen zu den Vorfällen verfügt, versucht man, der Sache auf den Grund zu gehen…
Konnte man manch vorausgegangenem Teil noch vorwerfen, in wenig aus dem Leben gegriffen scheinenden Mittelklasse-Milieus zu spielen, siedelte man diesen Film in einem hispanischen US-Wohnviertel an, in dem man eher nicht die Polizei ruft. Zum Auftakt sieht man Bilder der Schulabschlussfeier 2012, bevor man eine Zeit lang zwei Freunde voll jugendlichem Esprit dabei beobachtet, einigen Unfug anzustellen und den Ernst der Lage längere Zeit nicht zu erkennen. Das geht einher mit durchaus erfrischendem Humor und man fühlt sich zeitweise wie ein Dritter im Bunde, der zur Clique gehört. Das ist zwar nicht alles von sonderlichem Belang, aber macht Spaß, entspannt und lullt ein. Als Jesse dann erst zum Supermann und schließlich zum ernsthaft von finsteren Mächten Geplagten mutiert, mehren sich die überraschenden, wohldosierten Schockmomente, die einerseits gut sitzen, andererseits aber nicht mehr den Gruselfaktor beispielsweise des Originals aufweisen. Okkulte Motive um rätselhafte Hexen und Besessenheit werden miteinander vermengt, bevor man im Finale zum actionreichen Dämonenspuk greift. Ein unverhofft eingestreuter Räumlichkeitseffekt während einer Art Exorzismus stammt zwar aus dem Computer, hat mich aber regelrecht ins Kinosofa gedrückt. Nach dem Bezug auf Ali aus Teil 2 schlägt Landon eine gewitzte Brücke zum Original und der Zuschauer findet sich plötzlich im ersten Film wieder, was Mythologie und Mystik der Reihe in diesem erneut offenen Ende angenehm untermauert und ganz dem Prinzip der Serie folgend schon wieder Lust auf mehr macht.
Stilistisch bleibt man diesmal bei der Handkamera, statt unterschiedliche Videoaufnahmen verschiedener Quellen zusammenzufügen. Das wirkt sich wohltuend auf die Dynamik des Films aus, der nun wesentlich öfter die Schauplätze wechselt und öfter im Freien spielt. Auch hier ist es nicht immer glaubwürdig, dass permanent mitgefilmt wird, doch ist sich Landon dessen offensichtlich bewusst und bricht dann und wann mit der Selbstverständlichkeit der gedankenlosen Kamerabegleitung jedweder Ereignisse. Unterm Strich ist „Paranormal Activity – Die Gezeichneten“ dann doch wesentlich unterhaltsamer und generell besser als erwartet ausgefallen. Jeder halbwegs beantworteten Fragen fügt er mindestens eine neue hinzu und es gelingt ihm tatsächlich, mehr Interesse an weiteren Fortsetzungen zu wecken, als es der Vorgänger tat. Das ist zwar alles sehr durchschaubar konstruiertes und dank Found-Footage-Sujet zudem technisch zu großen – wenn auch nicht so großen wie manches Mal zuvor – Teilen simples und wenig künstlerisches Unterhaltungskino zum Einmalgucken, dafür jedoch effektiv und anscheinend mit einer gewissen Liebe zur Mythologie der Reihe umgesetzt worden. Abwarten, ob dem hiermit ein Stück weit gefestigten Anspruch an Rätselhaftigkeit und Zusammenhang des „Paranormal Activity“-Phänomens vom sechsten Teil genüge getan werden kann und wird. Fans des Subgenres jedenfalls dürften sich in Landons Film bestätigt sehen, Skeptiker und Gegner indes sicherlich auch.