Rumänien oder doch lieber New Orleans? Die Wahl des Drehorts übt in der Regel einen enormen Einfluss auf die Wirkung eines fertigen Films aus. Noch selten aber war ein Film so abhängig von dieser Wahl wie „Netherworld“, hat der doch abgesehen von seinem Setting nicht so arg viel zu bieten.
Dabei wäre fast alles anders gekommen. Die Produktion des Fantasy-Horrorfilms aus der Full-Moon-Werkstatt fiel in eine Zeit, da Charles Band gemeinsam mit dem rumänischen Produzenten Vlad Păunescu gerade erst die „Castel Film Romania“-Studios gegründet hatte, um sein Fließband im Ausland günstig, schnell und unabhängig rattern zu lassen. Speziell für das Genre, dem Band seit seinen besten Videothekenzeiten stets treu verbunden blieb, bot das osteuropäische Land natürlich damals schon einige verwertbare Locations, die man mit einem Stab aus Einheimischen vergleichsweise billig zum Leben erwecken konnte. Wie so ein rumänischer Phantastik-Vertreter der unteren Kategorie am Ende der Lieferkette ausschaut, kann man inzwischen gut bei einigen der frühen Castel-Film-Produktionen nachprüfen, „Dark Angel“ etwa, „Subspecies II“, „Oblivion“ oder „Lurking Fear“, alles Filme aus den frühen 90ern mit grundverschiedenen Themen, aber sehr ähnlichen atmosphärischen Grundeigenschaften.
„Netherworld“ indes scheint einer völlig anderen Dimension zu entstammen – weil sich Charles Band dieses eine Mal zum Glück gegen Rumänien und für New Orleans entschieden hat. Eine Gutsherrenvilla ohne Nachbarn, gerahmt von endlosen Wiesen, dazu kilometerlange Alleen, zu deren Ehren sich die Bäume verbeugen. Überhaupt, Platz ohne Ende, von innen wie von außen. Dazu eine Bar am See, so urig, als säße man auf einem Holzschemel im „Road House“ höchstselbst, mitsamt schummriger Neonbeleuchtung und Liveband, die derart auf der Bühne festgewurzelt scheint, dass man meinen könnte, sie kenne kein Morgengrauen. Im Line-Up dabei: Edgar Winter und Bon-Jovi-Keyboarder David Bryan, der das Ambiente auch mit seinem stilvollen Piano-Soundtrack veredelt und dadurch eine gewisse Authentizität beschwört. Eine Zwielicht-Stimmung dieser speziellen Art bekommst du nirgendwo in Rumänien rekonstruiert, da musst du schon direkt an der Quelle sein, um die Voodoo-Puppen lebensecht zappeln zu lassen.
Die Bar, so stellt sich bald heraus, symbolisiert das Portal auf die andere Seite; zu weltlich, um schon zum Nirgendwo zu gehören, aber doch surreal genug, um sich im Kreis zu drehen wie der Kaninchenbau im verknoteten Hirn eines Betrunkenen. David Schmoeller, ein Experte für derartige Settings, hat zunächst keine Mühe, wunderbar traumartige Einstellungen im Kasten zu bannen, von denen einige immerhin wie die Kleingeld-Ausgaben der besten Momente aus David Lynchs gesammelten Werken anmuten – von Marilyn Monroes (Holly Butler) Grinsekatzevisage, die manchmal eine ähnlich beunruhigende Bildschirmwirkung hat wie die Radiator-Frau aus „Eraserhead“, bis hin zu einem Penner-hinter-dem-Diner-Moment noch vor „Mulholland Drive“ irgendwo im surrealen Obergeschoss der Bar, wo die Dinge langsam nicht mehr so ganz mit rechten Dingen zugehen. Dazu Vögel, Federn und Flatterwerk, wohin das Auge blickt, ein Versuch, die Südstaatenkultur mit eigenen Akzenten zu erweitern, was zumindest im dekorativen Sinne als gelungen zu bezeichnen ist.
Abgesehen von diesen atmosphärischen Sahnehäubchen lassen auch die praktischen Spezialeffekte nicht lange auf sich warten. Nur Minuten hat man auf den verschwommenen Fluren der Unterwelt verbracht, da bekommt man bereits eine Kostprobe der größten Attraktion des Films geliefert, einer fliegenden Steinhand mit Medusa-Fingern, die sich so einiges bei Don Coscarellis fliegenden Metallkugeln aus der „Phantasm“-Reihe abgeguckt hat, was die magnetisch auf Köpfe zusteuernde Navigation und das anschließende Bearbeiten des Zielobjekts angeht. Die Effekte machen nur Sekunden der Gesamtlaufzeit aus, brennen sich aber – auch der Einbettung in das irreale Ambiente wegen – tief genug ein, dass man sie als visuelle Highlights aus der Sichtung mitnimmt.
Aus den Drehbuchseiten von „Netherworld“ lässt sich allerdings herzlich wenig Saft pressen. Im Wesentlichen geht es um einen jungen Hausherrn von außerhalb (Michael Bendetti), der soeben das Anwesen seines Vaters (Robert Sampson) geerbt hat und nun zur Besichtigung vor Ort ist, wo er von der Haushälterin (Anjanette Comer) und ihrer Tochter (Holly Floria) in die Geheimnisse des Ortes eingeführt wird. Danach wird alles ein wenig diffus. Bendetti bringt in der Hauptrolle immerhin die unverbrauchten Eigenschaften eines Dana Ashbrook aus „Twin Peaks“ mit, einer Serie, die damals in aller Munde war und sicher auch auf einen Saugschwamm wie Band abgefärbt haben dürfte; womöglich ist es auch kein Zufall, dass die Haushälterin und ihre Tochter mit Nachnamen Palmer heißen. Die Abenteuer, die der junge Erbe auf seinem Besitz erlebt, drehen sich hingegen zu schnell im Kreis. Nichts treibt die Handlung an, der Stil scheint die Substanz mit Haut und Haar zu fressen, und irgendwann beißt er sich sogar in den eigenen Schwanz, als sich die grundsätzlich schicken Sets mitsamt der Kameraeinstellungen zu wiederholen beginnen wie in einer Sitcom und infolge dessen sogar die visuellen Aspekte ihren Reiz verlieren – und das bei einer Nettospielzeit von gerade mal 80 Minuten.
Pünktlich zum Finale reißt sich Schmoeller noch einmal aus der Lethargie und zwingt dem dünnen Handlungsrahmen einen Abschluss auf, indem er der Steinhand einen weiteren Flug spendiert und ein „Monster on the Attic“-Szenario nach „Hellraiser“-Art beschwört. Ein paar Beschwörungen, ein wenig Hokuspokus, und der Spuk wird zumindest standesgemäß zu Ende gebracht.
Das ändert aber nichts daran, dass man in den mittleren vierzig Minuten einen ausgedehnten Toilettengang einplanen kann, ohne wichtige Handlungselemente oder besondere Schauwerte zu verpassen. „Netherworld“ lebt ganz und gar von seinen mit schwüler Südstaaten-Feuchtigkeit aufgeladenen Bildern, seinen surrealen Kompositionen und den fein abgemessenen Spezialeffekten. Je länger man jedoch in der Unterwelt verweilt, desto offensichtlicher wird die Einseitigkeit dieser Produktion, die sich ganz und gar auf einige wenige Fassaden stützen muss, die einen ganzen Spielfilm nicht tragen können, zumal das Fundament in Form einer dichten Handlung schlichtweg fehlt. So gesehen ist die Voodoo-Sause nicht ganz zu Unrecht in der Schublade verschwunden, auch wenn in Sachen Optik, Kulisse und Soundtrack Höchstwertungen auf dem Full-Moon-Barometer erreicht werden.