Review

Season 1 + 2

Season 1
erstmals veröffentlicht: 06.02.2016

Schon nach Shyamalans Pilotfolge wird klar, dass “Wayward Pines” die Erwartungen an Subtilität nicht zu erfüllen gedenkt. Was da binnen 45 Minuten geschieht, reicht anderswo locker für eine halbe Staffel oder mehr.

Das unerwartet hohe Tempo sorgt natürlich für eine Stimmungsverschiebung, die anfangs nicht immer ganz zu den kanadischen Berglandschaften passt, die eigentlich Ruhe brauchen, um ihre Wirkung entfalten zu können. Matt Dillon wacht zwar vom Zoom Out begleitet mitten im Nirgendwo auf (ein Prinzip, das „Lost“ zwar nicht erfunden hat, das neuere Zuschauerschaften aber unweigerlich mit der Abrams-Serie verbinden), ist aber seines aufbrausenden Charakters wegen offenbar an einer schnellen Auflösung der Ungereimtheiten interessiert, weniger am vorsichtigen Abtasten der Verhältnisse, so dass er sich es sich gleich mal mit dem Sheriff verscherzt, sich mit einer Barkeeperin (Juliette Lewis) anfreundet, ins Krankenhaus eingeliefert wird, vor einer angesetzten OP flieht, eine ehemalige Kollegin und Geliebte in dem seltsamen Ort antrifft und ganz am Ende mit einem ersten Mini-Twist konfrontiert wird. Dies alles noch gerahmt mit einem Subplot in der Realität der Großstadt Seattle, die den nur allzu malerischen kleinen Ort Wayward Pines um so mehr wie eine Grimm’sche Fantasie aussehen lässt.

Dass Shyamalan den eigentlichen großen Handlungstwist nicht etwa ans Ende der zehn Folgen setzt, sondern genau in die Mitte, hat wohl ähnliche Gründe wie Hitchcock, als er seine Cameos in den eigenen Regiearbeiten immer weiter nach vorne verschob – damit die Zuschauer aufhören, ihn zu erwarten. Die richtige Entscheidung, denn einerseits hat sich die Serie bis dahin handlungstechnisch so rasant fortentwickelt, dass es in Folge 5 an der Zeit ist für die Auflösung, andererseits erlaubt diese Vorgehensweise einen weiteren Akt mit ganz anderem Ansatz. Die eigentliche Mystery wird somit eher im ersten Teil geboten und fußt auf dem sektenhaften Verhalten der Bewohner sowie der offensichtlichen Verheimlichung einer Entität im Hintergrund. Man fühlt sich frappierend an die Akte-X-Episode „Arcadia“ erinnert, in welcher Mulder und Scully undercover als Ehepaar in ein abgeschiedenes Suburbia ziehen, dessen Alltag von Gleichschaltung und Regelbefolgung bestimmt wird.

Insbesondere Hope Davis als Lehrerin und Melissa Leo als Krankenschwester befeuern diese Eindrücke durch fanatisch angelegte Rollen, die auch Überzeugung in ihr Handeln legen – interessanterweise im Gegensatz zu vielen anderen Bewohnern. Zu den besten Momenten gehören folglich jene, in denen die Angst und Unsicherheit hinter der Maske der Einwohner zum Vorschein kommt.

Hat man sich einmal damit abgefunden, dass „Wayward Pines“ eher eventgetriebenen Charakter besitzt, wird man auch gerade in der zweiten Hälfte Freude haben, wenn das Brodeln die Oberfläche endlich aufgerissen hat und die Drehbuchschreiber Amok laufen. Dillon, der eigentlich sehr prägnant agiert und eine starke Physis unter Beweis stellt, hat bis dahin so viele Wandlungen durchlaufen, dass man dennoch nicht weiß, was man von seiner Figur halten soll; der immer wieder starke Toby Jones entschädigt allerdings für etwaige Verwirrungen. Auch Carla Gugino ist durchgehend ein kräftiger Support.

Für das Ende hat man die Möglichkeit berücksichtigt, dass es bei dieser einen Staffel bleiben könnte. Shyamalan hat selbst bezeugt, dass es der offene, elliptische Charakter ist, den er an TV-Serien fürchtet, so dass man Season 1 als abgeschlossenen Zehnteiler betrachten kann. Konzeptionell war es aber nie abwegig, mehr aus dem Stoff zu ziehen, und so ist eine zweite Staffel aufgrund des Erfolges nun wohl beschlossene Sache.

Unter einer Mystery-Offenbarung versteht man sicherlich etwas anderes. Die Tiefe und Emotionalität eines „Twin Peaks“ wird zu keiner Zeit erreicht, eine höhere Verwandtschaft besteht grundsätzlich zu Serien wie „Bates Motel“. Gelegentliche Plakativität darf einen echten Shyamalanado allerdings nicht sonderlich stören, wenn andererseits die Qualitäten so gut ausgearbeitet werden wie hier: shocking, revealing, fun.
(7/10)


Season 2
erstmals veröffentlicht: 05.12.2017

Schnell werden die letzten interessanten Darsteller der ersten Staffel aus der Serie geschrieben, und als die Säuberung beendet ist, steht die zweite Staffel mit einer billigen Ersatzmannschaft da wie ein billiges Rip-Off, das sich verzweifelt an das Vermächtnis der Originalstaffel klammert, das zur Fortführung nicht gerade prädestiniert ist.

Der ursprüngliche Reiz an „Wayward Pines“ lag ja nicht in der etwas hanebüchenen Storyline begründet, sondern beim Kleinstadt-Mystery-Flair, das unterstützt von achtbaren Darstellern trotz des gehetzt wirkenden Tempos gut bei Kritik und Publikum angekommen ist. Was die Autoren daraus nun aber fabrizieren, greift kaum noch auf die Mystery-Aspekte zu, sondern konzentriert sich vollends auf billige Science Fiction. Lautsprecherdurchsagen und merkwürdiges Einwohnerverhalten dienen nun nicht mehr der Befremdung, sondern werden zur Routine und zum Markenzeichen der Serie erklärt, was im Umkehrschluss bedeutet, dass die puzzleartige Erzählstruktur gegen TV-Standard ausgetauscht wurde. Die durchaus stimmungsvollen Sets werden kaum noch im Sinne ihres Erfinders genutzt, sondern verkommen zur teuren Sitcom-Kulisse, nur dass hier Ränke- und Machtspiele mit Herrenrassen-Thematik in einem parahistorischen Kontext ausgelotet werden.

Selbst mit den wenigen verbliebenen Originalschauspielern wie Toby Jones oder Hope Davis macht es keinen Spaß, die Abbies (deren Genitalien übrigens fernsehgerecht stets von einem Metallbalken oder geschickter Schattensetzung verborgen werden) Folge um Folge aus ihren Käfigen geifern zu sehen, während sich draußen ihre Artgenossen zusammenrotten, um eine Unterhaltung der menschlichen Forscher außerhalb der Käfige anzuleiern. Der ständig gleiche Aufbau der Folgen langweilt ebenso sehr wie die völlig überholte Episodeneinleitung mit Synopsis zum Serienkonzept, Was-bisher-geschah-Montage, Einleitungsszene und Titelsequenz.
Selbst wenn einem die erste Staffel gefiel – dem Komplettierungsdrang darf man hier auch mal gerne widerstehen.
(3/10)

weitere Staffelbesprechungen können folgen.

Details
Ähnliche Filme