Review

Season 1 - 3

Season 1
erstmals veröffentlicht: 09.01.2016

Und noch ein Serienkonzept, das sich an die Lorbeeren eines erfolgreichen Films klammert. Doch wieder straft uns die Skepsis Lügen und beschert uns tatsächlich die beste Serienstaffel des vergangenen Jahres.

Hatte „Hannibal“ noch den Figurenmythos, um sich im neuen Format nach Herzenslust um diesen einen zentrierten Titelcharakter herum auszutoben, nutzt „Fargo“ die Freiheit, ungebunden an spezielle Charaktere eine ganz neue Geschichte zu erzählen und übernimmt nur den Erzählton der Vorlage. Darüber hinaus ist der Fall vergleichbar mit „American Horror Story“ oder „True Detective“ nach einer Staffel abgeschlossen und macht Platz für Neues, was jeder weiteren Staffel eine gleichwertige neue Chance verpasst.

Doch was schon in Season 1 abgefeuert wird, müssen künftige Staffeln erstmal übertreffen. Ihre Kunst liegt darin, die typischen Muster der Vorlage auf das neue, breitere Format zu übertragen, ohne den Spannungsbogen zu zerdehnen. Tatsächlich legen die fünf Regisseure ihre fünf Doppelfolgen dramaturgisch wie einen langen Film an, der abgesehen von einem Zeitsprung mit anschließendem Prolog-Element keinerlei spürbare Nähte aufweist. Obgleich die Handlung auf dem Papier einige Klischees aufweist, formt das Zusammenspiel aus Kamera, Schnitt, Regie und Schauspielern zu pointierten Abfolgen tragikomischer Momente, die von simplen, im Verdeckten aber ungemein detailreich geschriebenen Gemütern getragen werden. Ja, Martin Freeman ist für die Hauptrolle (im Sinne des Dreh- und Angelpunktes) eine nahe liegende Wahl, belohnt die Investition in ihn aber mit einer vortrefflichen Beobachtung der Ursprungsfiguren; sein permanentes Gefangensein in Zwickmühlen und Paradoxien verhilft der Handlung zu herausragenden Momenten. Colin Hanks ist als gutes Gewissen der Staffel ebenso gut gecastet, insbesondere, wenn man sich den Kontrast zu seiner Rolle in „Dexter“ ins Gedächtnis ruft; Neuentdeckung Allison Tolman beerbt ganz direkt Frances McDormands unvergessene Darstellung von 1996, ohne sie starr zu kopieren. Und Billy Bob Thornton gelingt mit seinem enigmatischen Auftreten als eiskalter Killer die wohl beste Leistung des gesamten Jahres. Von den unzähligen hochwertigen Nebendarstellern wie Bob Odenkirk, Keith Carradine, Oliver Platt, Adam Goldberg und anderen gar nicht zu sprechen.

Der Serientitel wird also eingelöst, indem Skurrilitäten und Verstrickungen im abgesteckten Rahmen kleiner verschneiter Ortschaften im Mittleren Westen der USA mit einem Timing für schwarzen Humor geboten werden, das dem der Vorlage in nichts nachsteht. Zugleich wird das Dilemma umgangen, mit dem die erste Staffel „From Dusk Till Dawn“ auf der anderen Seite des Landes zu kämpfen hatte, der Langweiligkeit einer Nacherzählung des bereits Bekannten. Sollten Drehbuch, Casting und andere Aspekte des Filmemachens nicht nachlassen, steckt in „Fargo“ noch eine lange Lunte.
(9/10)


Season 2
erstmals veröffentlicht: 25.02.2017

Andere Zeit, anderes Setting, gleicher Schlag: Nach der überragenden ersten Staffel „Fargo“ bleibt auch die zweite dem skurrilen Ton treu, der einstmals von den Coens vorgegeben wurde. Etwas weniger Schnee muss man in Kauf nehmen, ebenso wie einen praktisch komplett ausgetauschten Cast. Was man aber angesichts der Leistungen von Billy Bob Thornton, Colin Hanks und Allison Tolman als schweren Verlust auffassen müsste, machen Kirsten Dunst, Jesse Plemons, Patrick Wilson, Bokeem Woodbine, Zahn McClarnon und viele andere mit gewohnt schrulligen Charakteren wett.

Man könnte anfangs dem Eindruck erliegen, trotz oder gerade wegen der völlig neu aufgerollten Story mit vollständigem Figurentausch werde die Rezeptur der ersten Staffel einfach wiederholt; nicht nur zeigt sich aber später, dass durchaus eine gewisse Kontinuität über Anknüpfpunkte vorhanden ist, auch erzeugt das immer verrückter werdende Agieren der Handlungsträger einen sehr eigenen Sog. Die Ausgangskonstellation mag für den von Martin Freeman gespielten Versicherungsvertreter ähnlich gewesen sein wie nun für das von Dunst und Plemons gespielte Friseurs-Metzger-Pärchen, ebenso folgt der kausale Handlungsablauf genauso den physikalischen Gesetzmäßigkeiten eines Kugelstoßpendels oder einer Murmelbahn, doch schnell wächst die Akzeptanz für die neuen Figuren und man möchte ihnen Raum geben, sich frei entfalten zu können.

Mit Referenzen an das Coen'sche Gesamtwerk wird wieder nicht gespart; die exzellente Kameraarbeit fängt mit hohem Aufwand überwältigende Landschaften und liebevoll ausgestattete Interieurs ein; die Regie (wiederum in Form von Doppelepisoden bewerkstelligt) genügt höchsten Kinoansprüchen, was ganz ausdrücklich vor allem die Dialogregie inkludiert.

Eine spezielle Erscheinung in der Staffel mag dem Publikum zu sehr „over the top“ erscheinen, weil es die Regeln amerikanischer Kleinstadt-Krimis durchstößt; vielleicht benötigt eine Erzählung wie „Fargo“ aber hin und wieder eine solche Meta-Betrachtung, um sich seiner lustvollen Konstruiertheit bewusst zu werden.

Season 3
erstmals veröffentlicht: 14.03.2019

Vielleicht sind es die veränderten Farbfilter, die sich jetzt wie ein milchig-grauer Schleier über das Bild legen, vielleicht ist es auch die Tatsache, dass das titelgebende Fargo in North Dakota erstmals nicht mehr besucht wird, aber irgendwas ist freudloser, trister, kontrastärmer als in den hervorragenden ersten beiden Staffeln. Dabei sind die Zutaten alle gegeben: Ewan McGregor scheint wie geschaffen für eine Hauptrolle in der Krimiserie, erst recht, wenn er in einer Doppelrolle ein Zwillingspaar spielt, das sich hauptsächlich durch die geschmacklose Frisurenwahl voneinander unterscheidet. Mary Elizabeth Winstead hat in ihrer Schauspielkarriere zumindest mal Kontakt gehabt mit dem ewigen Eis und bringt all ihre Erfahrung mit hoch gekrempelten Armen ein; von Michael Stuhlbarg darf man auch dann Wundertaten erwarten, wenn sein Gesicht hinter einem wahren Besen von Schnäuzer versteckt ist. Und David Thewlis mit britischem Kunstgebiss, meine Güte, lasst die Show beginnen!

Thewlis ist dann auch derjenige, der die hohen Erwartungen sogar noch übertreffen kann. Als Vertreter einer zwielichtigen Firma hockt er wie ein grienender Mephisto über der Schulter der traditionell von der Situation überforderten Hauptfigur, die nur ein Spielball in den Händen ihres Strippenziehers ist. Eklige Close-Ups seiner fauligen Prothese, die er mit dem Zahnstocher bearbeitet, tragen zur Diabolisierung dieses Geistes bei, der im Grunde keinen Mensch darstellt, sondern nur eine Idee.

Mit McGregors Stussy-Brüdern allerdings, und vielleicht liegt gerade hier das Problem, kann man sich anfangs nicht so recht anfreunden. Im Vergleich mit den verlorenen Seelen, die Martin Freeman und Kirsten Dunst / Jesse Plemons spielten, möchte man ihnen auf Anhieb weniger Mitleid zuteil werden lassen. Vielleicht hat man den zögerlichen Geschäftsmann und den kleinkriminellen Blutsverwandten mit seiner forschen Freundin einfach schon zu oft gesehen, auf jeden Fall zieht ihre Notlage anfangs nur wenig Interesse auf sich. Noch dazu scheint der Fall selbst einfach weniger herzugeben; er enthält eben nicht diesen tiefschwarzen Grundton und wirkt im Abschluss mancher Subplots auch öfter mal gekünstelt.

In der zweiten Staffelhälfte fangen sich die Autoren allerdings und ziehen ihre mühselig ausgeworfenen Köder wieder an Land. Was anfangs noch nach überreizten Stereotypen aussieht, entpuppt sich später oft als kluger Bruch mit Konventionen. Besonders Winsteads Rolle profitiert davon, verhält sich ihre Figur doch nicht ganz adäquat zu den ersten Eindrücken, die man von ihr hat. Das vage Ende bleibt vielleicht die letzte Antwort schuldig, ist aber so souverän inszeniert und gespielt, dass man die Geschichte mit einem guten Bauchgefühl verlässt. Die dritte Staffel ist nicht wie die ersten beiden über alle Zweifel erhaben, gehört in einer zunehmend auf Masse statt Klasse setzenden Serienlandschaft aber trotzdem wieder zu den Diamanten.

weitere Staffelbesprechungen können folgen.

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