Review

Season 1 + 2

Season 1
erstmals veröffentlicht: 19.03.2017

Es ist schon etwas unglücklich, wenn man gerade die dritte Staffel der längst in die Oberklasse aufgestiegenen Brandschatzer-Serie „Vikings“ genossen hat, die vor lauter Produktionswerte und Charakterstärke nur so strotzt, um dann erstmals mit der zugegebenermaßen einige Jahre älteren ersten Staffel von „Black Sails“ konfrontiert zu werden, wo das Wasser nicht undurchdringlich schwarz ist, sondern karibisch blau, wo die Frauen selbst in Anführerpositionen nicht selbstbewusst sind, sondern ihre einzige scharfe Waffe begleitet von lasziven Blicken vor sich hertragen, wo Gesichter, Kleidung und Behausungen nicht vom Wetter gegerbt sind, sondern eine makellose Fassade halten können.

Die Vorgeschichte zur „Schatzinsel“ scheut zwar keine Kosten, um authentisches Piraten-Flair zu gewährleisten, investiert aber möglicherweise an falscher Stelle: Ob man sich nun gerade an Bord eines Schiffes befindet, das gerade mit Kanonenkugeln beschossen und geentert wird oder in einem Bordell mit rustikaler Bar, alles fühlt sich nach Themenparkattraktion an. Warum sollte die Kulisse auch eine Sonderstellung genießen, wenn die Gesichter einer Jessica Parker Kennedy, einer Hannah New oder eines Luke Arnold wie aus dem Ei gepellt aussehen, ungeachtet der Rußpartikel, die man je nach Szene auf ihren Teint bläst.

Vielleicht entsteht dieser Eindruck auch, weil die Kamera mit all den extravaganten Schauplätzen nicht viel anzufangen weiß. Exotischer kann man die Sets eigentlich kaum gestalten, im Vergleich mit der TV-Konkurrenz nimmt „Black Sails“ in dieser Kategorie auch durchaus eine Sonderposition ein, doch was nützt all das, wenn die Griffigkeit in etwa die Intensität eines mitgefilmten Making Ofs erreicht?

Obwohl „Black Sails“ überwiegend ein Charakterdrama mit ironischen Spitzen ist, bietet es auch ein, zwei Konzept-Actionszenen auf hohem Niveau an; und selbst wenn mal nicht die Kugeln fliegen oder Säbel rasseln, wissen die Drehbücher durchaus einige Handlungsstränge zu verknüpfen und ähnlich wie bei „Vikings“ mit politischen Fragmenten zu versehen. Potenzial ist also vorhanden, doch will man das trotz „Fluch der Karibik“ immer noch (un)tote Genre des Piratenfilms langfristig wiederbeleben, sind ab der zweiten Staffel einige Dinge zu ändern.
4/10

Season 2
erstmals veröffentlicht: 31.03.2018

Man möchte zwar immer noch Schirmchendrinks bestellen und die Piraten mit Wattebäuschen bewerfen, auf dass sie ihren aufgeschminkten Schmutz abwischen können, so dass ihre Haut ebenso sehr strahlt wie ihre Zähne. Optisch bleibt die zweite Staffel "Black Sails" trotz hübscher Kostüme und Bauten nah an einer Rollenspielaufführung und ließe weiterhin Platz für ein wahrhaft grimmiges, schmutziges Konkurrenzprodukt (sofern das Publikum gleich zwei Piratenserien zu verdauen imstande wäre). Immerhin aber kommt die Storyline nun endlich in die Gänge. Nachdem man die Hauptfiguren rund um Flint, Vane, Rackham, Silver & Co. in der ersten Staffel recht planlos umherstolpern ließ, gewinnen sie nun doch noch an Kontur, Präsenz und vor allem an Charakter. Fast ausnahmslos profitieren sie von der Verdichtung der einzelnen Handlungsstränge und bauen sich gegenseitig auf, schön zu sehen am Verhältnis zwischen Flint (Toby Stephens) und Vane (Zack McGowan), das im Verlauf der zehn Folgen mehrere Wendungen erfährt, ohne dass die Darsteller allzu viele Szenen miteinander abzuleisten hätten.

Auffällig ist es, dass völlig auf diese etablierten Figuren vertraut wird und manch neue Figur trotz großer Einführung schon nach kurzer Zeit keine Rolle mehr spielt. Man könnte argumentieren, dass dem reiselustigen Piratenvolk mit dieser Strategie keine Gerechtigkeit widerfährt, das Drehbuch hält jedoch mit interessanten Kniffen dagegen und gestaltet die Auseinandersetzungen zwischen Seeräubern und Kompanie wie ein Schachspiel auf hoher See, dessen Spannung darin besteht, dass sich die Bauern gegenseitig bekriegen und nicht merken, wie der König bereits Pläne schmiedet, sie allesamt über die Klinge springen zu lassen. Zugleich nehmen die Annäherungen an den Verlauf von "Die Schatzinsel" langsam Form an und münden in ein Finale, das zwar wenig spektakulär im Sinne maritimer Action ausfällt, stattdessen aber echten Abenteuergeist aufflammen lässt. Und damit gelingt der zweiten Staffel, was der ersten noch verwehrt blieb: Lust zu machen auf das, was noch kommt.
6.5/10

Weitere Staffelbesprechungen können folgen.

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