Season 1
erstmals veröffentlicht: 24.10.2015
“Under The Dome” hat uns jüngst noch einmal gelehrt, dass es äußerst problematisch ist, einen Roman in eine komplette TV-Serie zu transferieren. Mit „The Strain“ kehrt Guillermo del Toros Gedankengut allerdings vom Papier zurück in seine ursprüngliche Form – und erinnert prompt an eine ausgedehnte Variante von einem der ersten Filme, mit denen del Toro sich ins Bewusstsein der Kinolandschaft beförderte: „Blade 2“, dessen herrlich biologisch motivierte Kinnladen-Vampire sich nun als Prototyp der hier weiterentwickelten Spezies erweisen.
Damit wird automatisch an eine Ära angeknüpft, in der man Romantik und Erotik kaum mit Vampirismus konnotierte, es sei denn mit klassischen Stoffen. Die 13-teilige erste Staffel kostet die zurückgekehrte Lust an der viralen Lesart völlig aus und bietet Monstrositäten und Ekeleffekte am laufenden Band – von einer generischen, zugleich aber auch hochwertigen Qualität, die mit immer neuen Variationen durchaus geschickt bei der Stange hält.
Nach der Mystery-affinen, von del Toro selbst inszenierten ersten Episode, die so aus dem „Fringe“-Universum stammen könnte, wird bald schon deutlich, dass sich die Serie ohne gewisse Längen und Ungereimtheiten nicht realisieren lassen würde. Speziell logistische Sachverhalte (wie kam x so schnell nach y, ohne dabei Ereignis z auszulösen?) lassen sich meist nicht rational erklären und sollten daher möglichst nicht hinterfragt werden; zugleich werden offensichtliche Abläufe stark hinausgezögert, um jeder Episode in steter Regelmäßigkeit zu mindestens einem Highlight zu verhelfen.
„The Strain“ spielt überwiegend im Dunkeln, nutzt aber graffiti-artige Farbkontraste und starkes Filmkorn, um einen reliefartigen Großstadtlook zu erzeugen, der den langsamen Zerfall sehr gut transportiert. Corey Stoll, der in „House Of Cards“ noch mit hohem Anspruch einen Politiker verkörperte, packt nun die Lust am Comicheldentum. Ähnlich einem McClane kombiniert er Familienprobleme mit Aktionismus innerhalb einer Ausnahmesituation und wird dabei von nicht minder comichaften Nebendarstellern gestützt, wie beispielsweise Sean Astin als Buddy-Sidekick, David Bradley als Quasi-Van-Helsing und vor allem vom herrlich süffisanten Kevin Durand in der Rolle eines pragmatisch denkenden Rattenfängers. Auf der Gegenseite steht eine ebenso farbenfrohe Mischung aus Gestalten im Infizierten-, Untoten-, Mutanten- und Vampirmodus, bereichert um einen klassischen Über-Vampir (ein wunderbar hässliches, überdimensionales Mistvieh, das auf seltsame Art an alte Jim-Henson-Puppen erinnert) sowie ein praktisch Namenloser mit aalglattem Auftreten im Anzug, der an die vielen Verkörperungen des ultimativen Bösen in diversen Stephen-King-Romanen erinnert.
Die Drehbücher funktionieren grundsätzlich episodenübergreifend, verfangen sich aber immer mal wieder in autarken Einzelstories wie der Belagerung einer Tankstelle.
„The Strain“ macht daher einen zerfaserten Eindruck, als könne man die erzählte Geschichte beliebig ausdehnen, seine Unterhaltungsqualitäten sind wegen der Lust am Pulp-Entertainment aber nicht zu unterschätzen.
Dass die Idee viel zu dünn ist für mehrere Staffeln einer Serie, hat man schon im ersten Jahr schnell erkannt und sich statt ambitionierten Storywritings lieber darauf konzentriert, deftigen B-Movie-Appeal zu erzeugen – was dank der bunten Optik, herrlich ekligem Vampirgewürm und einem charakterstarken Rat Pack auf der Heldenseite auch wunderbar funktioniert hat.
Als die zweite Staffel nun übermütig mit einer Rückblende ins Jahr 1932 startet und von dort aus noch einmal tief ins Reich der Legenden zurückgeht, um den Geschehnissen der Gegenwart einen unangemessen reichhaltigen historischen Kontext zu verpassen, könnte man die Autoren dennoch knutschen für ihre Vermessenheit. Zu keinem Zeitpunkt wirkt die Erklärung der Urspünge der Kreaturen schlüssig, geschweige denn zeigt sie angemessen auf, wie es zu dieser schillernden Vielfalt unterschiedlicher Exemplare kommen konnte, die von zombifizierten Fußsoldaten bis hin zu hochintelligenten Superwesen alles abdecken. Aber wen kümmert's, wenn es so viel Spaß macht, ihre Beißwerkzeuge in Aktion zu betrachten, insbesondere im edel gefilmten Prolog, der von Guillermo del Toro persönlich mit inszeniert wurde.
Zumindest bis zu einem gewissen Punkt, denn zur Mitte der Staffel ist die Luft ein wenig raus. Dass fortwährend neue Kreaturen und Abkömmlinge präsentiert werden – zu den Highlights gehören diesmal infizierte Kinder, die spinnengleich über Boden und Wände krabbeln – erscheint alsbald wie ein Ablenkungsmanöver für die nicht besonders gut funktionierende Integration der Invasion ins politische Weltgeschehen, das ja bereits in der ersten Staffel bis zum Aufkeimen des Nationalsozialismus zurückgesponnen wurde – ein Pfad, der nun wieder aufgegriffen und mit dem Aktionismus einer hyperaktiven Politikerin (Samantha Mathis) verknüpft wird. Da die Parabel aber nicht so recht gelingen mag und auch sonst vorwiegend das Chaos herrscht, sitzt man ratlos vor dem Storyknäuel, ohne jedwede Motivation, es zu entwirren. Die trotzigen Handlungen des Filmsohnes von Hauptdarsteller drohen sogar, das Fass überlaufen zu lassen, doch stets rechtzeitig entschädigt die Serie doch noch mit fetziger Vampir-Action.
Darüber hinaus kann man sich immer auf den grundsoliden Main Cast verlassen. Corey Stoll geht als Lead voll in Ordnung, heimlicher Star ist und bleibt aber Kevin Durand als draufgängerischer Rattenfänger (und nebenberuflicher Bombenleger). Mit Ruta Gedmintas und David Bradley bilden sie ein ungleiches Quartett, das letztlich gemeinsam mit dem gelungenen Creature Design und der kräftigen Optik eine Serie rettet, die ihr narratives Fundament auf einem aufgeschreckten Hühnerhaufen errichtet zu haben scheint.
Wenn man es bis zur dritten Staffel einer dystopischen Science-Fiction-Horror-Serie geschafft hat, sollte die Exposition eigentlich längst abgeschlossen sein. Man erwartet zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, dass der Off-Kommentar im Stil eines gestikulierenden Weltuntergangspropheten immer noch den Teufel an die Wand malt, mit Dialogzeilen, so naiv wie jene eines Durchschnittsschülers im Kurs "kreatives Schreiben". Doch genau das ist es, was wir aus dem Munde David Bradleys erneut vernehmen; nicht nur zur Begrüßung der Staffel, sondern fast jeder Folge. Um das Vertrauen in die Substanz des eigenen Stoffs ist es bei dieser permanenten Rückkehr an den Startpunkt offenbar nicht allzu gut bestellt. Spätestens jetzt ist nicht mehr zu übersehen, dass die Drehbuchautoren die fehlende innere Kohärenz im Detail wohlweislich umschiffen, indem sie immer wieder das Große Ganze unterstreichen: Die Apokalypse als solche eben, bestehend aus brennenden Hochhäusern unter orangerotem Himmel, während unten in den Straßen Ekelvampire hausen und die letzten verbliebenen Menschen mit Würmern ankotzen, bis auch diese in Draculas Legionen wandeln.
Kein Wunder, dass der Fokus weiterhin auf Effektshots und computerveredelten Endzeitpanoramen gerichtet bleibt, doch während sich die zweite Staffel mit künstlicher Variation interessant zu halten versuchte, gibt es in der dritten nur noch mehr desselben. Wer zum x-ten Mal Saugtentakel aus den Rachen seiner Kreaturen hervorschnellen lässt, läuft Gefahr, sein Publikum zu ermüden; ein Prozess, der inzwischen definitiv seine kritische Phase erreicht hat.
Noch dazu werden unaufgelöste Handlungsstränge des vergangenen Jahres hauptsächlich weitergeführt, nur um sie in Abwandlungen der gleichen Konsequenzen münden zu lassen. Corey Stoll, David Bradley, Kevin Durand, Ruta Gedmintas oder Richard Sammel haben sich in ihrem Wesen kaum verändert; sie bilden die Comic Reliefs ab, die sie schon immer waren und reagieren zuverlässig immer so, wie man es von ihnen erwarten würde.
"The Strain" liegt inzwischen bereits an einem Beatmungsgerät zur künstlichen Lebensverlängerung. Obwohl sich Effekte und Produktionsdesign weiterhin sehen lassen können, ist es schwer geworden, sich für diese Serie noch in irgendeiner Weise zu begeistern. Gefangen zwischen dem Anspruch, weiterhin ein deftiges Feuerwerk bieten zu wollen und der Notwendigkeit, den ganz großen Knall noch weiter hinauszögern zu müssen, wird schließlich stundenweise Füllmaterial geboten, dass den Weltuntergang weder spannender macht noch die Charaktere vertieft. Es verlängert lediglich ein Serienleben, das man besser kurz und knackig auserzählt hätte.