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Frauen und Männer beim Ernteeinsatz, entfernt von ihrem Heimatort auf engstem Raum zusammen gepfercht, getrennt nach Geschlechtern in großen Gemeinschaftsbaracken untergebracht, harte körperliche Arbeit unter sengender Sonne, gemeinsame Freizeit am Abend im Lager oder beim Tanz am Wochenende. In einer Zeit, in der die Begegnung von Männern und Frauen noch strengen Konventionen unterlag, entstand in der Fantasie ein Schmelztiegel aus Schweiß, Begierde und Promiskuität, der die erotischen Schwingungen greifbar werden ließ, weshalb es nicht erstaunt, dass dieser reale Hintergrund mehrfach dazu diente, moralische Schranken im Kino zu unterlaufen.

1949 hatte Giuseppe De Santis mit "Riso amaro" (Bitterer Reis) einen Skandal heraufbeschworen, als er die Frauen bei der Reisanpflanzung und in ihren Unterkünften leicht geschürzt ins Bild gerückt hatte. Der neorealistische Anstrich um schwierige Arbeitsbedingungen und miserable Bezahlung verdeckte nur notdürftig die wahre Intention des Films, die dem Produzenten De Laurentiis einen großen wirtschaftlichen Erfolg bescherte. Hans H.König versetzte in „Heiße Ernte“ (1956) eine ähnlich angelegte Handlung an den Bodensee zur Zeit der Hopfenernte. Der gesellschaftspolitische Aspekt spielte im Wirtschaftswunderland nur eine untergeordnete Rolle, aber die durch die Nähe von Männern und Frauen geschürten Emotionen stachen in ihrer direkten Konfrontation deutlich aus dem braven Heimatfilm-Einerlei heraus. Die 1961 in die Kinos gekommene französisch-italienische Co-Produktion „Les Filles sèment le vent“ wählte als Ausgangssituation zwar die Obsternte im Süden Frankreichs, aber Louis Soulanes verfolgte in seiner ersten Regiearbeit, zu der er auch das Drehbuch schrieb, komplexere Ziele wie die wörtliche Übersetzung des Filmtitels „Die Mädchen säen den Wind“ schon andeutet – nur der deutsche Verleihtitel „Die Ernte der sündigen Mädchen“ betonte noch allein den erotischen Aspekt des Films.

Die moralischen Standards hatten sich seit „Riso amaro“ verändert. Soulanes benötigte keinen realen Hintergrund mehr, um leicht bekleidete Frauen ins Bild rücken zu können – in dieser Hinsicht gibt deren sitzende Tätigkeit optisch nur wenig her – sondern stellte mit der selbstbewussten, sexuell offensiv agierenden Kissa einen Frauentyp in den Mittelpunkt, der für die Entstehungszeit des Films erstaunlich positiv charakterisiert wurde. Die italienische Darstellerin Gianfranca Gabellini war unter ihrem Künstlernamen Scilla Gabel prädestiniert für verführerische Frauenrollen, die sie besonders in den Historienfilmen Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre häufig verkörperte - von Soulanes erhielt sie die Gelegenheit, eine modern angelegte Frauenfigur zu spielen. Die große Frau mit dem betonten, hoch geschnallten Busen sticht nicht nur optisch hervor, sondern weiß mit den Männern umzugehen und ihre Interessen zu vertreten. Kissa wird erwartungsgemäß mit dem Neid der anderen Frauen und der verlogenen Haltung der Männer konfrontiert, die zwar scharf auf sie sind, sie aber für ein Flittchen halten, mit der sie nie eine ernsthafte Beziehung eingehen würden. An dieser Diskrepanz scheiterten in der Regel selbstbewusste Frauenfiguren in Filmen dieser Zeit, da ihnen ein Leben als „normale verheiratete Frau“ verwehrt zu sein schien, aber Kissa lässt sich davon nicht verunsichern, sondern bleibt jederzeit selbst bestimmt.

Die erste Szene des Films, in der der männliche Protagonist Armand (Philippe Leroy) mit seinem Partner im LKW zu der Obstplantage fährt und sie von einem wild fuchtelnden Mann zu einer Vollbremsung gezwungen werden, der sie mit nicht verständlichen Worten vor einer Gefahr warnen will, erinnert nicht zufällig an Clouzots „Le salaire de la peur“ (Lohn der Angst, 1953), dessen gesellschaftskritische Aspekte der Film zumindest andeutete. Die defekten Bremsen des LKWs werden von Armands Chef Buonacasa (Saro Urzi) ignoriert, der nur Interesse daran hat, dass sein Obst rechtzeitig ausgeliefert wird und damit das Leben seiner Mitarbeiter riskiert. Buonacasa und mehr noch sein selbstgefälliger Sohn Berto (Michel Lemoine) stehen im Film für die Ausbeuter, gegen die sich die Arbeiter mit einem Streik für bessere Löhne wehren, aber der Film gibt dem entstehenden Klassenkampf kein besonderes Gewicht, sondern lässt ihn Teil der von Emotionen und Hitze dampfenden Atmosphäre werden, die in nur wenigen Momenten zur Ruhe kommt.

Der LKW-Fahrer Armand, der als Objekt der Begierde und Anführer im Zentrum des allgemeinen Trubels steht, wandelt sich vom Frauenheld zum verantwortungsbewussten zukünftigen Ehemann, denn mit der hübschen und jungfräulich wirkenden Josine (Françoise Saint-Laurent) verfügt „Les Filles sèment le vent“ auch über eine klassische, passive Frauenfigur, die nur für einen der beiden dominanten Männer – Armand oder Berto – in Frage kommt. Der dunkelhäutige Hilfsarbeiter, der heimlich für Josine schwärmt, wird erst gar nicht Betracht gezogen. Auch der sehr negativ gezeichnete Unternehmersohn Berto hat bei dem jungen Mädchen keine Chance, aber rollengerecht kann er ihre Ablehnung nicht akzeptieren, weshalb sich die aggressiv aufgeladene Situation zunehmend zuspitzt.

„Les Filles sèment le vent“ liefe Gefahr, sich in klischeehaften Episoden zu verlieren, hätte Soulanes einzelne davon betont, doch stattdessen entfaltet er vor dem Betrachter ein facettenreiches Kaleidoskop, in dem Liebe und Hass, Arbeitskampf, Rassismus, selbst Vergewaltigung und Tod zu selbstverständlichen Bestandteilen einer sich ständig verändernden Realität werden. Auch die Protagonisten Kissa und Armand verschwinden zeitweise aus dem Fokus und Nebenfiguren wie Josines Freundin Margo (Eva Damien) oder der geheimnisvolle Mann, der Kissa nachts mit seinem Auto mitnimmt, treten in wichtigen Momenten auf, ohne dass der Film ihre Rollen weiter konkretisiert. Regisseur Soulanes verwob eine Vielzahl an Handlungssträngen und Figuren, ohne sie zu einer Konklusion führen zu müssen, womit er die Atmosphäre einer kurzen, hitzigen Phase einfing, die weder Vergangenheit, noch Zukunft kennt – sie ist wie die Mädchen, die den Wind säen. (8/10)

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