Paul W.S. Anderson, der berüchtigte Regisseur filmischer Brillanten wie „Alien vs. Predator" (2004) oder „Resident Evil - Afterlife" (2010), inszeniert einen potentiell historischen Stoff. Das hört sich bedrohlich an. Der Mann, der keiner seiner filmischen Figuren - abgesehen vielleicht von der Crew der „Event Horizon" (1997) - jemals wirklich Leben einhauchen konnte, schlendert kindlich unbeeindruckt durch antike Landschaften. Das ist ungefähr so, als käme Jason Statham auf die Idee, am Globe Theatre den Hamlet zu geben. Und was macht der Brite, um uns die Katastrophe des Vesuvausbruches der frühen Kaiserzeit näherzubringen, die für uns Nachgeborene ja ein einmaliger archäologischer Glücksfall ist, da wir sozusagen schockgefrorene Einblicke in den Alltag einer längst untergegangenen Kultur gewährt bekommen? Er kopiert frech und einfallslos Ridley Scotts erfolgreiche Geschichte eines Gladiators, der sich an Rom rächen möchte, lässt den Todgeweihten sich publikumsfreundlich ein Mädchen angeln, die er mit seiner postmodernen Tierliebe beeindruckt, um dann im tobenden pyroklastischen Strom im wahrsten Sinne des Wortes unsterbliche Liebe anschaulich zu konservieren. Das hört sich hochtrabender an als es ist, denn Andersons völlig unbeholfenes Zusammengewurstel zeitgenössischer Mainstreamunterhaltung mit Versatzstücken historischer Bauart ist bestenfalls Philosophie für der Krabbelgruppe entwachsene Leseanfänger und führt nur einmal mehr vor Augen, wie kinderleicht es für einen minderbegabten Filmemacher ist, ihm zugeschanzte (achtzig) Millionen buchstäblich zu verpulvern.
Wieder einmal ist ein Historienfilm „ja keine Dokumentation", weshalb man sich nicht nibelungentreu an tatsächlich Überliefertem orientieren muss, sondern aus „dramaturgischen Gründen" munter drauflos fabulieren darf. Dieses (Kinder-)Spiel kann man erfahrungsgemäß sehr weit treiben und den Begriff „historisch" überaus großzügig auslegen. So ließe sich für so manchen apologetisch engagierten Regisseur selbst ein „Cowboys vs. Aliens" als Geschichtsfilm verkaufen - denn es gab ja immerhin wirklich einmal Cowboys.
Und nicht nur ungefähr, sondern ziemlich genau so darf man sich Paul W.S. Andersons Umgang mit den Ereignissen vor knapp zweitausend Jahren vorstellen. Rom ist wie bei den christlich motivierten Sandalenfilmen Hollywoods der 50er und 60er auch im nichtchristlichen Pompeji des Jahres 2014 so eine Art Drittes Reich der Antike. Seine Repräsentanten korrupte Verbrecher, sein Staatswesen verabscheuenswert. So deklamiert das adelige Liebchen (Emily Browning) des Gladiators Milo (Kit Harington), sie „sei keine Römerin" und gehöre nicht zu „denen". In den Tagen der Pax Romana und damit inmitten einer beinahe zweihundertdreißig Jahre währenden tiefsten Friedensperiode in Kampanien (Das ist die Gegend, in der sich der römerbegeisterte Goethe für das bekannte Gemälde malen ließ), wäre ein solcher Spruch einer begüterten, mit den wohlschmeckenden Früchten des Weltreichs genährten jungen Römerin nicht nur völlig unvorstellbar, er wäre sowas wie ein Fall für die Klapsmühle. Denn zeitgleich versuchte in Wirklichkeit selbst die Oberschicht unlängst unterworfener Völker bei den Römern zu katzbuckeln, um mit der vielgerühmten Großzügigkeit und erstrebenswerten Gunst der bewunderten Großmacht bedacht zu werden. Dass sich eine adelige junge Frau im Vollbesitz ihrer privilegierten Bürgerrechte (und geistigen Kräfte) mit einem aus der Reihe getanzten, ungebildeten Gladiator einlässt, weil der einem verletzten Gaul sanft das Genick bricht, ist so herzerfrischend naiv, dass man sich fast in die unbeschwerten Tage der Grundschulzeit zurückversetzt fühlt, wo man mit gutem Gewissen noch alles glauben durfte. Dass sie aber ihr erst wenige Stunden altes Techtelmechtel sogar zum Anlass nimmt, gleich gegen das gesamte antike Staatswesen aufzubegehren, streift die Grenze zum Fantastischen.
Paul W.S. Andersons „Pompeii" besitzt bestenfalls Jahrmarktcharakter. Völlig uninteressante, denkbar wenig authentische Figuren schieben sich lustlos durch eine virtuelle Welt, die völlig darin scheitert, antikisch zu wirken. Angeblich soll die Topographie der Stadt zwar dem originalen Pompeji nachempfunden sein - und es finden sich sogar angebliche Experten, die das jovial bestätigen -, doch merkt wirklich jeder, der im wahren Leben schon einmal das Glück hatte, die imposante Ausgrabungsstätte dieses Weltkulturerbes begutachten zu dürfen, dass die im Film errichteten Dimensionen in keiner Weise der freilich heute noch nicht zur Gänze freigelegten Stadt entsprechen. Auch sind weder kometenähnliche Feuerbälle vom Himmel gefallen noch wurde etwa das Amphitheater zerstört. Die Stadt wurde wenig bildgewaltig schlicht mit einer fünfundzwanzig Meter hohen Schicht aus Bimsstein bedeckt. Natürlich sähe das im Kino nicht so toll aus, wie der Roland Emmerich taugliche Weltuntergang, der hier eingeläutet wird.
Dass sich Anderson zur Abwechslung einmal nicht an die berühmte Romanvorlage Edward Bulwer-Lyttons „Die letzten Tage von Pompeji" (1834) hält, ist hingegen eigentlich eine gute Idee, aus der aber nichts Brauchbares entsteht. Die Story ist zum Gähnen vorhersehbar, ihre Charaktere austauschbar, unwichtig und mit dem hirnlosen Drehbuch überfordert. Die bereits grotesk banalen Dialoge sind zum Davonlaufen und die in der Arena inszenierten Zweikämpfe des zudem darstellerisch arg gehandicapten Kit Harington übertreffen in der Qualität ihrer Choreographie nicht einmal das Mittelmaß ähnlich gelagerter Produktionen. Da frägt man sich, ob es einem Wurstler wie Anderson nicht doch etwas peinlich ist, seinen Streifen mit Genremeilensteinen wie „Gladiator" (2000) oder „Troja" (2004) messen zu müssen. Er täte sich selbst zuliebe in solch einer Situation gut daran, das zu tun, was er offenbar während des Drehs auch tut - einfach nicht viel drüber nachdenken.
Und da sind wir auch schon mittendrin im Verriss. Während das computergenerierte Pompeji malerisch untergeht, liefern sich der Bad Guy des Films, der widersinnig in militärischem Ornat gewandete Senator Corvis (Kiefer Sutherland), und der stets vollendet ausdruckslos dreinschauende Held Milo ein Wagenrennen durch die Stadt - natürlich durch die einzige geräumte Straße des ansonsten von Menschen und Trümmern verstopften Hexenkessels. Und das mit der Geschwindigkeit eines auf Touren gebrachten Porsche. Direkt hinter den beiden davonjagenden Kontrahenten bricht krachend die Welt auseinander und hält nur dann kurz inne, weiter zu zerbröseln, wenn sich die Zwei einen weiteren lustlosen Zweikampf liefern. Diesem gänzlich sinnfreien Treiben muss Emily Browning dabei die ganze Zeit, festgekettet an den Wagen ihres senatorischen Entführers, mit bemüht stoischer Miene zusehen. Dabei wirkt sie mit ihrer aschegestylten Frisur wie Ayla aus dem Clan des Bären. *Spoiler* Wenn die zwei frisch Verliebten dann endlich den Spitzbuben losgeworden sind und merken, dass sie den Naturgewalten um sie herum nicht entkommen können, wenden sie sich einander zu und küssen ein letztes Mal. Dabei werden sie mit glühend heißer Lava übergossen. So können auch wir uns zweitausend Jahre später an diesem herzzerreißenden Denkmal kompromissloser Liebe erfreuen. *Spoiler Ende* Bitte was?! Titanic für Arme? Man dreht selbst im dunklen Kino vor soviel triftigem Grund zum Fremdschämen beinahe automatisch den Kopf zur Seite und ärgert sich nur, dass das gerne auch etwas früher hätte passieren dürfen. Dabei dauert Andersons Parforceritt durch den Unsinn nur neunzig Minuten.
Das „Pompeii" des Jahres 2014 ist ebenso wenig zu retten wie das des Jahres 79 nach Christus. Dabei kann auch nicht in Rechnung gestellt werden, dass es sich hier ja primär um einen Actionfilm handelt, denn dafür pocht der Regisseur zu sehr auf die Authentizität der gezeigten Bilder. Die Inszenierung Paul W.S. Andersons und sein Versuch, einen gleichwertigen Genrebeitrag zu leisten, muten beinahe hilflos an. Es sind dabei nicht zuvorderst die Myriaden an historischen Ungereimtheiten und anachronistischen Blödeleien, die diesen Film zerstören. Damit hat man rechnen müssen. Es ist die völlig triviale, lieblos erzählte Geschichte auf Grundschulniveau, die einen so bitter enttäuscht und die die doch eigentlich zu überwindenden Vorurteile gegenüber einschlägig bekannten Regisseuren bestätigt. Dieser Kinofilm bietet leider nur einen einzigen Trost: Alle Hauptfiguren sterben.