„Der große Eisenbahnraub“ ist die ziemlich faktentreue Nacherzählung eines der größten Raubüberfälle der Kriminalgeschichte, bei dem in der Nacht vom 7. auf den 8. August 1963 aus einem englischen Postzug die unglaubliche Summe von über zweieinhalb Millionen Pfund Sterling (nach heutigem Wert etwa 53 Millionen Euro) erbeutet wurde.
Da der Bande um Anführer Bruce Reynolds wesentliche Planungs- und vor allem Ausführungsfehler unterliefen, wurden die ersten Postzugräuber bereits Ende August und ein Großteil der restlichen Bandenmitglieder im September 1963 verhaftet. Gleichwohl hat die Geschichte aufgrund der zeit- und ressourcenaufwendigen Vorbereitung des Überfalls einen langen Vorlauf, und einen ebenso langen Nachlauf, da die Verhaftung Reynolds erst über fünf Jahre später gelang. Das brachte die Macher dieses britischen Fernsehzweiteilers auf die charmante und gut funktionierende Idee, ihre Rekonstruktion des Geschehens nicht nur zeitlich, sondern auch perspektivisch zu halbieren. So zeigt der erste Teil unter dem Titel „A Robber’s Tale“ Vorbereitung, Planung und Ausführung des Überfalls lediglich aus der Perspektive der Männer um Bruce Reynolds. Er endet, als die Gang fünf Tage nach dem Überfall ihren Unterschlupf in der knapp 30 Meilen von Tatort entfernten „Leatherslade Farm“ verläßt, in dem sie bis zur Beruhigung der Lage zunächst untergetaucht waren.
Der zweite Teil unter dem Titel „A Copper’s Tale“ beginnt am Morgen des 8. August 1963 nach dem Zugüberfall und schildert die folgenden Ereignisse aus der Sicht der Polizei. Er endet im November 1968 mit der Verhaftung von Bruce Reynolds.
Diese Zweiteilung gibt den beiden Regisseuren Gelegenheit, dem dokumentarischen Impetus der Filme sowohl ein dramatisches als auch ein fiktionalisierendes Element hinzuzufügen, indem sie zwei Charaktere als zentrale Figuren in den Mittelpunkt des jeweiligen Filmteils rücken: In Teil 1 „Robber“ Bruce Reynolds als akribischen, ruhigen Planer, der nicht nur alle technischen Unwägbarkeiten des kriminellen Großprojekts im Griff haben, sondern auch einen divergierenden Haufen Gangster im Zaum halten muß, und in Teil 2 seinen Gegenspieler „Copper“ Detective Super Intendent Tommy Butler als besessenen, soziopathischen Choleriker und Geheimniskrämer (sein Untergebener und Nachfolger Jack Slipper schrieb 1981 in seiner Autobiographie, Butler würde „seiner linken Hand nicht sagen, was seine rechte tue“). In egomanischer Manier dirigiert Butler seine Männer und verweigert schließlich seine anstehende Pensionierung, solange Reynolds noch auf freiem Fuß ist.
Scheitern tun beide. Während Reynolds die logistische Herausforderung und die Konsequenzen dieses einmaligen Beutezugs unter- und die Zuverlässigkeit seiner Leute überschätzt, opfert der Junggeselle Butler jegliche soziale Beziehungen seinem fanatischen Verfolgungseifer.
Nach Reynolds Verhaftung konfrontieren die Regisseure ihre beiden zentralen Figuren nochmal persönlich in einem Gespräch, was ein wenig aufgesetzt wirkt (ich weiß nicht, ob das in der Realität so stattgefunden hat). Die beiden sind zwar neugierig aufeinander, bekunden auch gegenseitigen Respekt, bleiben sich ansonsten aber völlig fremd. Butler kritisiert die Planerqualitäten Reynolds, weil dieser nicht über den Coup selbst hinaus weitergeplant habe, während Reynolds Butler stellvertretend für die unmäßig hohen Strafen angreift, welche die rachsüchtige britische Justiz über die Posträuber verhängte (bis auf wenige Ausnahmen 25 – 30 Jahre Knast).
Die inszenatorischen Kunstkniffe tun dem Stoff zwar gut, aber letztlich bleiben die Filme durch die selbstauferlegte Realitätsnähe doch etwas trocken und akademisch. Das Problem, die 60er Jahre im Filmset wiederaufleben lassen zu müssen, ohne daß es allzu teuer wird, ergibt einen etwas operettenhaften Mix zwischen Semidokumentarismus und spürbarer Kulisse in beschränkten Drehorten, wie er vielen Realfilm-Einspielern heutiger Geschichtsdokus zu eigen ist.
Da hatte es die deutsche TV-Produktion zum gleichen Thema „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ (1966) wesentlich leichter: sie war zeitgenössisch, und nahm sich neben der Änderung aller Namen viel mehr interpretatorische und dramaturgische Freiheiten. Schließlich ist die Fiktion meist doch spannender als die Realität.