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  „Gesellschaftskritik als Krimidrama"

Der deutsche Nachkriegskriminalfilm startete spätestens in den 1960er Jahren mit den Dr. Mabuse-Filmen und vor allem der Edgar Wallace-Serie durch. Der Erfolg letzterer ist eng mit dem Drehbuchautor Herbert Reinecker verbunden - heute eher bekannt durch seine Beiträge für den TV-Dauerbrenner Derrick. Genaue Beobachtungen gesellschaftlicher Strömungen und ein untrügliches Gespür für den jeweils vorherrschenden Zeitgeist gehörten zu den klaren Stärken Reineckers. Eine seiner ersten Genrearbeiten stammt bereits aus dem Jahr 1955:  das Script zu dem Gerichtsthriller Alibi. Trotz seines erfahrenen Regisseurs (Alfred Weidenmann) und einer überaus prominenten Besetzung (u.a. O.E. Hasse, Martin Held und Charles Regnier) tat sich der Film an der Kinokasse relativ schwer. Die Zeit war wohl noch nicht reif für ein gesellschaftskritisches Kriminaldrama. Reineckers Fähigkeiten allerdings traten bereits deutlich hervor.

Der junge Meinhardt (Hardy Krüger) lebt in den Tag hinein. Das Studium hat er abgebrochen, seine Lebensunterhalt bestreitet er mit Gelegenheitsjobs. Als die Gattin des bekannten Chemikers Dr. Overbeck (Martin Held) ermordet aufgefunden wird, ist ihr Liebhaber Meinhardt der Hauptverdächtige. Die Indizienkette scheint lückenlos: In der fraglichen Nacht traf Meinhard die Geliebte in ihrer Wohnung. Es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung, da Frau Overbeck das Verhältnis ihrem Mann zuliebe beenden wollte. Zudem findet die Polizei einen Knopf von Meinhardts Mantel neben der Toten. Der schockierte Dr. Overbeck hat ein wasserdichtes Alibi. Im darauffolgenden Mordprozess leugnet der Angeklagte die Tat. Einzig der Geschworene Peter Hansen (O.E. Hasse) glaubt an seine Unschuld. Die Verurteilung Meinhardts kann er allerdings nicht verhindern.
Hansen - einflussreicher Chefreporter bei der Hamburger Zeitung „Der Express" - versucht den Fall neu aufzurollen, stößt aber zunächst auf wenig Gegenliebe bei seinem Redakteur (Charles Regnier). Er recherchiert daraufhin auf eigene Faust und entdeckt immer mehr Ungereimtheiten. Als die Pressekampagne schließlich doch anläuft, bringt sie überraschende neue Erkenntnisse.

Mit Alibi inszenierten die beiden Freunde Alfred Weidenmann (Regie) und Herbert Reinecker (Drehbuch) einen der ersten Nachkriegskriminalfilme. Die gemeinsamen Bande stammen bereits aus der NS-Zeit als beide für die „Reichsjugend" tätig waren. Weidenmann arbeitete als Filmberater der Reichsjugendführung und schrieb Jugendbücher für die Hitlerjugend. Reinecker arbeitete ebenfalls für diverse NS-Organisationen. So verfasste er zahlreiche Artikel für verschiedene HJ-Zeitschriften und war Kriegsberichterstatter für die Waffen-SS. Bei dem Luftwaffen-Propagandafilm Junge Adler (1944) arbeiteten sie erstmals erfolgreich zusammen. Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass es beide relativ schwer hatten nach dem Krieg wieder Fuß zu fassen. Erst als die bundesdeutsche Filmindustrie in den 1950er Jahren einen neuen Boom erlebte, waren auch die „alten Spitzenkräfte" wieder gefragt.
Beide zeichnete ein untrügliches Gespür für die Bedürfnisse und Interessen ihres Publikums aus. Als Team feierten sie in zahlreichen Genres Erfolge, vor allem in der einsetzenden Vergangenheitsbewältigungswelle. Filme wie Canaris (1954) oder Der Stern von Afrika (1957) waren Publikumsmagneten. Ihr auch heute noch hoher Bekanntheitsgrad stammt aber in erster Linie aus den 1960er und 70er Jahren, als die beiden Jugendfreunde in einem aufstrebenden Medium reüssierten: So gelten sie als Begründer der deutschen TV-Krimiserien und landeten insbesondere mit Derrick einen weltweiten Erfolg. Dabei ging es neben bloßer Unterhaltung immer auch um einen moralischen Auftrag. „Ein Krimi hat immer auch eine Mitteilungs- und Aufsichtspflicht", soll Reinecker einmal gesagt haben.

Alibi
funktioniert an der Oberfläche als spannender Gerichtsthriller und Kriminaldrama. Ein vermeintlich Schuldiger wird verurteilt. Nur einer glaubt an seine Unschuld und rollt den Fall neu auf. Das ist klassischer Kriminalstoff, der von Weidenmann routiniert und einem untrüglichen Gespür für Dramaturgie und Spannung umgesetzt wurde.
Darüber hinaus hat der Film aber noch eine zweite Ebene parat. Ein echter Reinecker eben. Alibi zeichnet ein zeitkritisches Bild der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft. Geschickt platziert er seine Figuren im Spannungsgeflecht zwischen moderner Leistungsgesellschaft, individuellem Glücksdenken und gesellschaftlicher Verantwortung. Der von O.E. Hasse verkörperte Hansen steht stellvertretend für diesen kritischen Blick auf die BRD der 1950er Jahre. Der Chefreporter des „Express" ist ein wahrer Globetrotter. Ob Atombombentest oder UNO-Sitzung, Hansen ist dabei und abboniert auf Seite 1. Als ein Jungreporter den Mordfall Overbeck für die Titelseite vorschlägt, meint Hansen lapidar: „Für solche Allerweltsgeschichten genügen ein paar Zeilen im Lokalteil." Als ausgerechnet er für den anstehenden Prozess als Geschworener nominiert wird, ist er vor allem genervt. Er hat weit wichtigeres zu tun.
Sein junger Kollege ist entsetzt ob der Gleichgültigkeit, Verantwortungslosigkeit und Arroganz des Reporterstars und stellt ihn zur Rede. Als ihm auch seine Ehefrau dieses wenig schmeichelhafte Charakterbild bestätigt, gerät der selbstverliebte Hansen ins Grübeln und beginnt die eigene Glückdefinition zu hinterfragen. Im Verlauf des Prozesses - dem er nun mit voller Aufmerksamkeit folgt - häufen sich seine Zweifel an der Schuld Meinhards und er weigert sich schließlich, diesen lediglich aufgrund von Indizien zu verurteilen.
Der Richter ist wenig erbaut ob des „Verrats" seines Standesgenossen. Schließlich wurde die Frau eines angesehen Wissenschaftlers von einem jugendlichen Taugenichts ermordet. Da genügen auch Indizien. Hansen spürt seinen Seitenwechsel auch am Arbeitsplatz. Sein Ansinnen, den Fall über die Zeitung neu aufzurollen stößt auf wenig Gegenliebe. Erst als er einen neuen Zeugen präsentiert, wird er überhaupt wieder gehört. Nach einer Brandrede über die gesellschaftliche Verantwortung einer Tageszeitung startet der „Express" eine großangelegte Pressekampagne, die erstaunliche neue Erkenntnisse bringt.

Neben der clever erzählten Kriminalhandlung und seinen zeitkritischen Untertönen besticht Alibi vor allem durch seine überdurchschnittlichen Darstellerleistungen. Der damalige deutsche Superstar O.E. Hasse verkörpert glaubhaft die Wandlung vom emotional verkümmerten und oberflächlichen Erfolgsmenschen hin zum verantwortungsbewussten und gesellschaftskritisch denkenden Staatsbürger. Der Junge Hardy Krüger brilliert als naiver aber gutherziger „Niemand", der vor den Mühlsteinen gesellschaftlicher Rangordnungen und Interesselosigkeit zermalmt zu werden droht. Martin Held spielt gewohnt souverän den zwielichtigen Wissenschaftler und gehörnten Ehemann Dr. Overbeck.

Der Film greift eine Menge brisanter Themen auf und hält der damaligen Gesellschaft einen teilweise recht schmerzlichen Spiegel vor. Moralische Werte wie Zivilcourage, nicht Wegschauen sowie der selbstlose Einsatz für Unterprivilegierte kollidieren mit Vetternwirtschaft etablierter Kreise sowie der Definition persönlichen Glücks ausschließlich durch Ansehen und gesellschaftliche bzw. berufliche Erfolge. Eine Schlüsselszene in diesem Zusammenhang ist der Auftritt eines Augenzeugen, der seine Aussage zurückziehen möchte, um von seinen Standesgenossen bei der nächsten Kegelrunde nicht ausgegrenzt zu werden.
Für das sich erst langsam wieder aufbauende Selbstwertgefühl der Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg kam dieser unangenehme Themenkomplex offenbar zu früh und insbesondere zu drastisch. Trotz seines eher bescheidenen Publikumserfolges wurde Alibi mit dem Filmband in Silber ausgezeichnet. Zu recht, zeichnet er doch ein zeitkritisches, genau beobachtetes und scharf analysiertes Gesellschaftsbild seiner Entstehungszeit. Reinecker jedenfalls wirds zufrieden gewesen sein, wurde doch der von ihm so vehement propagierten moralischen Aufsichtspflicht genüge geleistet.

(7/10 Punkten)        

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