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Angesichts komplexer Themen wie Schuld, Schweigen und Selbstvorwürfen ist es kaum nachvollziehbar, dass der erste abendfüllende Spielfilm von Autorin und Regisseurin Sara Colangelo auf ihrem eigenen Kurzfilm beruht. Sie versucht konsequent melodramatische Momente auszuklammern, was einerseits mutig ist, anderweitig den Stoff zu selten unter die Haut gehen lässt.

In einer kleinen Gemeinde in West Virginia geschieht eines Tages im örtlichen Kohlebergwerk ein schrecklicher Unfall, bei dem zehn Arbeiter sterben. Nur Amos (Boyd Holbrook) überlebt den Vorfall schwer verletzt und möchte nach einiger Zeit der Regeneration wieder in der Mine arbeiten, während der Betreiber wegen Fahrlässigkeiten in die Schusslinie gerät. Owen (Jacob Lofland), dessen Vater beim Unglück getötet wurde, begeht im Wald einen schlimmen Fehler, als er dem Sohn des Betreibers begegnet…

Die Mischung aus Coming-of-Age und Drama funktioniert über weite Teile recht gut, da die Atmosphäre in der von White Trash Familien bewohnten Gegend rasch und weitgehend klischeefrei etabliert wird und sogleich Empathie für die Außenseiter erzeugt wird, denn Gewinner gibt es in dieser Gemeinde rein gar nicht. Im Gegenteil: Das Schicksal einiger Figuren ist eng miteinander verknüpft, ohne dass dieses bei einigen Interaktionen zur Sprache kommt, da Schweigen und das in sich hineinfressen zum Alltag gehört, Kommunikation meistens auf oberflächlicher Basis stattfindet und dadurch ein Teufelskreis entsteht, der allenfalls durch eine Affäre durchbrochen wird, obgleich diese ebenfalls unter keinem guten Stern steht.

Die Stimmungen zwischen Melancholie, Hilflosigkeit, Einsamkeit und Trauer werden hervorragend transportiert, nicht zuletzt mithilfe einiger ungewöhnlicher Kameraeinstellungen und dem stets treffend gewählten Score. Zudem sind die Darsteller perfekt besetzt und performen zum Teil grandios, wie etwa Holbrook als in sich gekehrter Überlebender oder Lofland als Junge mit tiefen Schuldkomplexen. Auch Elizabeth Banks liefert eine starke Performance als geplagte Ehefrau und Mutter, der die Ungewissheit über den Verbleib ihres verschwundenen Sohnes jeder Zeit abzunehmen ist.

Jene Ungewissheit hält das Skript trotz der unterschiedlichen Schicksale zusammen, es liegen verschwiegene Wahrheiten in der Luft und es kommen einige Unterpunkte zusammen, die bei genauerer Betrachtung etwas mehr Raum verdient gehabt hätten. Auch ist es schade, dass Colangelo einige Gegebenheiten schlicht ausklammert, denn das Minenunglück wird nicht einmal in Ansätzen bebildert und auch die Tatsache, dass Amos im Koma lag, wird eher beiläufig erwähnt. Einige Aspekte werden auffällig distanziert behandelt, als wolle man emotionale Momente möglichst klein halten, doch etwas mehr Mut zur Dramatik hätte dem überaus ruhigen Treiben ab und an gut getan.

Dennoch sprechen die 103 Minuten Drama an, da die Figuren greifbar sind und nachvollziehbar handeln und obgleich einiges unausgesprochen bleibt, sagt die Erzählung sehr viel über den unterschiedlichen Umgang mit Schicksalsschlägen aus. Stark performt und grundsolide in Szene gesetzt bietet sich der Streifen für Liebhaber leise erzählter Stoffe durchaus an, mit etwas mehr Risiko hinsichtlich wechselnder Gangarten und Emotionalität wäre vermutlich noch mehr drin gewesen.
7 von 10

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