Ein abendlicher Schwenk über die Themse, samt Big Ben und Parlament im Hintergrund, und das in einem Pete-Walker-Thriller… darauf hätte man nun auch nicht gerade Wetten abgeschlossen. Die moderne Weltkultur ist präsenter denn je in „Zeuge des Wahnsinns“, einem Spätwerk Walkers, der seine Leinwand zuvor eigentlich fast immer weit draußen auf dem Lande aufgestellt hatte, wo die Skyline der Großstadt allenfalls ein Schemen am Horizont war.
Natürlich sind es immer noch abgeschiedene Bauwerke aus vergangenen Zeiten, in denen die entscheidenden Plot Points angelegt sind. Als zentrales Setpiece tritt das Foxwarren Park Mansion im südenglischen Surrey unterhalb Londons in Erscheinung, ein viktorianisches Landhaus, das sich mit seinen vielen Giebeln in verschiedenen Höhen und Breiten auch wunderbar als Schauplatz eines klassischen Schauerstücks qualifiziert hätte. Statt einer Gruselgeschichte spielt sich unter seinen Dächern nun ein psychologisches Terrorspiel ab, als ein frisch aus New York heimgekehrter Popsänger sich dazu entschließt, nicht mehr in sein modernes City-Loft zurückzukehren, sondern sich lieber in das alte Landgut einquartiert, um dort sein neues Album zu schreiben. Doch die beiden Hausverwalter benehmen sich merkwürdig, immer wieder ertönt das flehende Wimmern einer jungen Frau und vor der Schlafzimmertür hockt eines Nachts eine verwesende Leiche im Sessel… spielt dem Musiker jemand einen Streich oder verliert er langsam den Verstand?
Die Kollision unvereinbarer Welten ist das bestimmende Motiv im Skript von Murray Smith, der bereits einige frühe Filme Walkers geschrieben hatte, bevor der sich gemeinsam mit Autor David Gillivray seiner fruchtbarsten Phase zuwandte, als er Kirche, Justiz und Sozialsystem mit spitzem Werkzeug demontierte. Smith hingegen meidet das Eintauchen in die blinden Flecken des britischen Systems und verweist lieber auf globale bzw. allgemeingültige Entwicklungen. London scheint mit anderen Weltstädten wie New York näher verbunden zu sein als mit dem eigenen lokalen Umland, eine kurze Einstellung eines landenden Flugzeugs reicht, um die Kontinente miteinander zu verknüpfen. In der Hauptrolle finden wir mit Jack Jones nicht etwa nur einen echten Sänger vor, der hier einen seiner wenigen schauspielerischen Auftritte absolviert, sondern zugleich einen Amerikaner, der selbst in seiner Karriere so manchen internationalen Hit geschmettert hat (wie etwa das „Love Boat“-Theme). Selbiges soll er auch in seiner Rolle als Nick Cooper tun. Mit David Doyle (Bosley aus „Drei Engel für Charlie“) steht zumindest ein weiterer Amerikaner im Cast, für die Rolle der Linda, die schließlich mit der aus Neuseeland stammenden Pamela Stephenson besetzt wurde, waren zeitweise auch Kim Basinger und Melanie Griffith im Gespräch.
Dementsprechend ist „Zeuge des Wahnsinns“ ein Film der Kontraste von global und regional, von alt und neu. Ein fabrikneues Sony-Tonbandgerät lässt in dem staubigen Altbau kontemporären Pop erschallen, der Veränderungsdrang der Außenwelt stößt auf die Unveränderlichkeit des verlorenen Fleckens englischer Erde, die umgeben ist von Jahrhunderte alten Eichen. Im Grunde ist der gesamte Film eine einzige lange Parallelmontage, in der die beiden zentralen Setpieces, das Foxwarren Mansion nämlich sowie das Apartment in der Stadt, miteinander in Bezug gesetzt werden.
An letztgenannter Stätte ereignet sich bereits früh ein bestialischer Mord, verübt von einer als Vettel verkleideten Gestalt mit Sichel. Walker inszeniert diesen Mord mit scharfen Verweisen auf Alfred Hitchcock: Trockener Suspense-Aufbau, dann harte Schnitte, assoziative Montage und ein blutiges Ergebnis, das während der folgenden Handlung zu gären beginnt, weil es die Hauptfigur entgegen der Konventionen niemals zu ihrem alten Wohnort zurückführt. Das lässt die gelegentlichen Besuche von Nebenfiguren in der steril eingerichteten Wohnung ironischerweise fast gespenstischer wirken als die Sequenzen um den Sänger im viktorianischen Herrenhaus, denn man sieht praktisch live dabei zu, wie sich der einstmals am Puls der Zeit befindliche Schauplatz langsam in einen „Lost Place“ verwandelt, zumal er in einem Altbau mit umständlich zu bedienendem Aufzug (immer wieder wird auf die großen Zahnräder geschnitten, die ihn ratternd in Bewegung versetzen) versteckt und so vor der Öffentlichkeit gewissermaßen verborgen ist.
Nicht, dass man es uns auf dem alten Anwesen viel gemütlicher machen würde. Walkers Stammschauspielerin Sheila Keith öffnet die große Eingangstür mit dem verschlagenen Blick einer Bediensteten des Grafen Dracula, womit sie nicht etwa nur die alte Schule des klassischen Horrors heraufbeschwört, sondern sich aktiv als roter Hering anbietet, gewissermaßen sogar schon auffällig mit ihren roten Schuppen blinzelt, um wahrgenommen zu werden; ebenso wie der brummige Gärtner (Bill Owen), wohl ohnehin der Klischee-Charakter eines jeden Whodunit, den man alleine seines Berufs wegen stets im Verdacht hat. Aber auch im Bekanntenkreis der Hauptfigur, auf der Seite der Moderne also, gibt es allerhand Verdächtige: Den Musikproduzenten (David Doyle) etwa, der in unbeobachteten Momenten überraschende Seiten seiner Persönlichkeit preisgibt und der vor allem durch den Filmschnitt mit den Morden in Verbindung gesetzt wird. Oder der beste Kumpel Harry (Peter Cunningham), der sich durchweg respektlos bis ordinär verhält und mehr als einmal die Grenzen der Höflichkeit weit überschreitet. Auf all diese verdächtigen Charaktere reagiert Jack Jones mit einer durchaus interessanten schauspielerischen Strategie: Er begegnet ihnen jeweils so unvoreingenommen wie nur möglich und verhält sich so neutral wie es eben geht, wenn man mit modrigen Leichen konfrontiert wird. Sein Spiel ist erfrischend lässig, ohne dass er dabei jemals den Eindruck erweckte, er stünde über den Dingen. Selbst wenn er sich damit gewissermaßen nur selbst spielen sollte, passt er damit ideal in die Rolle. Ferner zehrt seine Besetzung von einer reizvollen Doppelbödigkeit, insofern er als hauptberuflicher Sänger einen ebensolchen auch spielt – ein Konzept, das wohl alternativlos war, standen doch neben Jones auch Cat Stevens und Ringo Starr auf der Casting-Liste. Pamela Stephenson hingegen wirkt hier und da ein wenig desinteressiert an dem, was sie darstellt; eine Basinger oder Griffith hätte man sich an ihrer Stelle tatsächlich sehr gut vorstellen können.
Walker investiert viel Energie in dieses altmodische Whodunit-Spiel, was auch damit begründet ist, dass er unentwegt versucht, traditionelle Elemente ins Gegenteil zu verkehren, insbesondere was Geschlechterrollen angeht. So findet sich ausgerechnet Popidol Jones in allerhand Situationen wieder, die genre-üblich eher dazu gedacht sind, Frauen in eine bedrohliche Lage zu manövrieren. Umgekehrt läuft der Killer, hier wieder der offensichtliche Verweis auf „Psycho“, entgegen des Regelwerks in weiblicher Identität Amok. Der Transvestitismus einer Nebenfigur wird als weiterer roter Hering in den Eimer geworfen und steht zugleich symbolisch dafür, dass man sich auch als Zuschauer von stereotyper Genre-Logik lösen sollte, um nichts anderes als das Unerwartete zu erwarten. Dies zu arrangieren, erfordert jedoch viel Zeit und Sorgfalt. Ehe man sich versieht, ist der Thriller zum waschechten Slow Burner geraten, mehr noch als ohnehin üblich in den dialoglastigen Filmen, die man vom Regisseur gewohnt ist. Um das recht überschaubare Personenkarussell nämlich möglichst lange im Rennen zu halten, bleibt der Bodycount sehr gering, was allerdings im Umkehrschluss dazu beiträgt, den drastischen Mordszenen in ihrer Seltenheit wenigstens zu einer karnevalistischen Hysterie zu verhelfen. Wenn man dem Regisseur seine Erfahrung ansieht, dann wohl definitiv daran, wie er gelernt hat, mit wenigen Mitteln maximale Intensität zu erzielen. Die zwei, drei übel zugerichteten Leichen fungieren auf die 100 Minuten verteilt als Wachmacher und Antriebsfedern, die ehemals so präsente Nacktheit ist sogar endgültig als überflüssiges Dekor identifiziert und deswegen fast vollständig aus der Handlung verbannt.
Dass „Zeuge des Wahnsinns“ nicht mehr ganz die Relevanz seiner unangenehmen Gesellschaftskommentare aus den mittleren 70ern erreicht („Haus der Peitschen“, „Haus der Todsünden“, „Frightmare“), liegt hauptsächlich am soliden, aber trotz seiner Versuche, Konventionen auf links zu drehen, eher klassischen Drehbuch, das in globalen Mustern nach menschlichen Abgründen sucht anstatt gezielt britische Eigenarten zu sezieren. Walker selbst hingegen bleibt auf das Wesentliche konzentriert und wirft konsequenter denn je alles über Bord, was nicht unmittelbar im Dienste der Handlung steht. Das Ergebnis ist ein Psychothriller mit äußerst langsamem Tempo, aber guten Darstellern und zwei, drei Mordsequenzen, die in ihrer Radikalität die Weichen für die kommende Ära des Slasher-Films gelegt haben könnten. Vor allem aber gelingt es dem Regisseur, über den Abspann hinaus eine geisterhafte Stimmung zu etablieren, die nicht länger untrennbar mit alten englischen Anwesen verknüpft ist, sondern selbst in Großstadt-Apartments immer noch spürbar ist.