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Miles Teller spielt einen jungen Jazz-Schlagzeuger, der eine renommierte New Yorker Musikschule besucht und sehr ambitionierte Pläne verfolgt: Er möchte einer der besten Musiker der Welt werden. Als einer der namenhaftesten Dozenten der Uni, gespielt von J.K. Simmons, ihn in seine Band aufnimmt, scheint er seinem Traum ein Stück näher. Doch die Freude darüber währt nicht allzu lang, da er feststellen muss, dass es sich bei dem Musiklehrer um einen Tyrannen handelt, dem jedes Mittel recht ist, um seine Schützlinge zu Bestleistungen anzuspornen. Schnell wird es zum wichtigsten Lebensinhalt des Schülers, seinen cholerischen, überharten Lehrer zu beeindrucken.

Wenngleich „Whiplash“, ein Sundance-Film mit einem Budget von gerade einmal gut drei Millionen Dollar, praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit in den Lichtspielhäusern lief und weltweit gerade einmal 14 Millionen Dollar einspielte, gelang dem Musiker-Drama binnen weniger Wochen der Sprung in die Top 50 der IMDb als aktuell zweitbester Film des Jahres 2014. Die Wenigen, die den Film gesehen haben, konnte er also offensichtlich begeistern. Das gilt aber nicht nur für das Publikum, auch die Kritiker lobten den Film in höchsten Tönen, nicht selten war zu lesen, es handle sich bei „Whiplash“ um den besten Film 2014 und auch bei den Oscars ging das mehrfach nominierte Drama letztendlich nicht leer aus. Und das zu Recht!

Damien Chazelle, der einst selbst versuchte, Jazz-Schlagzeuger zu werden, ist vor allem deshalb ein grandioses Musikerdrama gelungen, weil er trotz seiner offensichtlichen Liebe zum Jazz die Musik nicht in den Mittelpunkt seines Films rückt. Es wird zwar viel und eifrig geprobt, am Ende wird auch eine längere Passage ausschließlich gespielt, der Fokus des Films ruht aber auf den Figuren. Und bei deren Konstruktion hat Chazelle, der für Drehbuch und Regie verantwortlich war, exzellente Arbeit geleistet.

Chazelle geht es vor allem um Obsessionen, um krankhaften Ehrgeiz und die totale Fokussierung auf ein Lebensziel. Das gilt ganz offensichtlich für die Hauptfigur, den jungen Jazz-Schlagzeuger. Seinem Lebensziel, einer der größten Musiker der Welt zu werden, ordnet er alles unter, das bisher gute Verhältnis zu seinem Vater, die Beziehung zu seiner Freundin, die seiner Meinung nach zu viel wertvolle Zeit in Anspruch nimmt - Zeit, die er zum Üben benötigt. Um sein Ziel zu erreichen ordnet er sich auch dem knallharten Regime seines Lehrers unter. Diesem cholerischen Schreihals, der seine Schüler herablassend behandelt, sie beleidigt und quält, zu Gefallen, bestimmt sein Denken und Handeln. Er spielt, bis seine Hände blutig sind, bis er den Song „Whiplash“ in- und auswendig kann, ihn perfekt zu spielen vermag. Whiplash bedeutet übersetzt Peitschenhieb.

Getrieben und besessen ist aber nicht nur der junge Protagonist, auch sein Lehrer ist es. Der will einen echten Top-Musiker ausbilden, einen, der einen Platz in der Musikgeschichte einnimmt. Er ist überzeugt, dieses Ziel nur durch physische und psychische Gewalt erreichen zu können, indem er seine Schüler mit allen Mitteln unter Druck setzt und sie für jeden noch so kleinen Fehler persönlich anfeindet. Deshalb streicht er die Worte „gut gemacht“ aus seinem Vokabular, wie er seinem Schüler bei einem späteren Zusammentreffen erzählt. Die Figur wurde nicht zu Unrecht mehrfach mit dem von Ronald Lee Ermey verkörperten Sergeant Hartman aus Stanley Kubricks „Full Metal Jacket“ verglichen.

„Whiplash“ lebt von diesen beiden Figuren und den Konflikten, die sie auszutragen. Der Film ist auch ein Psycho-Duell, bei dem die Spannung zwischen den beiden praktisch greifbar wird. Das liegt auch an den starken Darstellerleistungen. Miles Teller, der aktuell unter anderem in „Die Bestimmung“ mit von der Partie ist, überzeugt in der Hauptrolle auf ganzer Linie, sodass man ihm die absolute Hingabe zur Musik bei seinen Proben und Auftritten jederzeit abnimmt. Überragend ist aber J.K. Simmons, der vollkommen zu Recht mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Mit seiner erdrückenden Präsenz verbreitet er auch dann Angst und Schrecken, wenn er gerade überhaupt nicht auf der Leinwand zu sehen ist und wenn er es ist, fällt es schwer sich seinen Schimpftieraden und seinen Psycho-Spielchen zu entziehen. Auch Simmons ist die hypnotische Wirkung des Films, der durch permanente Spannung überzeugt, geschuldet. Dabei verkneift sich Chazelle zum Glück moralische Bewertungen und überlässt diese allein dem Zuschauer. Er stellt den jungen Jazz-Drummer nicht als unschuldiges Opfer seines Lehrers, sondern auch seines eigenen Ehrgeizes dar, während er den Dozenten nicht vollends dämonisiert, sondern nachvollziehbare Gründe für dessen Verhalten liefert, immer wieder auch dessen menschliche Facetten aufblitzen lässt. So lässt sich auch das Finale letztendlich sowohl als Sieg des Schülers deuten, aber auch als einen des Lehrers, der nun endlich wirklich alles aus seinem Schüler herausgeholt hat. Die zweifelhaften Methoden des Lehrers werden aber nicht gerechtfertigt, dafür erscheinen sie schlicht zu unmenschlich.

Der Rest ist gutes Handwerk. Chazelle legt ein ordentliches Tempo vor, leistet narrativ hervorragende Arbeit und holt so das Beste aus seiner Story heraus. „Whiplash“ ist durchweg spannend, begeistert nicht nur inhaltlich und hinterlässt viele nachhaltige Eindrücke. Auch die hervorragende Kameraarbeit, die perfekte Bilder zur mitreißenden Handlung, zur guten Musik liefert, sei an dieser Stelle noch lobend erwähnt. Als kleiner Kritikpunkt kann allenfalls festgehalten werden, dass sich die immer gleichen Wutausbrüche des Cholerikers allzu häufig wiederholen und sich somit punktuell eine gewisse Monotonie einschleicht, aber eine Monotonie auf sehr hohem Niveau.

Fazit:
„Whiplash“ braucht nicht lang, um den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Die Vorstellung des regelrecht furchteinflößenden J.K. Simmons fesselt durchweg, das Psychoduell des vom Ehrgeiz besessenen Schülers mit seinem ebenso getriebenen Lehrer erzeugt dabei permanente Spannung, während die starke Charakterkonstruktion und die handwerklich hervorragende Umsetzung ihr Übriges tun. „Whiplash“ ist damit nicht allein Jazz-Fans, sondern schlicht allen Freunden guter Filme zu empfehlen, es handelt sich wohl um den besten Film dieses insgesamt starken Oscar-Jahrgangs.

92 %

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