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Nachdem eine extrem erfolgreiche Kickstarter-Kampagne das langerwartete Filmprojekt (mit)finanzierte, welches die nach schlechten Quoten 2007 abgesetzte Serie „Veronica Mars“ abschließen sollte, ist die Filmvariante wie ein Klassentreffen – um ein solches geht es auch im Film.
Für die Serienunkundigen rekapituliert der Vorspann kurz Veronica Mars‘ (Kristen Bell) Werdegang in allen Stationen, ohne allerdings die Auflösungen der Hauptfälle bekannt zu geben. Auch im Film selbst erfährt man kaum Konkretes, das Spoiler für die Serie enthalten könnte, auch wenn es an ein, zwei Stellen nicht anders geht, damit auch unerfahrene Zuschauer den Film eventuell genießen können. Doch an die Serienunkundigen wendet sich der Film kaum, der nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera Konstanten zur Serie hat: Als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent fungiert Serienschöpfer Rob Thomas, Diane Ruggerio ist als Co-Autorin und Produzentin an Bord, Ethan Etheridge, Danielle Stokdyk und Joel Silver gehören erneut zum Kreis der Produzenten.
Weniger konstant ist es in Veronicas Leben weitergegangen: Seit neun Jahren (also dem Zeitpunkt, an dem die Serie endete) hat sie nicht mehr als Detektivin gearbeitet und auch Logan nicht wiedergesehen, stattdessen unter anderem Psychologie studiert und ist nun angehende Anwältin. Der Mann an ihrer Seite ist Stosh ‘Piz‘ Piznarski (Chris Lowell), nun als Radio-DJ tätig, während die Neptune den Rücken gekehrt hat. Die komplette Abnabelung also, die gleich den Anschein erweckt, dass man als Fans nichts Wichtiges verpasst habe, keinen noch so kleinen Fall und gleichzeitig natürlich die Frage weckt in welcher Form Veronica zurück in alte Gewohnheiten fällt.

Das zehnjährige Klassentreffen will sie auslassen, doch dann erfährt Veronica vom Mord an einer ehemaligen Klassenkameradin, mittlerweile ein Popstar. Der Hauptverdächtige ist ausgerechnet Veronicas Ex-Freund Logan Echolls (Jason Dohring). Um Logan bei der Auswahl eines guten Anwalts zu helfen, fliegt Veronica zurück nach Neptune, doch schon bald stößt sie auf Ungereimtheiten in dem Fall und beginnt wieder zu ermitteln wie früher...
„Veronica Mars: The Movie“ ist Fanservice, schließlich haben die ihn auch zum Großteil finanziert und für die gibt es auch reichlich zu entdecken. Einen Witz über Rob Thomas‘ Namensgleich mit dem Frontmann von Matchbox 20 gibt es hier wie in der Serie, ein Gespräch mit Leo D’Amato (Max Greenfield) thematisiert den Pitch für die vierte Staffel beim FBI, die es extra- wie intradiegetisch nie gab, Details von Logans Message des Tages (im Abspann) über Vinnie van Lowes (Ken Marino) linke Maschen bis hin zur Einspielung des Serientitelsongs durch einen Straßenmusikanten sind noch und nöcher zu finden. Noch dazu sind gleich drei Leute aus der von Rob Thomas geliebten Serie „Freaks & Geeks“ im Cast zu finden (Martin Starr, James Franco und Dave Allen), womit der Film zahlreiche kleine Hinweise für die Eingeweihten einbaut, neben offensichtlicherem Fanservice – etwa wenn Logan, Eli ‘Weevil‘ Navarro (Francis Capra), Dick Casablancas (Ryan Hansen) und Piz sich mal nicht untereinander, sondern gemeinsam mit anderen prügeln.
Auch der Originalcast ist am Start, wobei vor allem Kristen Bell und Jason Dohring sofort wieder in ihre alten Rollen finden, mit identischen Charme wie früher spielen – selbst wenn Veronica als angehende Konzernanwältin genau die vertreten zu wollen scheint, die sie früher verfolgte, so erkennt man unter der Anwältinnenoberfläche das Hard-Boiled-Girl der Serie. Viele Darsteller der Originalserie werden auch Nebenrollenauftritte reduziert, was gerade im Falle von Enrico Colantoni, Francis Capra, Percy Daggs III, Tina Majorino und dem in der Rolle des etwas beschränkten Dick mal wieder herrlichen Ryan Hansen etwas schade ist, gerade angesichts ihrer mal wieder famosen Leistungen. Auch sonst gibt es massiv Auftritte von alten Bekannten, ein paar neue Gesichter fügen sich harmonisch, aber auch unauffällig in den Cast ein, darunter Gaby Hoffman und der ausnahmsweise mal nicht als Nerd besetzte Martin Starr, der mit Rob Thomas schon bei „Party Down“ zusammenarbeitete. Für einen Hauch von Prominenz sorgen die Gastrollen von Jamie Lee Curtis als Kanzleichefin und James Franco – als James Franco.

Obwohl nun alle Beteiligten nominell dem Teenageralter entwachsen sind, beweist „Veronica Mars: The Movie“ eine bemerkenswerte Kontinuität: Das Voice Over erzeugt ein Gefühl der Vertrauten, erneut serviert der Film pointierte Dialoge und Wortgefechte von allererster Güteklasse, erneut fliegen die Popkulturreferenzen von „Ein Offizier und Gentleman“ über „South Park“ bis hin zu „Gefährliche Brandung“ tief, erneut zeigt der Film die harten sozialen Strukturen in Neptune, dem Städtchen ohne Mittelklasse auf. Die Polizei, nun unter der Leitung von Don Lambs Bruder Dan (Jerry O’Connell) ist korrupt und inkompetent wie eh und je, wobei „Veronica Mars: The Movie“ aufgrund der Laufzeit von 107 Minuten deutlicher weniger genau den Finger in die Wunde legen kann als es die Serie mit ihren großen Erzählbögen tat.
Tatsächlich ist „Veronica Mars: The Movie“ in erster Linie ein relativ normaler Krimi oder Thriller, der eben an Filmkonventionen gebunden ist, weshalb er nicht den Reiz der ersten Staffeln aufbauen kann, die über 22 Folgen mit zig falschen Fährten und stets neuen Spuren aufwarten konnten. Tatsächlich ist der Hauptfall hier ein durchaus gut durchdachtes Murder Mystery, das in der Serie am ehesten als Fall der Woche getaugt hätte, aber auch nur über ein eingeschränktes Personal an Verdächtigen verfügt – an Logans Unschuld besteht weder für den Zuschauer noch für Veronica je ein Zweifel, weshalb der Kreis der möglichen Täter klein bleibt, trotz kleiner Überraschungen bei der Mördersuche.

Wesentlich interessanter ist da ein Nebenfall, der im Film leider kurz abgehandelt wird, aber eine wichtige Nebenfigur betrifft und sich gleichzeitig noch mit den gesellschaftlichen Strukturen in Neptune beschäftigt. Beiden Fällen ist allerdings gemein, dass jeweils eine bereits aus der Serie bekannte Figur im Laufe der Auflösung sterben muss, womit Thomas erneut ein wenig überraschen kann und gleichzeitig auch für ein paar emotionale Momente sorgt – obwohl der Tod einer Figur leider etwas zu sehr von den Verletzungen überschattet wird, die eine anderer liebgewonnener Charakter zeitgleich erleidet.
Als Abschluss der Serie kann man mit dem Film zufrieden sein, da er guten möglichen Endpunkt bietet, auch wenn natürlich die obligatorische Sequelmöglichkeit deutlich offen gehalten wird. Die Entwicklung von Veronicas beruflichem und privatem Status findet einen Endpunkt, der vor allem den Serienfans gefällt, auch wenn nicht alle Fäden der Serie aufgegriffen und abgeschlossen werden (Stichwort Geheimgesellschaft) – aber das findet wahrscheinlich in Rob Thomas anstehenden „Veronica Mars“-Roman „The Thousand-Dollar Tan Line“ statt. So erstreckt sich die (ursprünglich mal als Jugendroman) gedachte Serie über mehrere Medien, heimisch ist sie aber doch im Fernsehen, was man „Veronica Mars: The Movie“ auch optisch anmerkt. Es gibt einige schöne Aufnahmen, die Kinofeeling versprühen (etwa die Brückenfahrt), insgesamt bleibt Thomas‘ Inszenierung aber dem Fernsehen verhaftet.

Insofern wäre es nicht schade, wenn „Veronica Mars“ mit der Filmversion endet, denn schließlich ist die Kinoadaption ein pointierter, flotter und charmanten Detektivfilm, der die meisten Tugenden der Serie problemlos wieder aufleben lässt und sich in erster Linie an die Fans wendet, aber in Sachen Mainplot auch nicht megaaufregend daherkommt und das Fernsehflair nicht ganz los wird. Doch das ist Meckern auf hohem Niveau, zumindest für den Fan.

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