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Hinter dem harmlos klingenden Titel „Maps to the Stars" verbirgt der kanadische Kult-Regisseur David Cronenberg einen bitterbösen, leicht bizarren Psycho-Schocker, der nicht mit menschlichen Abgründen geizt und eine spannende Story über Schuld und Sühne, moralische Deformationen und den Umgang damit erzählt.

Dabei handelt es sich nicht, wie der Titel vermuten lassen könnte, um eine Abrechnung mit dem System Hollywood: Die verwickelten Beziehungen zwischen der jungen Agatha (Mia Wasikowska), der alternden Schauspielerin Havana (Julianne Moore) sowie dem Kinder-Filmstar Benjie (Evan Bird) und seinen geldgeilen Eltern zielen nicht in erster Linie auf die Heuchelei des Star-Systems, das empathielose Arschlöcher zu Medienstars aufbaut. Für eine so allgemeine Interpretation fallen die Charaktere und ihre Verfehlungen allzu spezifisch aus - Inzest und Missbrauch, Vergangenheitstraumata und sexuelle Orientierungslosigkeit, zerstörte Psychen und das Ringen um eine glückliche Zukunft machen hier die Kernthemen aus. Dazu gehört auch der permanente Konflikt mit Eltern - ob die tote Mutter, deren Grausamkeiten noch lange nach ihrem Dahinscheiden der Tochter ein unbeschwertes Leben verwehren, oder bittere Geheimnisse zwischen Eltern und Kind, hier werden die dunkelsten Abgründe angesteuert und in elegant komponierten Bildern ausgeleuchtet.

Das erzählerische Changieren zwischen den Figuren sorgt besonders anfangs für eine gewisse Spannung, solange man noch nicht um die tatsächlichen Verbindungen zwischen den einzelnen Handlungsfäden weiß. Wenn dann klarer wird, wer hier mit welcher Motivation was tut, umgeht das Drehbuch immer wieder gekonnt altbekannte Klischees, um mit interessanten neuen Wendungen zu punkten - vor allem die Pointe, dass die scheinbar auf Rache sinnende Tochter gar nichts dergleichen plant, ihre egoistischen Eltern es dafür aber ganz allein schaffen, die gesamte Familie zu zerstören, ist ein echtes kleines dramaturgisches Highlight.

Neben der ebenso einfühlsamen wie auch kritischen Darstellung kaputter Charaktere (selten hat man John Cusack als so ausgemachten Unsympathen erlebt) überzeugt „Maps to the Stars" auch formal. Die ruhige Kamera taucht alles in unterkühlte, in unpersönlichen Settings schwelgende Bilder, der zurückgefahrene Soundtrack setzt punktuell enorm intensive Spannungshighlights und die Darsteller glänzen in ihren leicht satirisch überspitzten, aber die Figuren und ihre psychischen Störungen jederzeit ernst nehmenden Rollen. So unterhält der Film durchgehend und fühlt sich deutlich kurzweiliger an, als es seine Laufzeit vermuten lässt. Auch die subtil sich steigernde Eskalation der Ereignisse trägt zu dieser unterschwelligen Spannung bei, die den Zuschauer durchgehend zu fesseln weiß.

Mit „Maps to the Stars", seiner bisher letzten Spielfilm-Regiearbeit, entfernt sich Cronenberg weiter denn je von seinen Ursprüngen (selbst die einzige blutige Szene des Films wird indirekt, aber höchst elegant inszeniert), zelebriert einen bösen Untergangsreigen dekadenter Psychopathen und zeigt, dass er erzählerisch immer noch neue Akzente setzen kann. Vielleicht kein Highlight seines Schaffens, aber auf jeden Fall sehenswert.

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