Review

Eigentlich ist ein Review dieses Thriller-Meisterwerkes völlig überflüssig, denn dieser Film spricht für sich - und er tut es bis in die Gegenwart. Er bedarf keiner Rechtfertigungen, sondern lässt lediglich Analysen für Filmhochschulen zu, die mittlerweile ganze Bibliotheken füllen. Dass er hier und da auch mit Kritik leben muss, ist durchaus in Ordnung, vielleicht auch notwendig. Studiert man aber die ein oder andere Rezension, so kann sie nicht mehr als bloßes Kopfschütteln verursachen. Wenn jemand beispielsweise schreibt, er fasse den Film als "Familiendrama" auf, dann denke ich, er verwechselt Hitchcocks Die Vögel mit Flemings Vom Winde verweht. Es ist doch aber eigentlich nicht schwer erkennbar, dass sich der Aufbau der Geschichte gemächlich entwickeln muss, um die enge Verzahnung der Love-Story mit dem Horror-Szenario herauszuarbeiten. Die Figuren werden alles andere als langweilig eingeführt; zumindest die Hauptprotagonisten besitzen individuellen Charakter und Motivation. Das Prinzip der Handlung wurde intelligent durchstrukturiert. Sie beginnt mit einem leicht komödiantischen Einschlag und bewegt sich dann im Tonfall schleichend, aber stetig durch alle Schattierungen bis zum finstersten Schrecken. Die Beunruhigung des Zuschauers wird mit subtilem Einsatz aller dramaturgischen und technischen Raffinessen erreicht. Um die Bedrohung noch mehr zu steigern, legte Hitchcock Wert darauf, dass sich auch die Qualität und Quantität der Vögel ständig veränderte: Im Verlauf des Films werden die gefiederten Wirbeltiere immer größer, schwärzer und zahlreicher.
Hat das Geschehen dann endlich seinen Höhepunkt erreicht, mangelt es keineswegs an genialen Regieeinfällen und Kameraeinstellungen, die Hitchcocks Thriller zu einem atemberaubenden Juwel der Filmhistorie machen. Seine geniale Herangehensweise, beim Publikum Suspense zu erzeugen, zeigt sich in Dutzenden von Szenen, wie sie auch "modernere" Regisseure nicht besser hätten abliefern können. Am Prägnantesten ist für mich etwa jener Moment, wenn Lydia Brenner auf der Farm ankommt, in das Haus geht und auf den Bauern mit den ausgehackten Augen trifft. Bevor sie das verwüstete Zimmer betritt, entdeckt sie fünf zerbrochene Teetassen, die an der Wand hängen, und von denen nur noch die Henkel an ihren Haken hängen. Auch die Szene vor der Schule, wenn Melanie Daniels dasitzt und sich hinter ihr auf einem Klettergerüst majestätisch die Raben versammeln, ist außerordentlich, sagenhaft und vortrefflich!
Sagt mir einer, wie man das toppen kann!
Der Film überzeugt durch einen durchdachten Spannungsbogen: einer langen, ruhigen Exposition mit mehreren Verweisen auf die unruhigen Vögel folgen Schlag auf Schlag die gewaltigen, lauten Attacken. Den Höhepunkt bildet der letzte Angriff auf das Haus der Brenners, in welchem sich Melanie, Mitch, Lydia und Cathy verbarrikadiert haben. (Warum sich die Brenners nach dem Überfall der Vögel, anstatt die Flucht in die Ferne anzutreten, noch mal in ihr Haus zurückziehen, um sich anschließend zu verbarrikadieren, bleibt tatsächlich ein Rätsel, wenn auch ein psychologisches!) Sie sind vollkommen isoliert, stark verängstigt und wären eigentlich den eindringenden Vogelmassen nicht gewachsen, doch die Vögel lassen sie ziehen. Es herrscht eine bedrohliche Ruhe nach dem Sturm, als die Menschen mit letzter Kraft das Haus verlassen und sich durch die Vögel den Weg in die Freiheit bahnen. Zuletzt hat der Zuschauer wirklich einen Eindruck vom "Ende der Welt", das vorher ein Betrunkener prophezeite. Die streckenweise recht langen Angriffsszenen vermögen auch heute noch zu schockieren. Hitchcock fühlte sich herausgefordert, alle damals möglichen Mittel auszureizen, um sie denkbarst naturalistisch wirken zu lassen. Die schrillen Attacken der Spatzen, Möwen und Krähen auf Türen, Fenster und Dachboden sind ein Meisterstück klaustrophobischen Grusels!

Natürlich wurde hier viel improvisiert, aber Entschuldigung: Der Film stammt aus dem Jahr 1963(!), wo an Computertechnologie und der damit verbundenen digitalen Effektkiste noch lange nicht zu denken war. Ein, wie ich finde, gewichtiger Punkt, den das oft augenverwöhnte Publikum ebenso schnell wie leicht übersieht.

Die Vögel fällt im Gesamtwerk Hitchcocks sichtlich aus dem Rahmen, letztendlich auch deshalb, weil Hitchcock seiner Zeit um wenige, aber entscheidende Schritte voraus war. Der Film liefert nicht nur keine Erklärung für das völlig unwahrscheinliche Verhalten der Vögel aller Arten, diese Vögel stehen auch im Mittelpunkt des Geschehens, nicht die menschlichen Figuren. Zudem handelt es sich nicht um typische Raubvögel, sondern um Raben, Spatzen, Möwen, Finken, also harmlose, ungefährliche Repräsentanten ihrer Art. Hitchcock lieferte hier den "Mutterfilm" für Horrorwerke à la "Entsetzen ohne realen Hintergrund" - und das nur mit stinknormalen Vögeln.

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