Bei „Die Vögel“ von der Mutter aller Tierhorrorfilme zu sprechen, wäre falsch. Schließlich suchten bereits in den Fünfzigern Riesenspinnen und anderes Ungetier die Leinwände heim. Allerdings kann man bei Hitchcocks Nachfolger von „Psycho“ von einem der einflussreichsten Filme aus diesem Subgenre sprechen, von dem Regisseure bis heute zehren. Und spannender hat die bedrohliche Grundsituation von gefährlichen Tieren, die Menschen nach dem Leben trachten, seitdem auch kaum einer, wenn überhaupt, hinbekommen.
Hitchcock lässt sich viel Zeit, das Szenario vor uns auszubreiten und beginnt den Film als leichte Komödie, in der nach klassischem Screwball-Konzept zwei Menschen aufeinandertreffen, die sich nicht leiden können und früher oder später trotzdem zusammenkommen werden: Melanie (Tippi Hedren), reich, ziemlich hochnäsig und von ihrem Leben so gelangweilt, dass sie sich mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen regelmäßig in Klatschblättern wiederfindet; und Mitch (Rod Taylor), ein Anwalt mit Charme und Witz, aber auch ein etwas selbstgefälliger Macho. Angetrieben durch einen Scherz, den er sich mit ihr erlaubt, arbeitet Melanie selbst einen aufwendigen Plan aus, um es ihm heimzuzahlen.
Die Vogelthematik ist zwar frühzeitig omnipräsent, wird zunächst aber lediglich am Rande angeschnitten. Der erste Schauplatz ist ein Vogelgeschäft, ein Geburtstagsgeschenk für Mitchs Schwester zwei Sperlingspapageien im Käfig, die bei Melanies Fahrt im Wagen in steilen Kurven Schwierigkeiten haben, sich auf der Vogelstange zu halten. Doch sobald Melanie den gemütlichen Küstenort erreicht – ein Ort, in dem jeder jeden kennt –, in dem Mitch und seine Familie wohnen, ändert sich schnell der heitere Ton, und diverse Vorzeichen deuten an, dass hier irgendetwas bevorsteht: Melanie wird von einer Möwe attackiert, die Hühner in diesem Städtchen wollen nicht mehr fressen und ein Vogel fliegt bei Vollmond gegen eine Haustür.
Bis es zum ersten richtigen Vogelangriff kommt, vergehen geschlagene 50 Minuten, und auch wenn es leicht wäre, die Auftaktphase als zu lang abzutun, ist sie notwendig, um alle Protagonisten in Stellung zu bringen, damit sie eben nicht die Pappcharaktere werden, die sie sonst so oft in Tierhorrorfilmen sind. Melanies Hang, Schlagzeilen zu produzieren, ist ein Schrei nach Liebe, die ihr von ihrer Mutter versagt blieb, während Mitch, ohne sich so recht dagegen zu wehren, an einem Zuviel an Mutterliebe leidet, das es für ihn unmöglich macht, eine normale Beziehung zu einer Frau aufzubauen. Erst als sich Melanie gegenüber Mitch emotional entblättert und die Wut auf ihre Mutter geäußert hat, stürzen sich die Vögel in der Folge in mehreren teils sehr breit angelegten Spannungssequenzen auf die Ortsbewohner und verbreiten Angst und Schrecken. Vor dem Hintergrund klingt es dann auch gar nicht mehr so weit hergeholt, wenn Melanie später von einer Frau beschuldigt wird, der Auslöser für die scheinbar unmotivierten Vogelangriffe zu sein. Mit ihr kommt der Tod nach Bodega Bay. Es ist die einzige vage Theorie, die der Film für das Unerklärliche anbietet.
Bei der Inszenierung der Vogelangriffe zeigt sich Hitchcock auf der absoluten Höhe seines Könnens. Hier stellt er alle zur Verfügung stehenden Register zur Schau und mischt Tricktechnik wie bei dem Einbruch der Spatzen in das Haus der Familie Brenner, bei dem die Vögel einfach in das Bild einkopiert werden, mit Attrappen und sogar echten dressierten Vögeln, die er teilweise gar an Menschenkörpern festband. Jede dieser Szenen ist exakt wie bei Hitchcock üblich nach Storyboards durchgeplant und perfekt getimt, dass man nur staunen kann, was er in punkto Spannung herausholt.
Setzt er zuerst noch auf den Überraschungseffekt – insbesondere die erste Attacke während des Kindergeburtstags kommt sehr unerwartet, ebenso wie der sich nur kurz darauf anschließende Spatzeneinfall durch den Kamin –, so ändert er fortan seine Inszenierungsweise, denn er hat die von den Vögeln ausgehende Gefährlichkeit ausreichend etabliert, sodass nun jeder Zuschauer mobilisiert ist. Also zieht er in der wohl besten Sequenz des Films die Suspense-Karte und lässt Melanie vor der Schule auf das Unterrichtsende warten, während sich in ihrem Rücken langsam Vogel um Vogel sammelt, um den nächsten Angriff vorzubereiten. Unmittelbar danach wird Melanies Aufenthalt in einem Restaurant geradezu endlos ausgewalzt, wo ein Panoptikum verschiedenster Kleinstädter und Durchreisender zusammensitzt und den Erzählungen der Frau lauscht, die von arroganten Ornithologinnen, den Weltuntergang prophezeienden Säufern oder sorgenvollen Müttern mit ängstlichen Kindern wahlweise als Wahrheit verstanden oder Humbug abgetan werden.
Spätestens mit dem Schulkinderangriff entlässt das Skript den Zuschauer bis zum Ende nicht mehr aus dem Klammergriff, gewährt zwischen den Attacken zwar Ruhephasen, steigert die Bedrohung jedoch immer mehr. Wenn eine der zentraleren Figuren ihr Leben lässt, ist klar, dass auch Melanie und die Brenner-Familie nicht mehr sicher sind, bis ihnen nichts anderes mehr übrig bleibt, als sich mit allen vorhandenen Möbelstücken in den eigenen vier Wänden zu verbarrikadieren, quälend lange auf den unvermeidlichen Ansturm der wildgewordenen Vögel und deren furchterregendes und nervtötendes Krächzen und Flügelschlagen zu warten und zu hoffen, einfach nur zu überleben. Wenn der Ansturm schließlich erfolgt und die Angst der Todesangst weicht, kann das der Zuschauer regelrecht mitfühlen, eben weil die Kamera nur im plötzlich so klaustrophobisch eng erscheinenden Haus bei den Protagonisten bleibt und keine Außenaufnahmen gewährt. Hitchcock wusste ganz genau, dass die Vorstellungskraft tausendmal wirkungsvoller ist als reine Schaueffekte. So ist nur die gigantische Geräuschkulisse zu hören, die Tausende von attackierenden Vögeln vermuten lässt und das Gefühl gibt, das an sich recht robuste Haus könne dem Orkan gar nicht standhalten.
Das durch ein Trautonium erzeugte Vogelgekrächze ersetzt dabei generell die sonst übliche musikalische Untermalung. Schon im Vorspann wird ausgiebig davon Gebrauch gemacht. So wie in „Der weiße Hai“ durch Erklingen des berühmten Hai-Themas stets Unheil angekündigt wurde, so sind es hier Vogellaute – je lauter, desto gefährlicher, desto höher die Spannung, ebenso wie ein einzelnes Gurren und/oder Krächzen nur die Ruhe vor dem Sturm bedeutet und permanente Vorsicht bei den Aktionen der Figuren erforderlich macht, denn die Vögel sind überall.
Parallel zur Steigerung der Bedrohung werden auch die Bilder immer surrealer, gespenstischer und gar apokalyptischer: Leichen mit ausgehackten Augen; Fensterscheiben, in denen Vögel beim Versuch eines Einbruchs tot hängen bleiben; Vögel, die vom Himmel aus auf die von ihnen ausgelöste Explosion blicken und dabei die dummen Menschen auszulachen scheinen; ein sich inmitten einer Feuersbrunst selbstständig machender Feuerwehrschlauch, umkippende Pferdekutschen und schwer blutende Menschen, die hilflos durch die Gegend taumeln, während Vögel an ihnen herumpicken; Menschen, die inmitten der Masse an Vögeln verschwindend klein erscheinen und darin untergehen. Ist das hier der Beginn der Apokalypse? Diese Frage wird nicht beantwortet. Es gibt nicht einmal einen „The End“-Schriftzug.
„Die Vögel“ hat längst als Klassiker in den Annalen des Horror-Kinos seinen Platz gefunden und gilt als einer der besten Hitchcock-Filme. Für nicht wenige ist es sogar Hitchcocks letztes Meisterwerk in einer ganzen Reihe von hintereinander abgedrehten Meisterwerken, bevor er im Laufe der Jahre unübersehbar an Qualität verlor. Tatsächlich kann der Film heute noch hinsichtlich seiner mustergültigen Spannungskurve bedenkenlos als DAS Beispiel für herausragendes Spannungskino hervorgeholt werden, aus technischer Sicht sicherlich von der Zeit eingeholt, aber eben auch unfassbar gut auf den Punkt inszeniert und beklemmend.
Und jemanden, der die magische Kraft des Kinos so sehr verinnerlicht hat wie Hitchcock, dass er die Öffnung einer Haustür simulieren kann, obwohl da gar keine Haustür ist, und das, ohne dass es dem Zuschauer auffällt, wie hier am Ende, als Melanie und die Familie Brenner einer ungewissen Zukunft entgegenblicken (siehe auch den Interview-Ausschnitt mit Veronica Cartwright im Making-of des Bonusmaterials der Universal-DVD), kann man einfach nur bewundern. Deshalb komme ich auch immer wieder mit nach Bodega Bay. 10/10.