Die junge und hübsche Melanie Daniels macht einen Trip ans Meer. Genauer: Nach Bodega Bay, einem verschlafenem Örtchen nördlich von San Francisco. Sie möchte dort einem Mann, der ihr kürzlich einen Streich gespielt und dabei ausnehmend gut gefallen hat, ebenfalls einen kleinen Streich spielen, wenn auch einen gutmütigen. Nun ja, wie es so kommt: Der Streich, bestehend aus 2 Vögeln für die kleine Schwester des Mannes, kommt gut an, Melanie wird zum Abendessen eingeladen, lernt die abweisende Mutter kennen sowie die einsame Lehrerin des Ortes, und wird für den nächsten Tag auch gleich noch zum Kindergeburtstag eingeladen. Nur die Natur scheint an dem Idyll nicht gerne teilzunehmen: Die Vögel in der Umgebung scheinen alle wie irre zu sein – eine Möwe attackiert Melanie in ihrem Boot, und beim Geburtstag fällt gleich ein ganzer Schwarm Möwen über die Kinder her. Doch das ist nur der Auftakt für eine grauenerregende und blutige Nacht …
DIE VÖGEL ist natürlich einer DER Klassiker des Tierhorrors, aber es stellt sich trotzdem die Frage, wie gut oder schlecht DIE VÖGEL gealtert sein mag. Da ist einmal die laaaaange Exposition, welche die gesamte erste Stunde des Films benötigt, und einige Subplots in den Raum stellt, ohne die der Film erheblich schlanker und einfacher (sprich: Weniger ermüdend) geworden wäre. Auf der anderen Seite hat es dann einige Szenen, die auch heute noch Gänsehaut erzeugen: Die Vögel, die wie eine Wolke über die flüchtenden Kinder herfallen, und sehr beeindruckt hat mich auch Rod Taylor, der vorsichtig aus seinem Haus tritt und sich lauter Raben gegenüber sieht. Düster das, düster …
Sind es nun die geänderten Sehgewohnheiten, dass die erste Stunde des Films so langwierig wirkt? Ist man heute, nach dem Genuss unzähliger, schnell zur Sache kommender Genrefilme, so abgestumpft, dass ein langer und gründlicher Storyaufbau zum schnellen Abwinken animiert? Oder hatte Hitchcock 1963 möglicherweise seinen erzählerischen Höhepunkt bereits überschritten? Weder der Nachfolger MARNIE von 1964 noch TOPAS von 1969 werden allgemein als Highlights im Hitchcock’schen Schaffen wahrgenommen (DER ZERRISSENE VORHANG nehme ich hier bewusst aus, weil ich persönlich den Film wegen seiner deutschen Schauspieler einfach liebe. Ich weiß aber auch, dass das viele anders sehen …), und fast schaut es ein wenig so aus, als ob PSYCHO der filmische Höhepunkt einer langen Karriere war …?
Aus der heutigen Sicht ist das schwer zu beurteilen, aber ich neige zu der These, dass DIE VÖGEL ein klein wenig Straffung besser getan hätte. Der Subplot um die eifersüchtige Mama, die Nebenhandlung um die Lehrerin als Ex-Freundin, die Hintergründe von Melanies Abenteuer in Rom – Alles Dinge, die zur eigentlichen Handlung nichts beitragen. Die zwar sicher die Charaktere näher beleuchten und ihnen Tiefe geben, die aber auch Zeit kosten und die Geschichte an sich nicht um einen Deut vorwärts bewegen. Gerade die eifersüchtige Mutter kostet manchmal eher Nerven, als dass sie die Geschichte bereichert. Auch wenn an dieser Stelle die Aussage interessant wird, dass Hitchcock in seiner ganzen Karriere immer Liebesfilme gedreht hat, die halt aus unterschiedlichen Gesichtspunkten zur Geltung kamen. Meistens im Gewand eines Thrillers. Da muss man dann schon erstmal drüber nachdenken …
Denn nichtsdestotrotz ist DIE VÖGEL ein guter Spannungsfilm, der seine Daseinsberechtigung hat, und den man fast 60 Jahre nach seiner Entstehung immer noch mit gutem Gewissen anschauen kann. Er wirkt oft altmodisch, was an Hitchcocks Inszenierungsstil liegt (Rück-Pros waren 1963 schon nicht mehr ganz en vogue), aber er ist spannend und überzeugt mit seinen Actionszenen, den Effekten – und, ganz im Gegensatz zu den weiter oben geäußerten Ansichten, interessanterweise gerade mit den Charakteren! Im Tierhorror sind die Personen oft eher eindimensional angelegt, was Hitch hier wohl bewusst umgehen wollte. Ob das dem Film gut tut, das sei nun mal dahingestellt …
So weit, so gut.
Zwei Wochen, nachdem ich diesen Text bis hierher geschrieben hatte, las ich das Buch von Donald Spoto Hitchcock und seine Filme. Das Buch beleuchtet bei aller abgehobenen Intellektualität viele interessante Aspekte von Hitchcocks Werk, und gerade bei DIE VÖGEL war ich sehr gespannt auf die Analyse. So ist mir erst durch die Lektüre klar geworden, dass die Angriffe der Vögel immer dann stattfinden, wenn emotionale Momente stattgefunden haben. Wenn die Protagonisten versuchten, ihre, im sozialen Sinn gesehene, Leere und Oberflächlichkeit entweder zu füllen, oder sie auszuleben. Unter diesem Aspekt, der von Hitchcock so auch beabsichtigt ist, wird der Film gleich wieder interessanter und spannender. Er mutiert vom etwas altmodischen Tierhorror zur Tragödie mit Suspense-Effekten. Zu etwas Tiefem und Bewegendem, was seine Botschaft durch klug platzierte Schockmomente vermittelt. Er wird zu einem emotionalen Drama über den Austausch menschlicher Gefühle und das Überwinden der Einsamkeit.
Nein, ich werde jetzt nicht das entsprechende Kapitel aus Spotos Buch abschreiben. Ich möchte einfach nur anmerken, dass Hitchcocks Filme oberflächlich gesehen aus heutiger Sicht vielleicht langwierig wirken mögen, aber die Beschäftigung mit ihnen viele neue und spannend Aspekte hervorbringen kann. Und sie plötzlich um vieles tiefer und reichhaltiger dastehen, als so mancher Unfug, der von den modernen Filmemachern als tiefgehend und reichhaltig verkauft wird. Und unter Einbeziehung der sozialen und emotionalen Komponente ist DIE VÖGEL dann doch wieder ein Meisterwerk der Filmgeschichte …