Einfach mal was Neues sehen...
...wer dazu Lust hat, der sollte mal in Videotheken nach „Wenn Guffman kommt“ Ausschau halten, denn er könnte eventuell eine Überraschung erleben.
Christopher Guest, bekannt durch „Spinal Tap“ und als Count Rugen in „Die Braut des Prinzen“ hat sich eines neuen Genres angenommen und nach diesem Schema inzwischen drei Filme inszeniert, von denen „Waiting for Guffman“ der erste ist („Best in Show“ und „A Mighty Wind“ sind die anderen.).
Es handelt sich bei dem Film um eine komödiantische Fake-Dokumentary, die aber nie den möglichen Realitätsanspruch verläßt (im Gegensatz zu etwa „Drop Dead Gorgeous“), sondern ihren Humor fast ausschließlich aus den realitätsnahen Charakteren bezieht und auch in den angelegten Situationen und Sets nie aus dem Rahmen fällt.
Streng genommen ist Genre Guest ja schon vertraut, denn auch „This is Spinal Tap“ war eine Fake-Dokumentary. Hier sieht man das Geschehen durch das Kameraauge eines Doku-Teams, die den Off-Off-Off-Broadway-Regisseur Corky dabei begleitet, das 150-Jahr-Musical der Kleinstadt Blaine zu inszenieren. Die Vision ist groß, die Möglichkeiten sind klein, aber der künstlerische Anspruch und das Ego sind ungebrochen.
Staubtrocken und ohne jedes Augenzwinkern präsentiert uns der Film in Interviewausschnitten die angeblichen Verantwortlichen, Stadtoberen und „Berühmtheiten“, läßt die Geschichte der fiktiven Stadt von Wissenschaftlern und UFO-Forschern analysieren und geht dann zum Casting über, in welchem sich diverse Personen unterschiedlichster Profession um Rollen bewerben.
Der Film führt über das Casting und die Auswahl (nicht schlimmer als ein durchschnittliches Popstars-Casting) zu den Proben samt der üblichen Problemchen und Egozentrik bis zur Aufführung und darüber hinaus.
Was Guest hier ablaufen läßt, ist ein Bilderbogen, vorgeblich sachlich, aber bisweilen in brüllender Komik versinkend, wenn hier Naivlinge über ihre angeblichen Theaterwurzeln sprechen, ihre Motivation erklären oder ihr sonstiges Wissen über das Leben als solches der Kamera präsentieren (was im Falle der Kellnerin nicht besonders weit reicht).
Ganz gewöhnliche Leute geben sich hier die Ehre, in all ihren übersteigerten Vorstellungen und ihren begrenzten Fähigkeiten (physisch und psychisch). Guest romantisiert nichts und fällt nie aus dem Rahmen (wie etwa Kenneth Branagh das Thema in „Ein Winternachtstraum“ erfolgreich emotionalisierte), bleibt bis zur letzten Minute bitterernst (wenn Corky etwa Merchandisingprodukte bewirbt, wie die Kinderlunchbox mit „Was vom Tage übrig blieb“-Aufdrucken).
Ein Fest für Theaterfans und alle Liebhaber hintergründigen Humors, der nicht auf erprobten Pointen, sondern auf Charakteren basiert. (8/10)