kurz angerissen*
Wo Natürlichkeit im Kino normalerweise etwas Imitierungswürdiges ist, dessen man sich im Idealfall annähern kann, das jedoch real nicht existiert, durchbricht Richard Linklater ein Dogma, das für sein Medium eigentlich bestimmend ist: „Boyhood“ ist nicht nur ein Film, sondern ein dokumentarisches Experiment, weil er zwölf echte Jahre verstreichen ließ, um abgeschlossen werden zu können, weil er die durchaus vorhandenen Möglichkeiten, verstrichene Zeit eben zu imitieren, auslässt, um sich mit der Wahrhaftigkeit verstrichener Zeit auseinanderzusetzen.
Das nimmt ihm zwar Gelegenheit, eine pointierte Aussage zu setzen, wie sie ihm zu Beginn des Projektes vorgeschwebt haben mag. Man wird niemals erfahren, was Linklater ursprünglich im Sinn gehabt hat. Wohl aber, und das ist der wertvollere Erlös, sieht man, wohin es den Regisseur und seine Darsteller getrieben hat.
Die Faszination, den Darsteller Ellar Coltrane vom Kind zum jungen Erwachsenen heranwachsen zu sehen und mit ihm sein Umfeld, ist nur schwer zu beschreiben, gerade weil die fast drei Stunden nicht aus Stückwerk bestehen, das einem Best-Of-Heimvideo gliche, sondern stilistisch nahtlos zusammengefügt wurden. Ein dramaturgischer Bogen fehlt jedoch trotzdem, sofern man dem Lebensabschnitt eines Menschen keine Dramaturgie abgewinnen möchte. Linklater tat gut daran, seine Darsteller selbst mitbestimmen zu lassen, was Jahr für Jahr als nächstes geschehen solle, denn so wird „Boyhood“ zum Abbild eines sich nicht nur geistig und körperlich verändernden Menschen, sondern seiner gesamten Umwelt, die immer wieder von Zeitgeschehnissen gestreift wird, mal leise, mal etwas lauter.
Kino hegt im Wesentlichen eine Intention, es möchte auf etwas hinaus. Es ist selten, dass es seine Macht, den Federstrich zu führen, freiwillig aus der Hand gibt. Hier kann man Zeuge werden, wie genau das geschieht.
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