Zwar basiert auch „Hannibal“ auf einer Thomas Harris Romanvorlage, aber an die Qualitäten anderer Filme um Dr. Lecter reicht er bei weitem nicht heran.
Clarice Starling (Julianne Moore) hat es inzwischen weit gebracht beim FBI, doch ihr neuester Einsatz endet in einem Fiasko: Bei dem Versuch eine Gangsterchefin mitsamt ihrer Bande dingfest zu machen, gibt es eine verlustreiche Schießerei und die Presse macht daraus einen Skandal als Clarice die Gangsterin erschießt, die ihr Baby mit sich herumträgt. Stilistisch will das zwar gar nicht in ein so subtiles Genre wie den Thriller passen, aber immerhin versteht Ridley Scott sein Handwerk und präsentiert zum Auftakt eine lecker Schießerei.
Währenddessen ist Dr. Hannibal Lecter (Anthony Hopkins) immer noch in Italien untergetaucht, hat sich eigentlich eingelebt, doch da ist noch ein Feind aus der Vergangenheit, Mason Verger (Gary Oldman). Dieser überlebte eine Attacke Lecters, der ihn aber dazu zwang sich selbst zu verstümmeln. Verger ist auch noch eine fiese Päderastensau, denn „Hannibal“ setzt nicht auf die subtile Gänsehaut der Vorgänger, stattdessen heißt es hier immer möglichst ekelhaft und möglichst direkt zu sein.
Bald spüren Vergers Häscher Lecter auf, der ihnen zwar entkommt, aber immer noch gejagt wird. Auch das FBI heftet sich an Lecters Fersen und schickt Clarice, die nach dem Fiasko mal wieder einen Erfolg nötig hätte…
„Hannibal“ ist eine ziemliche Enttäuschung nach den gelungenen Vorgängern, auch wenn Anthony Hopkins den stilvollen Kannibalen mal wieder fantastisch verkörpert und viel Charisma verströmt. Julianne Moore ist kein würdiger Ersatz für Jodie Foster, aber auch kein Totalausfall, mittelmäßig auch nur ein chronisch unterforderter Gary Oldman als Oberfiesling. Ray Liotta als weiterer Schleimer ist ganz OK, der Rest auch nicht schlecht, aber wirklich toll ist außer Anthony Hopkins keiner.
Leider ist auch die Geschichte wenig spannend geraten, vor allem in der zweiten Hälfte schleppt sich „Hannibal“ nur noch öde dahin, die Wortgefechte zwischen Clarice und Hannibal sind kaum prickelnd und dünn gesät. Auch die gelegentlichen Scharmützel mit Vergers Schergen sind ziemlich unspannend und Verger ist auch kein würdiger Gegner für Hannibal, der ihn daher auch fast nebenbei zum Ende abserviert.
So setzt „Hannibal“ deutlich mehr auf Ekeleffekte und andere oberflächliche Schauwerte. Gelegentlich fällt die Oberflächlichkeit nicht ganz so schlimm aus und es macht noch Laune (z.B. bei der Fischmarktschießerei zu Beginn), doch oft merkt man nur, dass die möglichst freakigen Eskapaden nur über die lahme Story hinwegtäuschen sollen. Besonders lächerlich die Endszene mit dem offenen Gehirn, bei der man gar nicht weiß, ob man lachen oder kotzen soll. Auch sonst sind Dinge wie herausplumpsende Gedärme oder von Schweinen gefressene Menschen unnötig und nur um des puren Effektes willen eingebaut, wo die anderen Filme um Hannibal Lecter ja eher auf Andeutungen als auf explizite Bilder setzten. Zudem wird Hannibal hier zu einer Art sprücheklopfender Killer im Stil des Slasherfilms degradiert, der immer Witze übers Fleischfressen reißt – halt so vordergründig wie es bei einem Actionreißer richtig ist, aber nicht zu einem Thriller passt.
Immerhin sitzt mit Ridley Scott ein echter Virtuose auf dem Regiestuhl, der bei dem mauen Script noch rettet was zu retten ist. Schon allein die edle Optik entschädigt für so manche Länge und gelegentlich kann Ridley Scott sogar für echte Spannung sorgen, vor allem zu Anfang, wenn Hannibal Katz und Maus mit dem korrupten Inspektor Pazzi (Giancarlo Giannini) und seinen Untergeben spielt. Leider kann Scott nicht immer gegen das maue Script anarbeiten (vor allem gegen Ende lässt „Hannibal“ arg nach), aber immerhin den Supergau kann er verhindern.
Bleibt ein oberflächliches, mit zunehmender Länge immer langweiliger werdendes Sequel, das eher auf Ekel als auf Suspense setzt. Ein großartiger Anthony Hopkins und Ridley Scotts hervorragende Regieleistung retten, was zu retten ist, aber „Hannibal“ ist gerade noch (unteres) Mittelmaß.