Fazit: Fortsetzungs-Film ohne Eigenständigkeit, der schwache Höhen und starke Tiefen beinhaltet.
Das der Film nicht so rund läuft liegt meiner Meinung nach hauptsächlich am Script; ob es dem Buch entspricht kann ich nicht beurteilen, da ich es nicht kenne. Der Regie von RIDLEY SCOTT kann man dabei keinen Vorwurf machen, aus dieser Sicht ist der Film eigentlich ganz gut gemacht; positiv ist die erhöhte Präsenz von Hannibal Lector.
Die Story nimmt direkten Bezug auf seinen Vorgänger *Das Schweigen der Lämmer* und zitiert auch sehr viel daraus, sodass er als alleinstehender Film schwer verständlich ist und kaum funktioniert, wenn man die Vorgeschichte nicht kennt.
Die Anfangs-Sequenz mit der Gangsta-Queen ist ein überflüssiger und nicht sehr gut inszenierter Bestandteil und dient nur als reißerischer Aufhänger um in den folgenden Handlungsverlauf einzuleiten, der dann wesentlich träger daherkommt. Zudem wirkt das Script sehr konstruiert, vor allem im anfänglichen Teil des Films; die Figur des Verger ist nicht nur unsymphatisch und unnatürlich, sondern aus meiner Sicht auch unnötig.
Nach dem unbeholfenen Einstieg, der unvermeidbaren extended-"Nurse-Barney"-Szene und zu viel uninteressanter FBI-Büroarbeit kommen wir nach Florenz, wo sich Hannibal aufhält, welcher sogleich mit eher arrogant wirkendem Dialog (zunächst leidlicher Versuch den Ansprüchen des Original-Films gerecht zu werden) Fragen eines in einem Mordfall ermittelnden Polizisten beantwortet und mehr als nur verdächtig dabei wirkt. Hannibal Lector sollte eigentlich auch dem Cop in Italien ein Begriff sein und er hätte ihn sofort an dessen Geschwafel erkennen müssen (es wird später im Film aber noch geklärt, das der Cop tatsächlich keine Ahnung hat, was aber jeder Logik entbehrt). Auch nicht besonders logisch ist der Alleingang des italienischen Cops, der das Kopfgeld abschöpfen möchte und sich bei diesem Vorhaben natürlich gehörig "den Magen verdirbt".
Später wird es handlungsmäßig auch nicht viel besser, aber die Präsenz von Hannibal steigt an und die Dialoge von ihm werden um einiges besser.
Die schon erwähte Anfangs-Sequenz mit dem Gangsta-Einsatz ist wenig interessant oder spannend und paßt überhaupt nicht in das Gefüge diese Films sowie des "Hannibal-Lector"-Franchise an sich. Die wenigen Splatter-Effekte sind etwas fehl am Platze und dienen nur ihrem Selbstzweck, im späteren Verlauf wird die Spannung dann etwas mehr durch den gewohnten Hannibal-Stil hervorgebracht.
Der Wildschwein-Showdown ist zwar neuartig, wirkt aber lächerlich und ist sehr kurz; der Verger-Abgang dabei dämlich und unwichtig.
JULIANNE MOORE sieht der vorherigen Sterling nur einigermaßen ähnlich und kann kaum überzeugen. Zwar mag ich auch JODIE FOSTER nicht so sehr, doch war ihr die Rolle quasi auf den Leib geschrieben; bei dem vorliegenden Film wollte sie (aus gutem Grund) nicht mitspielen, sodass sie ersetzt werden musste, was dem Film aber nicht besonders gut bekommt. Ob Verger von GARY OLDMAN tatsächlich gespielt wurde, bleibt wohl sein Geheimnis, zu erkennen ist er dank der wirklich gelungenen Maske nicht. Allerdings hätte seine Figur auch jeder x-beliebige Schauspieler oder Statist genauso gut hinbekommen, eine besondere Leistung wird (kann) von ihm nicht geboten (werden).
Charakterlich interessant ist GIANCARLO GIANNINI als der florenzische Detective Pazzi, aber auch dem etwas mehr Screentime zugeteiltem FRANKIE FAISON, der als einziger Darsteller neben ANTHONY HOPKINS in 3 der 4 Lector-Filme mitwirkte, sowie zusätzlich in dem Red-Dragon-Original *Manhunter* von 1986.
ANTHONY HOPKINS selbst agiert wie gewohnt sensationell, wenn nicht sogar effektiver und vor allem häufiger als in den anderen Teilen, woraus sich somit der einzigst wirkliche Pluspunkt des Films ergiebt.
*Hannibal* wurde etwas klarer inszeniert als der Vorgänger *Das Schweigen der Lämmer*, erreicht dadurch dessen Klasse aber bei weitem nicht. Gemessen an den Splatter-Einlagen kommt er an *Hanibal Rising* heran, wobei jene Vorgeschichte bzw. Prequel eher abenteuerlich angesiedelt ist und dessen schwächster Punkt der Hannibal-Darsteller ist.
Allen Teilen überlegen ist aus meiner Sicht die Neuauflage von *Roter Drache* (2002) in Sachen Spannung, Inszenierung, Intensität und Darsteller-Leistung, der vorliegende Film ist von allen in den meisten Kategorien der minderwertigste.
Aus der Reihe "Killer-Thriller" möchte ich an dieser Stelle die österreichische Produktion *Funny Games* vom Regisseur Michael Haneke empfehlen. Jener Film ist gerade vom gleichen Regisseur US-konform re-produziert worden mit dem "genialen" Titel *Funny Games U.S.* (wie der ist kann ich nicht sagen; das Original ist jedenfalls einsame Spitze).
Nicht so begeistert war ich von den neueren Produkten *Disturbia*, *Mr. Brooks* und *Zodiac*, sie sind aber dennoch einen Blick wert.
Das gleiche gilt für die etwas religiöser angehauchten Filme *Die purpurnen Flüsse 1+2* mit Jean Reno sowie für *Sieben*.
P.S. zu *Hannibal*
Witzig: einfach mal bei GOOGLE >> hannibal lector reward << eingeben, wie es "Renaldo Pazzi" im Film tut. Die Seite gibt es noch (2008).
> direct link: http://www.geocities.com/beppo2814/Hannibal.html
Interessant: Als "Renaldo Pazzi" im Film auf der FBI-Most-Wanted-Liste surft, wird das Konterfei von Osama Bin Laden hervorgehoben. Der Film hatte am Tag genau 7 Monate vor dem WTC-Attentat in Deutschland Kino-Premiere
Vielleicht auch Interessant: Ich selbst habe den Film unbewußt am 11. September 2007 genau 6 Jahre danach zum 1.x auf meiner erworbenen DVD gesehen (kein Scherz).