Kaum denkt man "hach, was ist das Leben doch schön", schlägt das Schicksal auch schon so grausam wie unerbittlich zu. Eben erst hat sich Charles Castle (Toby Stephens) mit seiner reizenden Verlobten Anne-Marie (Rachel Shelley) in der Schweiz vermählt, und ehe er sich versieht, ist er trauernder Witwer. Bei einer Bergwanderung stürzt seine Frau während eines Schneesturms in eine plötzlich aufbrechende Gletscherspalte, und Charles kann sie trotz Aufbietung all seiner Kräfte nicht mehr retten. Damit scheint das Leben für ihn jeglichen Sinn verloren zu haben. Jahre später, nach dem ersten Weltkrieg, schlägt er sich mit seinem Partner Roy (Philip Davis) als Fotograph durchs Leben. Seine Spezialität sind Trickaufnahmen; z. B. bastelt er für Eltern, deren Sohn im Krieg gefallen ist, ein schönes Erinnerungsfoto. An ein Leben nach dem Tod oder an die spirituelle Welt glaubt er nicht, im Gegenteil. Es scheint ihm eine garstige Freude zu bereiten, manipulierte Wunderbilder wie das der "Cottingley Fairies" als Schwindel zu entlarven. Als dann Beatrice Templeton (Frances Barber) in seinem Studio auftaucht und ihm eine Fotographie zeigt, auf der ihre Tochter Clara (Hannah Bould) mit einer kleinen, verschwommenen Elfe zu sehen sein soll, hält sich seine Begeisterung darüber stark in Grenzen. Doch als er sich das Bild näher ansieht, stößt er auf ein winziges Detail (die Elfe spiegelt sich in Claras Pupille), das man unmöglich fälschen kann. Der eingefleischte Skeptiker und Zweifler macht sich auf den Weg ins kleine Dörfchen Burkinwell, wo sich der mysteriöse "Elfengarten" befinden soll.
Das auf dem gleichnamigen, 1992 erschienenen Buch von Steve Szilagyi basierende Fantasydrama Photographing Fairies ist ein Geniestreich. Originell, gut gemacht, toll gespielt, erstklassig fotografiert und gespickt mit einer Handvoll wunderbarer Gänsehautmomente erzählt der von Nick Willing inszenierte Streifen seine ungewöhnliche Geschichte so herrlich unaufgeregt aber gleichzeitig so gefühlvoll zärtlich, daß man dem merkwürdigen Geschehen wie hypnotisiert folgen muß. Dabei vermischen er bzw. sein Co-Drehbuchautor Chris Harrald verschiedene Motive (Märchen, Drama, Romantik, Thriller, Fantasy, Historie) zu einem stimmigen Ganzen. Spezialeffekte gibt es nur ganz wenige, aber die sind so gut durchdacht und so phantasievoll und wuchtig umgesetzt, daß sie bleibenden Eindruck hinterlassen. Die erste Begegnung mit den Elfen ist ein echter Augenöffner; da kann man nur gebannt hinsehen, während die atemberaubende Sequenz ihren wundervollen, magischen Charme entfaltet. Das einzige kleine Problem, das ich mit dem Film hatte, ist das Spiel des Hauptdarstellers Toby Stephens (Gustav Graves im James Bond-Streifen Die Another Day). Gut, er ist vom Schicksal gebeutelt, kann den tragischen Verlust seiner Frau nicht verarbeiten, hat sich daher einen zynischen Schutzmantel umgelegt, an dem alles abprallt. Da ist es zu Beginn etwas schwierig, mit diesem "kalten" Menschen zu sympathisieren. Aber mit der Zeit erwärmt man sich schließlich doch für ihn, und spätestens nach zwei Dritteln des Filmes fiebert man genug mit ihm mit, daß das starke, einen Bogen zum Beginn spannende Ende ungemein berührt.
Die geschickte wenn auch nicht realitätsgetreue Bezugnahme auf die bereits angesprochenen Cottingley-Elfen (*) ist quasi der Ausgangspunkt von Charles' wundersamer Reise, die sich rasch zu einer ausgewachsenen Obsession steigert. In dieser Sequenz, in der er auf niemand Geringeren als Arthur Conan Doyle (Edward Hardwicke) trifft, wird seine anfängliche Haltung gegenüber dem Übernatürlichen klar verdeutlicht. Der Tod seiner Frau hat ihn zutiefst erschüttert, ihm den Glauben an Wunder und die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod genommen. Umso faszinierender ist es dann, Charles' Wandel - der zugegebenermaßen recht schnell vonstattengeht - mitzuerleben, wenn er mit Dingen konfrontiert wird, die er rational nicht mehr erklären kann. Neben dem ruhigen Erzählfluß, der dichten Mystery-Stimmung und den erstklassig getricksten und genial konzipierten Elfen überzeugt vor allem der grandiose "Elfengarten" mit seinem uralten, riesigen, knorrigen Baum in der Mitte. So stellt man sich einen Ort vor, an dem Magie passieren könnte. Ganz toll sind auch die Nebendarsteller, die das ihre zum Gelingen des in den 1910er-Jahren angesiedelten Filmes beitragen. Seien es der charismatische Ben Kingsley (Shutter Island) als nachtragender, in seinem Glauben unerschütterlicher Reverend, Edward Hardwicke (The Case-Book of Sherlock Holmes) als Sherlock Holmes-Erfinder Sir Arthur Conan Doyle, Emily Woof (Velvet Goldmine) als das Kindermädchen der Templetons oder Hannah Bould und Miriam Grant als die bezaubernden Templeton-Schwestern, sie alle überzeugen in ihren jeweiligen Rollen.
Interessant ist auch die Idee, daß man die Elfen nur sehen kann, wenn man seinen Geist durch die Einnahme von bestimmten Blumen (eine seltene Art des Gänseblümchens, wenn ich nicht irre) schärft, ihn quasi auf die richtige Wellenlänge einstellt. Die Möglichkeit, daß es sich dabei um bloße Wunschvorstellungen oder durch die "Droge" ausgelöste Halluzinationen handelt, wird durch die Tatsache, daß man die Wesen ja fotografieren kann, ausgeschlossen. Aber nicht auf alle Fragen liefert Photographing Fairies auch Antworten. Wer sich damit schwer tut, daß am Ende nicht alles klar und deutlich ausbuchstabiert wird, der wird eventuell verwirrt und verärgert den Kopf schütteln. Freunde ambivalenter Auflösungen hingegen, die dazu anregen, die Phantasie spielen zu lassen, werden mit diesem eindringlichen und außergewöhnlichen Meisterwerk ihre wahre Freude haben. Spätestens wenn gegen Ende ein Abschnitt von Ludwig van Beethovens 7. Sinfonie erschallt, kann man die sich regende Gänsehaut wohl nicht mehr zurückhalten. Enttäuschend ist hingegen, daß die vielversprechende Regiekarriere des 1961 in London geborenen Nick Willing mehr oder minder im Sande verlief. Abgesehen von ein paar Ausnahmen - Doctor Sleep (2002), The River King (2005) und Altar (2014) - drehte er anschließend nur noch fürs Fernsehen.
(*) Im Jahre 1917 präsentierten die sechzehnjährige Elsie Wright und ihre neunjährige Cousine Frances Griffiths ein Foto (später sollten einige weitere folgen), das Frances in der Nähe eines kleinen Baches nahe des Dorfes Cottingley mit elfenhaften Wesen zeigte. 1920 wurde von einem Experten die Echtheit des Bildes bestätigt, woraufhin Sir Arthur Conan Doyle - von der Existenz von Elfen und Feen überzeugt - für das Strand Magazine einen Artikel verfaßte und die Fotos später in seinem Buch The Coming of the Fairies veröffentlichte. Die öffentlichen Reaktionen darauf waren, wie zu erwarten, gespalten. 1978 griff ein gewisser James Randi die Sache wieder auf, analysierte die Fotos und erklärte sie für gefälscht. Fünf Jahre später gestand die inzwischen dreiundachtzigjährige Elsie Wright schließlich, daß es sich bei den Fotos um Fälschungen handele (die Bilder der Wesen wurden aus Princess Mary's Gift Book, einem 1914 veröffentlichen, illustrierten Erzählband, entliehen), wobei Frances Griffiths beteuerte, tatsächlich Elfen gesehen (nur eben nicht fotografiert) zu haben. Der Film Fairy Tale: A True Story (Fremde Wesen), entstanden im selben Jahr wie Photographing Fairies, basiert auf diesem an und für sich harmlosen Schwindel, der es zu Weltruhm brachte.