„Gastfeindschaft"
Filme die sich jeglicher Etikettierung und bequemer Einsortierung in übersichtliche Genre-Schubladen entziehen sind äußerst selten. Umso reichhaltiger und genussvoller ist das Erlebnis, wenn einem mal wieder ein solches Kleinod begegnet. Zumal bei „The Guest" im 10-Minutentakt fröhlich falsche Gattungs-Fährten gelegt werden, so dass man immer wieder in seinen Erwartungshaltungen und den daraus gefolgerten Prognosen übertölpelt wird, bis man sich endlich befreit dem Erlebnis der völligen Unvorhersehbarkeit hingibt.
Zu Beginn richtet man sich noch relativ gemütlich in einem vermeintlichen Home-Invasion-Thriller ein. Schließlich ist man Filmkenner und hat Adam Wingards horrorlastigen Vorgänger „You´re next" gesehen. Außerdem schaltet das geschulte und erfahrene Cineastenhirn sehr schnell auf Alarmstufe, als der schnieke David (Dan Stevens) urplötzlich bei der Familie eines gefallenen Kameraden aufkreuzt, dem er das Versprechen gegeben hat seine Hinterbliebenen zu trösten. Das tadellose, höfliche und zuvorkommende Auftreten des Kriegsveteranen ist zu perfekt um ehrlich zu sein.
Und tatsächlich gibt das eingefrorene Lächeln und der eiskalte Blick hinter verschlossenen Türen den ersten deutlichen Hinweis auf die schon zuvor entwickelte Terror-Theorie. Ab dann aber schaltet Wingard urplötzlich mehrere Gänge höher und ändert fortlaufend die Richtung, bis auch der letzte Standhafte sein Filmkundigen-Navi abschaltet und sich auf den wilden Querfeldein-Trip einlässt, einfach weil er es muss.
„The Guest" ist einer der Filme, bei denen der Genuss am Größten ist, wenn man so gut wie gar nichts über Plot und Figuren weiß. Verraten sei nur so viel: Wer Spannung, Horror, Action oder Psycho-Thrill etwas abgewinnen kann, der kommt garantiert auf seine Kosten. Wer eine dieser Zutaten lieber singulär konsumiert, sei allerdings hiermit ausdrücklich gewarnt. Verraten kann man auch die Intention der Macher, sich an James Camerons „The Teminator" und John Carpenters „Halloween" orientieren zu wollen. Zwar ist dieses Vorhaben definitiv gelungen, aber bestimmt nicht so, wie man es erwarten würde. Versprochen!
Ein überzeugtes Gute-Laune Versprechen kann man darüber hinaus Fans elektronischer Synthie-Pop-Klänge der 1980er Jahre geben. Ähnlich wie im ansonsten aber gänzlich anders gelagerten „Drive", erzeugt der poppige Wave-Soundtrack ein wohliges Retro-Feeling, das durch die grell-bunte Optik und die kräftigen Farben noch verstärkt wird. Jede der zahlreichen und häufig wechselnden Stimmungen wird dabei tonal perfekt auf den Punkt gebracht bzw. erst erzeugt.
Eine Schau ist definitiv auch „Downtown Abbey"-Star Dan Stevens in der Titelrolle. Die Mischung aus unwiderstehlichem Charmebolzen und eiskaltem Psychopathen sowie der fliegende Wechsel zwischen beiden Profilen lässt einem nicht nur das Blut in den Adern gefrieren, sondern sorgt auch für eine extrem hohe Volltrefferquote hinsichtlich diverser Twists und Erwartungen.
Gannz großes Kino ist schließlich das mit Reminiszenzen und Querverweisen prall gefüllte Finale in einem trockennebligen Halloween-Irrgarten. Neugierig geworden? Hoffentlich. Denn diesen Überraschungsgast wird auch der abgebrühteste und erfahrenste Cineast so schnell nicht wieder vergessen. Versprochen!