Adam Wingards erster Langfilm nach „You're Next“ wandelt auf ganz ähnlichen Spuren wie der Vorgänger, ist dabei allerdings noch ein Stück weit verspielter, weil er sich nun wirklich zwischen alle Stühle setzt und hier gleich mehrere Genres auffährt, ohne auch nur eins konsequent zu bedienen. Beginnend als Familiendrama wechselt er schon bald in den spannungsreichen Thriller-Modus, wird kurzfristig Actionkino und mutiert plötzlich zu einem Slasher, der im Finale gar einen futuristischen Look erhält. Kurzum: „The Guest“ ist wie ein Kinderüberraschungsei, nur daß es neben Spannung und Spiel keine Schokolade gibt, sondern eine ganze Menge Spaß – was ja auch nicht verkehrt ist.
Oberflächlich betrachtet könnte man behaupten, Wingard würde sich sowohl von der Optik als auch von der Retro-Musik her an Nicolas Winding Refns „Drive“ orientieren und so ein Gefühl der guten alten 80er heraufbeschwören, zumal noch zusätzlich ein junger geheimnisvoller Schönling im Zentrum des Films steht. Da hören die Parallelen aber auch schon auf, denn nicht nur ist Dan Stevens als titelgebender Gast David ein wesentlich lebhafterer Schauspieler als Ryan Gosling, mit so viel Charme und Charisma gesegnet, daß man kaum glauben mag, daß ausgerechnet die generell eher auf Krawall gebürstete Teenagertochter (Maika Monroe) immun gegen ihn ist und mehr ahnt als ihre gutgläubigen Familienmitglieder, bestehend aus Vater, Mutter und Sohn. Für den Vater ein guter Saufkumpan, für die Mutter ein guter Zuhörer, für den in der Schule unbeliebten Sohn der große Bruder und Kumpel – das ist alles zu schön, um wahr zu sein, und natürlich verbirgt unser rätselhafter Gast ein Geheimnis, das enthüllt werden muß.
Wie „You're Next“ ist auch „The Guest“ ein genüßliches Zurschaustellen etablierter Klischees. Obwohl er volle Kanne durch alles brettert, was auch nur ansatzweise nach Konvention riecht, bleibt er aber erfreulicherweise aufgrund seiner ständigen Stimmungs- und Tempowechsel stets unberechenbar. Symptomatisch das letzte Drittel, in dem sich die Hauptfigur in eine schier unzerstörbare Killermaschine verwandelt und Leichen ihren Weg pflastern, weiß der Zuschauer nie genau, ob er wegen des Gezeigten jetzt schockiert reagieren oder in spontanes Gelächter ausbrechen soll, denn die Taten werden immer irrwitziger, und wenn zu der Liebesschnulze „Because I Love You“ in einem Café plötzlich Handgranaten in die Luft fliegen, wird sowieso klar, daß hier alles möglich ist.
Das große Mysterium David wird übrigens in einem 30-sekündigen Dialog völlig unspektakulär gelüftet. Jeder, der mit mehr gerechnet hat, dürfte enttäuscht sein, aber Wingard hat offensichtlich kein Problem damit, sein Publikum mit so einer läppischen Erklärung zu brüskieren, solange er nur wild alle möglichen Ideen in den Mixer wirft und sie immer etwas neben der Spur anordnet. In die gleiche Kerbe haut dann auch der gleichzeitig vorhersehbare wie geniale Schlußgag, wenn nun auch noch das allerletzte mögliche Klischee mitgenommen wird – was eine der Figuren analog zum Zuschauer nur in dem gerade drei Wörter enthaltenen finalen Dialogsatz angemessen würdigen kann: „What the fuck?!“
Man sollte nun anhand dieser Beschreibung nicht erwarten, daß hier ein neues Genre geschaffen wurde, dazu bewegt sich „The Guest“ letztendlich doch zu sehr in erwartbaren Bahnen und macht nicht so entsetzlich viel neu. Nein, eigentlich hat man all das schon anderswo gesehen. Was den Film aber so interessant und so unglaublich unterhaltsam gestaltet, ist das wüste Durcheinanderwirbeln mehrerer Versatzstücke zu einem optisch edlen und akustisch hörenswerten Genrebastard, in dem so viel Energie und Frische steckt, daß man nicht anders kann, als sich mitreißen zu lassen. Man merkt an allen Ecken und Enden: Wingard hatte seine helle Freude beim Dreh. 8/10.