Dass Kinofilme relativ zusammenhanglose direct-to-video-Sequels erhalten, ist spätestens seit Beginn der 2000er-Jahre ein lukratives Nebengeschäft für die Studios geworden, doch eher selten dabei ist, dass ein Regisseur in diesem Bereich einen echten Kracher landet – doch mit „Seal Team 8: Behind Enemy Lines“ ist dies tatsächlich gelungen.
Roel Reiné gehört ja zu den Experten des Video-Versequelns und darf unter anderem „The Marine 2“, „The Scorpion King 3“, „Death Race 2“ und 3 sowie „Hard Target 2“ auf seine Kappe nehmen. Im Falle der „Behind Enemy Lines“-Reihe hatten er und seine Drehbuchautoren Brendan Cowles und Shane Kuhn viel Freiheit, ging es doch auch in den Vorgängern immer nur um Soldaten oder Soldatengruppen, die irgendwo in bleihaltige Stresssituationen kommen. Dementsprechend wird wenig Zeit auf die Vorstellung der Belegschaft verschwendet: Nach kurzer Schilderung des Schurkenproblems (ein fieseliger Warlord schlachtet Zivilisten im Kongo und hat zudem einen CIA-Agenten nebst Informatin gekidnappt) wird das Seal Team 8 unter der Leitung von Case (Lex Shrapnel) schon von ihrem Vorgesetzten Ricks (Tom Sizemore) schon auf den Weg geschickt, um mal für Ruhe im Karton zu sorgen.
Vor Ort ballern die Seals mit Drohnenunterstützung eine Garnison der Schurkentruppen zusammen und können Informatin Zoe (Aurélie Meriel) aus den Händen der Schurken befreien, während für den CIA-Agenten jede Hilfe zu spät kommt. Allerdings erfahren sie von Zoe, dass der Warlord, General Ntonga (Leory Gopal) noch schlimmere Pläne hat: Er will waffenfähiges Uran verkaufen und das in weniger als 36 Stunden. Damit besinnt sich „Seal Team 8“ auf die Vorzüge des klassischen B-Films, setzt auf eine einfache Prämisse, deren Schwierigkeiten für die Helden eher in den Umständen liegen: Ein knappes Zeitlimit und mangelnde Unterstützung (mit Ausnahme einer einzelnen Drohne) zwingen sie zum Handeln unter erschwerten Bedingungen.
Da die US-Führung den Verkauf des Materials um jeden Preis verhindern will, brechen die Seals zusammen mit Zoe in Richtung des Uran-Lagers auf, wobei sie – wie der Titel der Reihe es schon so treffend sagt – sich weit hinter die feindlichen Linien begeben…
Und dort ist Geballer angesagt. Reichlich Geballer. Denn in regelmäßigen Abständen muss ein Hinterhalt überstanden, etwas eingenommen oder aus einer brenzligen Lage entkommen werden, was für reichlich Munitionsverbrauch und besiegte Feinde sorgt. Visuell orientiert sich Roel Reiné dabei an den Hochglanzbildern Marke Michael Bay und sorgt für Aufnahmen (als Regisseur und Kameramann), die „Seal Team 8“ wesentlich edler und teurer aussehen lassen als sein knappes B-Budget. Die Kamera behält die Übersicht, wenn die Taten der Seals in Videoclipoptik bebildert werden und begibt sich gelegentlich in die Ego-Perspektive eines Soldaten, ohne dieses Stilmittel dabei so überzustrapazieren wie „Act of Valor“. Gleichzeitig ist für Abwechslung gesorgt, damit die Set Pieces sich nicht zu sehr gleichen: Von einer atemberaubenden Verfolgungsjagd mit Booten und Lastwagen über eine Gefecht in der Enge einer Mine bis hin zum Finale in einer von Feinden besetzten Stadt reicht die Palette der explosiven Actionszenen.
Dabei setzte Reine für einen Großteil der Zeit auf einen immer noch nicht wirklich realistischen, aber halbwegs geerdeten Kriegsactioner-Stil: Die Seals erledigen zwar immer noch dutzende an Feinden, gehen aber taktisch vor, sind besser ausgerüstet und erleiden auch mal Verluste in ihren diversen Gefechten, ehe fürs Finale dann der große Stilbruch ansteht. Denn dann zieht der letzte verbliebende Seal in eine Einzelkämpferschlacht gegen eine ganze Stadt voller Feinde und ist anfangs nur mit einer popeligen Pistole bewaffnet, doch zum Glück landet er bei einer Straßenschlacht im örtlichen Waffenladen, wo er sich fast so dolle ausrüsten kann wie dereinst John Matrix in „Commando“. Nicht, dass auch dieses finale Actioninferno inklusive Nahkampfbeseitigung der letzten Übelwichte nicht ähnlich temporeich, furios und spektakulär wie die vorigen Set Pieces wäre, aber es entsteht schon ein Riss, der den Film dann nicht wie aus einem Guss aussehen lässt.
Optisch zieht Reine seinen edlen Stil durch, während das Simpeldrehbuch nicht allzu viele Verschnaufpausen lässt, sodass auch keine große Langeweile aufkommt. Denn wirklich komplex ist das alles nicht und der eine etwas größere Twist in der Geschichte wird schon dermaßen angeteasert, dass der erfahrene Genrefan ihn bald kommen sieht. Noch dazu wirken wie Szenen im Hauptquartier manchmal wie eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Tom Sizemore, der einzigen größeren Namen im Cast, der seinen Vorgesetztenpart routiniert herunterspielt, aber keinerlei Akzente setzt, was eine leichte Verschwendung des charismatischen Schauspielers ist.
Denn Lex Shrapnel mag zwar einen markigen Namen haben, aber weder er noch ein anderer Seal-Darsteller hat große Ausstrahlung, sodass alle nur funktional ihre kaum eingeführten Rollen herunterspielen, was zum größten Kritikpunkt am Film führt: Die Pappkameraden in „Seal Team 8“ sind schlichtweg austauschbar. Insofern bleiben die Verluste unter der achso guten Freunden und Kameraden ohne Wirkung beim Zuschauer. Nicht nur dass: Man braucht eine kurze Weile um zu verstehen, wer denn nun wer unter den Soldaten ohne große Eigenschaften ist, da man so urplötzlich ins Geschehen geworfen wurde und die Uniformträger im Einsatz alle ähnlich aussehen und handeln.
Doch letzten Endes ist „Seal Team 8“ ja auch nicht als großes zwischenmenschliches Drama, sondern als fetziger, edel inszenierter B-Reißer mit fantastisch aussehender Action angelegt und da liefert Roel Reiné auf jeden Fall. Anfangs noch ein Militär-Actioner mit etwas Realismus, artet „Seal Team 8“ gegen Ende in knallige Einzelkämpferphantasien der Marke „Delta Force 2“ aus, nur in zeitgemäßem Gewand. Trotz extrem blasser Figuren und dieses Stilbruchs aber trotzdem ein richtig starker Militär-Actionfilm, der auch den Vergleich mit manchem Hollywoodkonkurrenten nicht zu scheuen braucht. 7,5 Punkte meinerseits.