German Ängstlein
Deutsche (Indie-)Filme schlagen selten direkt ein wie Bomben, Sleeper- & Kult-Hits sind wesentlich wahrscheinlicher, das ging "Lola Rennt" oder "Absolute Giganten" nicht anders als "Victoria" oder "Das Experiment". Dazu könnte man in ein paar Jahren vielleicht auch "Der Nachtmahr" zählen - zumindest ist dies zu hoffen, ihm von Herzen zu gönnen. Eigentlich muss er nur von der deutschen Jugend entdeckt werden, der Rest wird sich alleine ergeben. Nicht alle werden ihn verstehen, nicht alle werden sich ihm öffnen, viele werden den Kopf schütteln - aber absolut niemand wird diesen Bilderrausch irgendwo zwischen David Lynch & "Donnie Darko" vergessen. Versprochen. "Der Nachtmahr" ist meine positive Überraschung des ersten Halbjahres 2016 & eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Kino, die es zu unterstützen gilt.
Wenn ein Film aus deutschen Landen, von (Untergrund-)Klassikern wie "Basket Case" oder "E.T." über MTV & Hardcore-Techno bis zu neueren Meilensteinen wie "Victoria" oder "It Follows", fleißig zitiert & den Hut zieht, am Ende jedoch etwas einzigartig Eigenständiges dabei heraus kommt, das sogar international mithalten kann, dann glaubt man seinen Augen kaum. Vielleicht geht es ja wirklich langsam bergauf mit dem deutschen Genre-Film. "Der Nachtmahr" ist ein gruseliges Coming-Of-Age-Mysterium, in dem ein junges Mädchen kurz vor ihrem Abitur, von einer kleinen, alienartigen Figur verfolgt & belästigt wird, langsam verrückt zu werden scheint. Realität & Traum, Tod & Wiedergeburt, extrem laute & intim leise Momente wechseln sich ab, erschaffen ein Mosaik mit Kultcharakter, dass zu Theorien, zum Nachdenken & selber Zusammensetzen einlädt. Wundervoll rar eine solche Erfahrung heutzutage.
Die vielen Deutungsmöglichkeiten & originellen (oder gut kopierten) Ideen, die verschmelzenden Zeitebenen oder der einzigartige Look, inklusive Warnung vor epileptischen Anfällen (zu recht) & Empfehlung den Film möglichst laut zu genießen - hier gibt es nur zu Loben. Vor allem der sogartige Techno-Soundtrack ist nicht von dieser Welt & die stroboskopischen Bildkompositionen machen keine Gefangen, faszinieren total. Kann nerven - mir gefiel es, selbst wenn es ab & zu an der Grenze war. Nicht ganz auf dem hohen Niveau & manchmal sogar ärgerlich schlecht, sind hier viele Schauspielleistungen. Und dabei meine ich nichtmal den jungen Ochsenknecht oder die bemühte Protagonistin, eher ihre Eltern als schlimmstes Beispiel. Klar kann man das durch traumähnliche Deutungen (oder noch Dunkleres) etwas entkräften, da sich dort nicht alle Menschen schlüssig & flüssig verhalten müssen. Trotzdem wirkt das Ganze doch oft arg holzig, angestrengt & dilettantisch, reißt einen aus dem Todestraum. Einfach unpassend zu den sonst so hohen Ansprüchen, von grandios zitierten Vorbildern bis zum trendsetzenden Style.
Sogar das kleine, grau-grüne Männchen ist - mal real, mal gelungen computeranimiert - richtig toll umgesetzt, eine Mischung aus scary & sweet. Und ganz nebenbei wurde das pubertäre Abgleiten Richtung Verrücktheit, selten so überzeugend, schleichend & ambivalent dargestellt. Um nur noch mal ein paar Klassiker zu nennen, die den Machern sicher nur zu gut bekannt sind: "Jacob's Ladder", "Lost Highway", "Drive" oder "Dancer in The Dark". Großes Kino aus unserem Land & bitte nicht von den ganzen Vorzeichen abhalten lassen: der Kinobesuch wird sich lohnen & bei euch fest im Gedächtnis bleiben.
Fazit: eine Mischung aus schrägem Techno-Trip & Alptraum, Horror & Coming-Of-Age - absolute Entdeckung des bisherigen (deutschen) Kinojahres! Unvergesslich!