Spätestens seit dem Erfolg von Stieg Larrsons Millennium-Trilogie sind düstere, skandinavische Thriller auch außerhalb des Fernsehens angesagt und erfreuen sich in den Kinos und Videotheken großer Beliebtheit. Tatsächlich erinnert auch „Die Behandlung“ an diese Welle, auch wenn es sich um einen belgischen Film, basierend auf der Romanvorlage der britischen Autorin Mo Hayter, handelt.
Auch im Zentrum dieses Films steht ein obsessiver Polizist mit persönlichem Trauma, das ihn antreibt: Nick Cafmeyer (Geert Van Rampelberg), dessen Bruder entführt wurde, als er noch ein Kind war. Cafmeyers Nachbar, Ivan Plettinckx (Johan van Assche) wurde damals als Verdächtiger ins Visier genommen, aber laufen gelassen. Seitdem quält er den immer noch nicht fortgezogenen Inspektor mit Andeutungen und Provokationen, während dieser stets von seinen Erinnerungen an die Vergangenheit gequält wird, ob der Unwissenheit nicht mit ihr abschließen kann und immer noch nicht weiß, was mit seinem Bruder passiert ist.
„Die Behandlung“ setzt mit dem im Genre fast schon obligatorischen Verbrechen ein, das Cafmeyer an sein Trauma erinnert: Ein Unbekannter dringt in das Haus einer Familie ein, überwältigt sie und sperrt sie über einen längeren Zeitraum bei sich ein, ehe er mit dem minderjährigen Sohn verschwindet, den die Polizei nur noch tot auffindet. Kein leichter Stoff und nichts für Zartbesaitete, auch wenn „Die Behandlung“ das Thema mit Pietät angeht, vieles lieber andeutet als direkt zeigt, aber auch auf diese Weise effektiv Unwohlsein erzeugt.
Als leitender Inspektor übernimmt Cafmeyer den Fall und hört Gerüchte über jemanden, den die Kinder nur den Troll nennen. Während er bereits ahnt, dass der Täter wieder zuschlagen könnte, macht er gleichzeitig eine neue Entdeckung im Fall seines verschwundenen Bruders…
Die Noir- und Hard-Boiled-Elemente, welche die modernen Skandinavien-Krimis prägen, sind hier ebenso wie das Ausloten der Extreme: Kindesmissbrauch ist der rote Faden, der sich durch den Film zieht, auch wenn der Film als Täter dann in erster Linie Abartige und Freaks präsentiert, Leute von denen man insgeheim ahnt, was sie hinter den Mauern ihrer Häuser treiben könnte, womit das Ganze dann vielleicht doch nicht so abgründig ist wie gedacht. Was nicht heißen soll, dass „Die Behandlung“ leichte Kost wäre, denn harter Tobak ist das trotz weniger expliziter Szenen schon.
Ehe sich die Fäden der Handlung entwirren (oder in manchen Fällen weiter verknoten) muss „Die Behandlung“ hin und wieder Freund Zufall bemühen, doch gleichzeitig merkt man dem Film von Hans Herbots die Konstruktion überraschend wenig an: Trotz mancher Wendungen, die ein wenig übers Knie gebrochen werden, wirkt die Geschichte unheimlich organisch und weiß in ihren Bann zu ziehen, ist so spannend erzählt und so atmosphärisch dicht, dass man als Zuschauer auch gern die eine oder andere Unglaubwürdigkeit verzeiht. Und nicht nur bei der Schaffung eines Spannungsbogens, auch beim Setzen von Akzenten ist „Die Behandlung“ effektiv: Wenn der Täter seine Opfer belauert oder der Inspektor sich ins Ungewisse begibt, dann treibt Herbots den Zuschauerpuls effektiv nach oben.
Dabei bewegt sich „Die Behandlung“ im Grunde genommen erzählerisch gar nicht so weit weg von den amerikanischen Vorbildern: Der obsessive Cop ist stets drauf und dran seinen Ruf zu verspielen und die Marke abzugeben, wenn er Spuren nachgeht und dabei nicht immer auf die Vorschriften achtet, aber genau das macht ihn ja so gut, hinter dem grausigen Verbrechen steckt natürlich noch eine komplexe Hintergrundgeschichte und scheinbar nicht verknüpfte Details der Story stehen schlussendlich doch im Zusammenhang. Was „Die Behandlung“ dann von der Konkurrenz abhebt ist seine größere Düsternis und Abgründigkeit, gerade im niederschmetternden Ende zu sehen.
Dabei trägt Geert Van Rampelberg den Film fast im Alleingang als getriebener Cop, der zwar die Identifikationsfigur des Zuschauers ist, aber stets auch die manischen Züge seines Charakters herausstellt, sodass man ihm nicht einfach nur folgt, sondern sein Handeln auch kritisch bewertet. Selbst der eine oder andere Fehler, den der Cop bei seinem Vorgehen macht, ist daher nicht unbedingt eine Doofheit des Drehbuchs, sondern ein Fehler, den eben ein derartig getriebener Polizist machen würde, was gleichzeitig für einige schweißtreibende Momente sorgt, etwa wenn sich Cafmeyer (genretypisch) dem Täter am Ende allein stellen muss.
„Die Behandlung“ mag den düsteren Thriller nicht neu erfinden, in seiner Konstruktion manchmal etwas ächzen und auf bekannte Stereotypen setzen, aber das alles macht er nicht nur auf ausgesprochen spannende Weise, er wirkt auch noch sehr organisch dabei. In der Hauptrolle famos gespielt, teilweise ziemlich abgründig und im Abgang richtig fies – ein effektiver Vertreter seiner Zunft, der mit ruhigem Tempo Unwohlsein beim Zuschauer erzeugt. 7,5 Punkte.