"Erzählen wir eine alte Geschichte doch mal neu."
Im Reich der Menschen herrscht König Henry (Kenneth Cranham), der sein Land erweitern will und somit versucht in die Wälder der Feen einzudringen. Die dortigen Fabelwesen drängen die Menschen allerdings stets zurück. Unter ihnen ist die Fee Maleficent (Ella Purnell / Isobelle Molloy / Angelina Jolie), die sich mit dem Menschenjungen Stefan (Toby Regbo / Michael Higgins / Sharlto Copley) anfreundet. Stefan hat jedoch die Aussicht auf den Thron des Königs, indem er dem König einen Beweis für den Sieg über die Feen bringt. Im Schlaf raubt Stefan Maleficent ihre Flügel. Maleficent ist verbittert und schwört Rache.
Nach Jahren hat Stefan mit seiner Königin Nachwuchs. Aurora (Elle Fanning) heißt das Mädchen, das direkt von Maleficent von einem Fluch belegt wird. Bis zu ihrem 16. Geburtstag soll sie sich an einer Nadel stechen und in einen immerwährenden Schlaf fallen. Nur ein Kuss wahrer Liebe soll diesen Fluch brechen.
In den vergangenen Jahren mussten sich schon so einige Märchen einer Modernisierung unterziehen. Was dabei entstand war überaus unterschiedlich und überwiegend weit vom Original entfernt. So wurde aus Schneewitchen ein Schlachtengemälde im "Der Herr der Ringe"-Look ("Snow White & the Huntsman") bzw. eine satirische Slapstick-Komödie ("Spieglein Spieglein - Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen"), Hänsel und Gretel zum brutalen Action-Reißer ("Hänsel und Gretel: Hexenjäger") und Alice im Wunderland zum gleichnamigen Kuriositätenkabinett mit Schwerpunkt auf seinen Nebendarsteller. "Maleficent" macht ähnliches aus der Geschichte um Dornröschen, bleibt aber näher an seiner märchenhaften Herkunft, als die genannten Verfilmungen.
Die Mischung aus bildgewaltiger Fantasy niedlichem Feen-Schabernack und existenziellem Drama ist ausgesprochen düster. Fast ausschließlich ist die Märchenverfilmung aus Sicht der Antagonistin erzählt und offenbart eine ganz neue Sichtweise auf ihre Charaktere.
Das erste Problem offenbart sich allerdings schon recht schnell: Die fehlende Zielgruppe. Für Kinder ist der Film eindeutig zu düster und furchterregend, für Erwachsene ist das eingebundene Drama zu oberflächlich. Bleiben nur Jugendliche, die eher selten etwas mit Märchen anfangen können.
"Maleficent" ist recht unausgewogen. Die Handlung erstreckt sich über mehrere Jahre und wird in wenig Laufzeit untergebracht. Lange Zeit schleppt sich die Geschichte richtungslos voran. Es ist weniger Ideenlosigkeit, die man dem Film vorwerfen kann. Vielmehr die konstruierten Charaktere, die nur ihrer Bestimmung wegen eingebunden sind. Spielraum zur Entfaltung erhält einzig die Protagonistin und diese erweist sich überwiegend als kalt und berechnend. Erst in der zweiten Hälfte des Films bricht das Eis und überrascht mit ein paar Wendungen und einem gelungenen Finale.
Die Inszenierung ist bombastisch genauso wie die Bilder. Die visuellen Aspekte liegen eindeutig im Vordergrund. Das Feenreich wird durch prächtige Panoramen und rasante Kamerafahrten eingeführt, Burgen und Schlösser hinterlassen einen klaustrophobischen Eindruck. Effekte und Kostüme begeistern mit stimmungsvollen Details. Hin und wieder wirken reale Sets und digitale Effekte aber doch ein wenig anorganisch.
Angelina Jolie ("Wanted", "Lara Croft: Tomb Raider"-Reihe) vereint geschickt die ikonischen Aspekte ihrer Rolle. Ihr Erscheinen mit dem blassen Gesicht und den markanten Wangenknochen passen ungemein zu ihrer ambivalenten Rolle.
Elle Fanning ("Super 8") stellt gekonnt, jedoch ungeschliffen, den strahlenden Gegensatz dar. Sharlto Copley ("District 9") mimt seine sehr einsetige Rolle als zweifelhafter König zweckmäßig.
"Maleficent" ist trotz origineller Grundidee sehr zweischneidig. Die Bilder können begeistern, erschaffen sie doch eine märchenhafte Fantasywelt mit variantenreichen Figuren und Kulissen. Die Handlung und besonders die Charaktere enttäuschen allerdings. Besonders in der Mitte mangelt es ihnen an Nachvollziehbarkeit, wodurch die Spannungskurve nicht zunimmt. Erst gegen Ende schließt sich ein wenig der Kreis der Geschichte. Das Gefühl einen Film ohne Besonderheiten gesehen zu haben, weicht allerdings nicht.
5 / 10