kurz angerissen*
Noch im Jahr seines formalästhetisch sehr beachtenswerten Debüts "Fahrstuhl zum Schafott" lässt Louis Malle seinen zweiten Film folgen und lässt diesmal das Inhaltliche über den Stil klar und deutlich triumphieren.
Die Konsequenz dieser Fokusverlagerung ist in Anbetracht des kurzen zeitlichen Abstands bemerkenswert. Noch während Malle die gesellschaftlichen Kontexte seiner Geschichte skizziert und eine räumliche Distanz zwischen einem wohlhabenden Mann und seiner absenten Ehefrau schafft, dringt er bereits tief ins emotionale Zentrum der wiederum mit Jeanne Moreau besetzten Hauptfigur ein. Während bedingungslose Liebesbeteuerungen schon in der Auftaktszene von "Fahrstuhl zum Schafott" Moreaus Lippen verließen, im Zuge der unterkühlten Kriminalgeschichte anschließend jedoch einer Paralyse wichen, gewährt Malle diesmal die vollständige Erwiderung der Gefühle durch einen Liebhaber im erotisierten Filmhöhepunkt, der ihm in Kombination mit der individualistischen Weltanschauung das Etikett des Skandalfilms einbrachte.
Gleichwohl man die Intensität der Affäre durchaus als naiv und blind interpretieren kann, sucht Malle die Ursachen in erster Linie nicht bei jenen, die derart handeln, sondern im gesellschaftlichen und sozialen Kontext; angesichts des von widernatürlichen Normen geprägten Verhaltens des Ehemanns und der High-Society-Freunde erscheint die Flucht in ein anderes Leben plötzlich als naheliegender Ausweg.
Malle nutzt den Schauplatz, ein prunkvolles Anwesen mit altem Einrichtungsstil, für ein Versteckspiel, das eigentlich gar keines ist; in gemeinsamen Szenen ist den meisten Beteiligten die Situation glasklar und dennoch wird das Offensichtliche nicht ausgesprochen, was selbst den banalsten Tischgesprächen eine ungeahnte Subversivität verleiht, wie man sie in dieser Form auch bei den frühen Filmen Ingmar Bergmans beobachten kann.
Spätestens hier hat Malle bereits seinen wichtigen Beitrag zur Novelle Vague geleistet. Seine Wirkung hallt bis heute nach.
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