Neben den berühmten Western aus Italien steuerte der europäische Kontinent auch diverse Karl-May-Verfilmungen zu dem Genre bei, danach wurde es relativ still um Western im deutschsprachigen Raum, ehe Andreas Prochaska 2014 mit „Das finstere Tal“ bei Publikum und Kritik einen großen Erfolg hinlegte.
Während das Voice-Over von Luzi (Paula Beer), der weiblichen Protagonistin und Erzählerin des Films, den Zuschauer bereits in die Welt dieses Alpenwestern einführt, sieht man eine Anfangsszene, die man noch nicht einordnen kann: Ein Mann und eine Frau verstecken sich, werden jedoch von Häschern gefunden und nach draußen gezerrt. Noch bietet „Das finstere Tal“ keinerlei Erklärungen und doch macht schon die Positionierung dieser Szene klar: Sie ist von Bedeutung für den Plot. Und auf ganz klassische Weise nährt Prochaskas Film damit die Neugier des Zuschauers, was es damit auf sich hat.
Die Hauptfigur ist einerseits ein klassischer Westernheld und doch keiner: Greider (Sam Riley) ist ein Fremder, ein Amerikaner, der hoch zu Ross in das Dörflein kommt, in dem Luzi mit ihrer Mutter lebt, das von dem Brenner-Bauern (Hans-Michael Rehberg) und seinem Clan beherrscht wird. Doch Greider ist kein Revolverheld, sondern ein Fotograph. Er sucht keinen Ärger, sondern einen Platz zum Überwintern. So fügt er sich den strengen Regeln, macht Fotos von Leuten und Landschaft und ist mit seinem etwas jungenhaften Aussehen nicht unbedingt das, was man normalerweise unter einem Westernhelden versteht.
Während der Schnee das Tal einschließt, merkt Greider, dass Brenner und seine sechs Söhne ruppig Anweisungen geben und die Dorfgemeinschaft ein düsteres Geheimnis zu haben scheint. Als zwei der Brenner-Söhne kurz hintereinander bei seltsamen Unfällen sterben, verdächtigen viele Greider etwas damit zu tun zu haben…
So klassisch wie „Das finstere Tal“ als Western ist, woran der gelegentliche Einsatz modernerer Musik auch nichts ändert, so wenig verwundert es dann auch, dass die Geschichte auf den Konflikt des standhaften Einzelnen mit einer verkommenen Bande hinausläuft. Was wohl das düstere Ritual ist, das Luzi fürchtet, ahnt man auch bald, ebenso wie man schon ungefähr einschätzen kann, dass Greider wohl unbeteiligt an den Vorfällen ist, auch wenn man seine Rolle bei den Geschehnissen erst nach und nach versteht: Sind es Sympathien für Luzi und ihre Mutter, die ihn antreiben? Sein Gerechtigkeitssinn? Oder eine andere Motivation?
Was Prochaska allerdings auf dieser klassischen Basis aufbaut, das ist schon ein Erlebnis: In der Schneelandschaft, die an „Leichen pflastern seinen Weg“ erinnert, liegt eine trügerische Idylle, die durch Gewaltausbrüche gestört wird, deren weiße Reinheit durch Blut befleckt wird – so wie auch das rigide geregelte Leben im Dorf nur ein trügerischer Frieden ist, unter dessen Oberfläche sich mehr versteckt. Mit hervorragender Kameraarbeit von Thomas W. Kiennast ist „Das finstere Tal“ ein unglaublich atmosphärischer Alpenwestern, dessen etwas anderes Setting ihm schon einen Alleinstellungsbonus sichert: Österreichischer Dialekt und Lokalkolorit geben der klassischen Westernstory einen ungewohnten Spin.
Doch es ist eben nicht nur diese Unterscheidung, die „Das finstere Tal“ so gut macht, sondern seine gleichzeitig vorhandenen Qualitäten als Genrefilm: Spannend wird der schwelende Konflikt erzählt, werden die Hintergründe entwirrt, wobei die Figuren nicht unbedingt komplexe, aber doch stets nachvollziehbare Motivationen erhalten. Zudem kann der Film mit stark inszenierten, teilweise recht blutigen Shoot-Outs punkten, in denen die Gegner aufeinandertreffen. Das Ganze schwankt zwischen entsprechender Ästhetisierung der Schießereien und einer unvermittelten Rohheit, nicht nur in den Verwundungen, sondern auch wenn Greider urplötzlich aus dem Hinterhalt angegriffen wird. Doch Prochaska hält dabei die Balance und inszeniert auch sonst sehr souverän: Man denke an die Szene, in welcher der erste Brenner-Sohn stirbt und der Film einerseits Spannung ob seines Schicksals erzeugt, andrerseits aber geschickt offen lässt, was sich genau zugetragen hat.
Der Engländer und Alexandra-Maria-Lara-Ehemann Sam Riley passt rein von seinen Lebensumständen schon prima in die Hauptrolle des englischen Muttersprachlers in deutsch(sprachig)en Landen , doch seine Performance als rätselhafter Fremder mit dem auch klanglich zwischen Deutsch und Englisch stehenden Namen Greider ist wirklich hervorragend. Ebenso Paula Beer als weibliche Hauptperson, die dem Zuschauer näher steht als der schwer zu durchschauende Fremde. Ansonsten stechen Tobias Moretti als Anführer der Brenner-Söhne Hans sowie Hans-Michael Rehberg als sein Vater hervor, doch auch der Rest der Besetzung spielt durch und durch überzeugend: Den meisten Brenner-Sprößlingen mag das Drehbuch nicht so viel Raum zubilligen wie Morettis Hans, doch als Unsympathen können sie auch ohne viel Hintergrund punkten.
Insofern ist „Das finstere Tal“ gleich ein doppeltes Glück: Ein Western, der ganz klar in der Genretradition verortet ist und entsprechende Schauwerte bietet, durch sein ungewohntes Alpenszenario aber auch einen neuen Touch besitzt. Die Inszenierung und Kameraarbeit sind ebenso stark wie die Schauspielerleistungen, sodass „Das finstere Tal“ den Western zwar nicht neu erfinden mag und in mancher Hinsicht in erster Linie Bekanntes bietet, das aber auf starke Weise.