Review

Season 1 - 3

Season 1
erstmals veröffentlicht: 05.12.2017

Die Grenzen stehen völlig offen, alles ist jetzt möglich. Die "Simpsons" sind mit dem prägenden Kleinstadtkonzept und Familienkern längst zu den Großeltern des Adult Cartoons geworden und selbst Flaggschiffe wie "South Park" oder auch "Family Guy" sind trotz eines zynischeren Grundtons inzwischen in die Jahre gekommen. Nun also "Rick & Morty", der nächste Klon, der aus einer Zusammenkunft der Klone ploppte, und mit jeder Generation kommt man dem Wahnsinn ein Stück näher. Ein Crossover zwischen den "Simpsons" und "Futurama" würde nun wohl langsam, rührselig und bodenständig wirken, denn kreativer, aber auch skizzenhafter als in Anwesenheit der Karikaturen von Doc Brown und Marty McFly wurden Familienalltag und Science-Fiction-Pulp wohl noch nie in einer TV-Serie zusammengezeichnet.

Es sind nur 11 Episoden, weniger als die Hälfte einer durchschnittlichen Staffel der Urahnen (eine mehr aber immerhin als die jüngeren South-Park-Staffeln), was allerdings an irrwitzigem Kreationismus und Weltenbauerei in jeder einzelnen Episode abgebrannt wird, sucht wahrhaft seinesgleichen. Die kurzen Einspieler in den konventionell ausgestatteten Ess- und Wohnzimmern von Mortys Familie reichen kaum als Erholpausen; anders als der schneckenartig arbeitende Professor Farnsworth ("Futurama"), dessen Erfindergeist bewusst mit Schusseligkeit und anderen Alterserscheinungen konterkariert wird, erscheint der hyperaktive Rick vergleichsweise jung und dynamisch, auch wenn er wie seine Vorgänger nach dem Vorbild des "Mad Professor" modelliert ist. Er erfindet Tools und Geräte mit dem Potenzial, neue Dimensionen zu entdecken und Paradigmen umzuwerfen, mit einer scheinbaren Mühelosigkeit und Unmittelbarkeit, so dass es nur die Fantasie ist, die Grenzen setzt.

Morty blickt alldem mit einem stammelnden Ausdruck der Überforderung entgegen und ist durch dieses verunsicherte Gebahren Identifikationsfigur für den Zuschauer. Die wackelige, zweckmäßige Linienführung seiner Erscheinung lässt ihn von einem Abenteuer ins andere stolpern wie ein Spielball ohne eigenen Willen; Rick, dem man einen etwas affektiert wirkenden Rülps-Running-Gag in den Mund gelegt hat, ist zweifellos Federführer sämtlicher Expeditionen und bildet mit seinem Enkel eine Teamdynamik, die nicht umsonst in den "Zurück in die Zukunft"-Filmen so gut funktioniert hat.

Dass sich "Rick & Morty" seines Erbes bewusst ist, sieht man ihm natürlich an den unzähligen Referenzen an. Nicht zuletzt an einer Klon-Episode, für die es bei den "Simpsons" noch den extra hergerichteten Phantastik-Kontext der "Treehouse Of Horror"-Folgen benötigte, bei "Family Guy" (Season, Episode) "nur" noch die Pinky-und-Brain-Allüren eines manischen Babys. Dies stellt anno 2017 auch keine allzu besondere Leistung mehr dar, denn umgekehrt wäre es ein wenig vermessen, bei einer solchen Anlage die Originalität für sich zu verbuchen.

Season 2
erstmals veröffentlicht: 02.04.2018

Eine Serie wie "Rick & Morty" müsste eigentlich episodenweise rezensiert werden, damit man den farbenfrohen Produkten intensiven Out-Of-The-Box-Brainstormings annähernd gerecht werden kann. Denn in diesem liegt die eigentliche Stärke der Serie. Sie geht von den gleichen Reliefs aus wie andere Adult Cartoons, legt aber schon die Gesetze von Ursache und Wirkung so flexibel an, dass irdische Physik kaum mehr eine Rolle zu spielen scheint. Klone sind längst keine Gäste mehr, sondern regelmäßiger Bestandteil der Handlung; Planeten und fremde Dimensionen werden mit einer Selbstverständlichkeit besucht, wie "Futurama" sie einst für den Flug zum Mond behauptete, der 1000 Jahre nach unserer Zeit zum langweiligen Retro-Vergnügungspark mutiert war. Natürlich ist bei "Rick & Morty" grundsätzlich alles möglich, was denkbar ist, und das Vorstellungsvermögen der Autoren deckt ein Vielfaches der wissenschaftstheoretischen Andeutungen ab, die ein "Big Bang Theory" beispielsweise lediglich als Vorwand für RomCom-Themen aufbauscht.

So spielt eine der völlig abgefahrenen Episoden mit parallelen Zeitlinien, die sich auf dem Zeitstrahl in Details voneinander zu unterscheiden beginnen, was erlebbare Auswirkungen auf das Sounddesign hat (Doppel-Tonspuren, bei denen zarte Abweichungen zu Vibrationen führen), derweil sich der Bildschirm zu Hause in einer regelrechten Zellmitose zu teilen beginnt. Parodien wie jene auf "The Purge" werden ganz offensiv und direkt vorgetragen; rar gesäte emotionale Augenblicke wie die Hochzeit von "Bird Person" schnell in einen Nonsens-Crime-Plot umgewandelt. Aber auch stumpfsinnige visuelle Gags bekommen ihre Chance, wie die Sonnenwesen in der brillant-dämlichen Band-Contest-Episode mit ihren dummen Visagen unter Beweis stellen.

Natürlich hat der "Alles geht"-Grundsatz seinen Preis. Sämtliche Figuren, Rick und Morty inbegriffen, bleiben wenig greifbare Karikaturen, denen man nicht trauen kann und auch nicht soll. Die Sitcom-Normalität, die im Heim der Familie Smith herrscht, erscheint durch all die Wurmlöcher und sich verschiebenden Dimensionswände erst recht wie eine falsche Kulisse, hinter der alles lauert, nur nicht die Realität. Insofern ist "Rick & Morty" aufgrund seiner hohen Dichte an raffiniert um die Ecke gedachten Gags aus kreativer Perspektive bewundernswert. Zum Liebhaben ist das aber eher ungeeignet.

Season 3
erstmals veröffentlicht: 11.01.2019

Die Sitcom-Fassade hat "Rick & Morty" in seinem dritten Jahr im Grunde nicht mehr nötig. Anstatt die Storylines noch mühselig mit einem eröffnenden Akt im Familienhaus der Smiths nach klassischer Simpsons-Rezeptur in Position zu bringen, sind wir oft schon mittendrin in den hirnverknotenden Abenteuern des Mad Scientists und seines Sidekicks, wenn die erste Spielminute zu zählen beginnt. Man hat beim Einstieg das Gefühl, zu spät auf einer fetten Party angekommen zu sein, die längst voll im Gange ist. Minutenlang ist man also erst einmal beschäftigt damit, Zeit und Raum zu ordnen. Wo sind wir eigentlich und worum geht's heute? Für Rick & Morty der ganz normale Alltag, könnte man meinen; doch gerade die Routine wird in einer herzzerreißenden Ruhephase in einem Anfall von akuter Selbstreflektion gebrochen, wenn die Beiden in Schrei- und Heulkrämpfe ausbrechen, weil sie in diesem Höllentempo nicht weitermachen können.

Im krassen Widerspruch dazu schwingt sich die dritte Staffel erstmals spürbar zu Entwicklungen bei den Charakteren und zwischenmenschlichen Beziehungen auf. Obwohl der Wahnsinn rückblickend ein weiteres Mal auf die Spitze getrieben zu werden scheint, so schmuggeln sich doch immer wieder fast unbemerkt ruhigere Momente ein, die sich mit den Veränderungen im Leben der Familie befassen. Das traurige Single-Leben des Vaters wird ebenso beleuchtet wie die Bedürfnisse der Kinder nach Therapie und Selbstanalyse oder Ricks weichere Seiten. Erstaunlich, dass so etwas in gerade einmal 10x20 Minuten voller Doppelgänger, Paralleluniversen und um zehn Ecken gedachter Aliens überhaupt möglich ist.

Trotzdem reicht die Zeit wieder für völlig abgefahrene Gedankenexperimente. Herausragend natürlich die Gurken-Episode "Pickle Rick", die nicht zu Unrecht das Cover-Artwork ziert, könnte ihr Aufbau die Eigenschaften der kompletten Serie doch kaum treffender auf den Punkt bringen: Sie beginnt bei Null und steigert sich binnen Minuten in eine regelrechte Explosion von schrägen Einfällen.

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