Man kann dem Vertrieb, der dieses Meisterwerk des Eurothrillers endich auf DVD herausgebracht hat, garnicht genug danken. Gleichzeitig ist es höchst erstaunlich, daß dies so lange dauerte; daß der Film so selten und auch sehr lange nicht mehr im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde; und daß ihn offenbar nur wenige Menschen hier in der OFDb kennen. Ganz zu schweigen von der dürftigen Informationslage zu anderen Filmen von Bo Widerberg – auch mir ist lediglich zumindest noch der Titel von „Fimpen, der Knirps“ geläufig, aber das war es auch schon in Sachen Widerbergsche Filmografie.
„Der Mann auf dem Dach“ ist wohl Widerbergs einziger Ausflug ins Polizeithriller-Genre gewesen, und das ist vielleicht auch gut so, denn ein solcher Wurf ist kaum wiederholbar. Man muß kein Kenner oder Liebhaber der legendären Stockholm-Krimiserie des schwedischen Autoren-Paars Maj Sjöwall und Per Wahlöö sein, um Widerbergs Verfilmung von „Das Ekel aus Säffle“ zu genießen. Keinesfalls aber schadet es, denn selten ist es einem Film derart perfekt gelungen, die Athmosphäre und den Geist einer Romanvorlage einzufangen. Natürlich mußte die Geschichte wie üblich stark verkürzt und gestrafft werden, trotzdem sich das gesamte Filmgeschehen nur in einem Zeitraum von wenigen Stunden abspielt.
Einen Hauptanteil an dieser großartigen Adaption haben die Schauspieler, denen es mit minimalem erzählerischen Aufwand gelingt, die Figuren aus dem Universum von Sjöwall/Wahlöö aufs I-Tüpfelchen treffend zu verkörpern, unterstützt von einem Drehbuch, das in kleinen Sequenzen, kurzen Kameraeinstellungen und minimalistischen Dialogen ganze Charaktere sichtbar werden läßt.
Der realistische, fast dokumentarische Stil des Films und das offene Ende ist zum einen zeittypisch, zum anderen ebenfalls absolut passend zur literarischen Vorlage.
Untermalt wird der blutige Anfang, der ruhige, die Ermittlungen beschreibende Mittelteil und das actiongeschwängerte letzte Filmdrittel vom flirrenden, manchmal atemlosen Soundtrack von Björn J:son Lindh (sic!), dessen Stil irgendwo zwischen Jazz, Orientalistik und Kraftwerk mäandert, für sich alleine schon ein Meisterwerk ist und dem Film damit den letzten Schliff gibt.
„Der Mann auf dem Dach“ ist ultimativ die einzige angemessene Verfilmung der Romanserie um Kommissar Beck und seine Kollegen. Den ganzen Martin-Beck-Serienquark aus den letzten Jahren, der wie so viele neuere skandinavische Fernsehkrimis dröge, verquält und mau synchronisiert („Äh..., Du, ähm...“) daherkommt, kann man hingegen in der Pfeife rauchen. Hier gilt: lieber die Sjöwall/Wahlöö-Bücher lesen. Danach mag man die TV-Folgen sowieso nicht mehr.