"Nic im Cage"
Als Nicolas Cage-Fan hat man es seit geraumer Zeit nicht leicht. So versorgt einen der unbestreitbar hochbegabte Mime so regelmäßig wie häufig mit neuen Werken, liefert dabei aber selten mehr als Dutzendware. Ob ihn finanzielle Engpässe dazu motivieren jedes halbwegs interessante Projekt anzunehmen, oder er einfach sein Gespür für gute Stoffe verloren hat, ist dabei letztlich nebensächlich.
In jedem Falle arbeitet er kräftig an der Demontage seines nach wie vor sehr guten Rufes. Immerhin gelingt es ihm immer wieder, die meist mittelprächtigen Inszenierungen und Geschichten mit seiner schauspielerischen Klasse aufzuwerten, oder zumindest zeitweise zu übertünchen. Das unterscheidet ihn dann auch (noch) von seinem „Seelenverwandten" Robert De Niro, der sich längst auch mimisch dem sinkenden Niveau seiner Filme angepasst hat.
Nics neuester Versuch des beherzten Anspielens gegen Regie- und Drehbuchschwächen nennt sich „Tokarev". Der Rache-Thriller ist klassischer Cage-Stoff. So mimt er einen geläuterten Ex-Verbrecher (Paul Maguire), der seiner Tochter zuliebe das beschauliche Leben eines ehrenwerten Geschäftsmannes führt. Als diese eines Nachts von Unbekannten Einbrechern entführt wird, scheint ihn seine kriminelle Vergangenheit doch noch einzuholen. Zumal die Polizei eher schleppend voran kommt und Paul daraufhin alte Kontakte aktiviert, die bald einen zunehmend unkontrollierbaren Strudel der Gewalt auslösen ...
Für Cage, der sowohl weiche Züge, wie auch dunkle Abgründe und gewalttätige Ausbrüche glaubhaft darstellen kann, ist die Rolle wie gemalt. Aber obwohl er sämtliche genannten Facetten ausleben darf und dies auch gewohnt souverän meistert, kommt „Tokarev" nie über solide Thrillerkost hinaus.
Das wiegt umso schwerer, als Regisseur Paco Cabezas vollmundig ankündigt, dem meist formelhaften Rache-Thriller-Sujet völlig neue Aspekte abgewinnen zu wollen. Am Ende liefert er dann doch wieder lediglich den hundertsten „Ein-Mann-sieht-rot"-Ableger, von innovativen Einfällen, oder gar gewitzten Genre-Brechungen keine Spur. Zwar gibt es ein paar überraschende Wendungen und einen alles auf den Kopf stellenden Schluss-Twist, da aber daraus kaum Potential geschlagen wird und auch der bewusst dramatische Anstrich der Geschichte arg oberflächlich bleibt, kann der Konfektionswaren-Eindruck nie verwischt werden.
Da wünscht man sich regelrecht den lange Zeit mit dem Projekt in Verbindung gebrachten Antoine Fuqua herbei. Der hätte zumindest einen schnörkellosen Action-Reißer daraus gemacht und Cage vielleicht aus dem tristen Karriere-Alltag erlöst. Auch der übrige Cast hätte eine stringentere Regie und eine knackigere Narration verdient gehabt. Sowohl Peter Stormare als irischer Gangsterboss wie auch Pasha D. Lychnikoff als sein Russenmafia-Äquivalent leisten wunderbar schmierige Arbeit, werden vom Drehbuch aber nur Schlaglicht-artig berücksichtigt. Ähnliches gilt für Danny Glover, dessen Detective-Figur als Lückenfüller verheizt wird.
Das Warten auf Nicolas Cages Befreiungsschlag aus dem Einheitsbrei-Sumpf geht also in die nächste Runde. Auch in „Tokarev" spielt er letztlich vergeblich gegen eine uninspirierte Regie und ein innovationsarmes Drehbuch an. Vielleicht sollte er sich mal eine kreative Pause gönnen. Da hätte er dann auch mehr Zeit, die ihm angebotenen Stoffe etwas eingehender zu studieren.