Review

Mit dem Spielfilmdebüt einen Horrorklassiker erschaffen, der zwei offizielle Fortsetzungen und ein Remake erhielt? Das gelangt Sam Raimi mit „Evil Dead“. In gewisser Weise kann man das vielleicht auch von Kevin Tenney und „Witchboard“ sagen, wenn auch in quasi allen Bereichen (Reputation, Erfolg, Qualität) in geringerem Maße.
So ist „Witchboard“ eher ein gut gelittenes B-Movie mit einem kleinen Standing unter Horrorfans, das aber schon im Kino das ungefähr Vierfache seiner kleinen Produktionskosten einspielte und auf Video eine Kult-Fangemeinde fand. Hauptfiguren sind Jim Morar (Todd Allen), seine Freundin Linda Brewster (Tawny Kitaen) und deren Ex-Freund Brandon Sinclair (Stephen Nichols). Aus offensichtlichen Gründen können sich Jim und Brandon nicht riechen, wie der Film später noch genauer ausführt. Eigentlich sind die beiden Kindheitsfreunde, doch nachdem Linda Brandon für Jim verließ, ist es Essig mit dem guten Verhältnis, was sich durch gegenseitige Provokationen während einer Party in der Eröffnungssequenz zeigt.
Als Partyspiel schlägt Brandon schließlich eine Runde Ouija-Brett vor, in der zwei möglichst nüchterne Personen einen Geist beschwören sollen – also er und Linda. Dass Séancen selten ein empfehlenswerter Freizeitspaß sind, das weiß man im Horrorgenre nur zu gut, hatte doch schon „Der Exorzist“ darauf verwiesen, der als offensichtlicher Einfluss von „Witchboard“ sogar explizit im Dialog zitiert wird. Aber die Plotte kann man ja öfter aufkochen, mit identischem Brett in „Ouija“ oder mit mumifizierter Hand in „Talk to Me“, um mal zwei jüngere Beispiele zu nehmen. Jedenfalls sabbeln Brandon und Linda mit dem Geist des verstorbenen Zehnjährigen David, während Brandon noch die Warnung vom Stapel lässt, dass man das Brett nur zu zweit benutzen soll, ehe er es prompt bei der Party vergisst.

Dumm gelaufen: Am nächsten Tag fummelt Linda alleine mit dem Ouija-Brett herum und erhält hilfreiche Ratschläge vom Geist. Von da an nimmt er Linda immer mehr unter Beschlag und sieht Jim als lästigen Nebenbuhler, was bald auch tödliche Konsequenzen im Umfeld des Paares hat…
Anno 1986 war der große Slasher-Boom schon vorbei, doch Anklänge finden sich auch noch in diesem Geisterfilm, da die Bedrohung aus dem Jenseits bevorzugt mit der Axt mordet. Das wird nachher noch vom Drehbuch genauer erläutert, hat aber auch den Nebeneffekt, das Jim als Verdächtiger der Bluttaten in den Fokus von Lieutenant Dewhurst (Burke Byrnes) rückt, da er mit entsprechenden Utensilien auf dem Bau hantiert. Das trägt zur genregemäßen Spannungssteigerung bei, wenn den Helden nicht nur nicht geglaubt wird, sondern sie auch selbst als mögliche Täter hingestellt werden. Für einen Polizisten im Horrorfilm ist Dewhurst erfreulich wenig doof und verbohrt, außerdem sorgt er für etwas Auflockerung, da er ein Faible für Zaubertricks hat und gerne davon schwafelt. Eher nach hinten los geht der Auftritt des Mediums Sarah ‘Zarabeth‘ Crawford (Kathleen Wilhoite), das massiv an Cindy Lauper erinnert und mit ihrem „Psychic Humor“ eher an den Nerven sägt als echte Lacher produziert.
Als Autodiebin mit Kodderschnauze kam Wilhoite in „Murphys Gesetz“ jedenfalls deutlich besser rüber, ist aber hier eine klare Nebendarstellerin in einem Film, der sich auf sein Protagonistentrio fokussiert. Dummerweise sind an allen dreien nicht die großen Mimen verloren gegangen und Höchstleistungen kitzelt Tenney nicht aus ihnen heraus. Todd Allen wirkt entweder tumb oder bockig, Soap-Darsteller Stephen Nichols kommt auch wie ein Soap-Darsteller rüber, kann im späteren Filmverlauf etwas mehr punkten, wenn Brandon nicht mehr bloß als arroganter Schnösel erscheint. Tawny Kitaen war damals durch „Bachelor Party“, „Gwendoline“ und diverse Whitesnake-Videos kurzzeitig sowas wie ein It-Girl und schlägt sich okay als Geisteropfer, wobei das Script ihr auch kaum mehr als schreien, duschen und das Ouija-Board benutzen aufbürdet.

Linda wird mehr und mehr zu einer Süchtigen, weshalb die Séance mit ihr, Jim, Brandon und Zarabeth nicht von ungefähr an eine Intervention erinnert. So ist „Witchboard“ über weite Strecken auch eine Freundschafts- und Eifersuchtsgeschichte, wenn Brandon seinen Kumpel überzeugen muss, dass er sich nicht bloß an Linda ranschmeißen will, sondern sich um deren Wohlergehen sorgt. Tatsächlich sorgt die schwierige Beziehung der früheren Freunde für eine Art emotionalen Unterbau, wenn sie sich im Verlauf der Geschichte immer mehr annähern. Das bedeutet allerdings eben auch, dass Linda immer mehr zum Geisteropfer reduziert wird und kaum noch etwas Sinnvolles beizutragen hat. Das Script, das Tenney selbst schrieb, macht aus seinen Hauptfiguren, vor allem Brandon und Jim, mehr als die Abziehbilder anderer Horrorstreifen – schade nur, dass die Schauspielführung des Spielfilmdebütanten Tenney da nicht immer die adäquaten Leistungen aus seinem Personal herauskitzelt.
Als Horrorfilm lässt sich das Ganze dann allerdings auch etwas sehr gemütlich an, der Spannungsaufbau gelingt in den Ouija-Szenen nur so mäßig. Hinzu kommen ein paar Jump Scares durch Alpträume, Geister-Türenklappern und Jim, der sich anderen Menschen anscheinend bevorzugt lautlos von hinten nähert. Im späteren Verlauf nimmt „Witchboard“ allerdings mehr Fahrt auf, wenn die Protagonisten etwas mehr über die Hintergründe des Geistes erfahren, auch wenn die Enthüllungen schon 1986 relativ erwartbar waren. Der Bodycount ist niedrig, nur ein Todesfall ist tatsächlich überraschend und schockierend. Trotz der Slasher-Einflüsse sind die Effekte nicht allzu derb und zeigefreudig, was dem Film durchaus gut zu Gesicht steht. Inszenatorisch ist das alles solide, wobei Tenney erst im Finale ein paar knackige Ideen auspackt, etwa die Kameraarbeit beim Fenstersturz.

Dass „Witchboard“ dann am Ende nicht das Standing eines „Evil Dead“ erreicht, dürfte dann auch daran liegen, dass das Ganze zwar solide runter inszeniert, aber nicht mehr als okaye Genrekost ohne den besonderen Pfiff ist. Die Figuren sind überraschend sorgsam gezeichnet, leider ist das Schauspiel nicht auf entsprechendem Niveau, der Aufbau ist langsam und anfangs etwas schleppend, nimmt aber in der zweiten Hälfte Fahrt auf. 5,5 Punkte.

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