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„Ziemlich beste Rassisten"

Über 12 Millionen Franzosen können nicht irren. Oder doch? Jedenfalls tritt die Culture-Clash-Komödie „Monsieur Claude und seine Töchter" in vielerlei Hinsicht in die Fußstapfen des französischen Superhits „Ziemlich beste Freunde" (2011), der es ebenfalls schaffte, ein ernsthaftes Thema soweit zu entschärfen, dass es unterhaltsam wird und nicht so weit zu verwässern, dass es in billige Kalauergefilde abdriftet.

Diesmal geht es aber nicht um den verkrampften, oft verlogenen Umgang mit Behinderten, sondern den ganz alltäglichen Rassismus in den ach so aufgeschlossenen, westlichen „Multi-Kulti"-Gesellschaften. Geschickt verpackt in eine Familienkomödie rund um die Hochzeit des Nesthäkchens, entsteht dabei ein launig-freches Stück Unterhaltungskino, dessen lässige Eleganz mal wieder schmerzhaft den deutlichen Unterschied zwischen dem französischen Kino und heimischen Bemühungen offenlegt.

Claude und Marie Vernoil haben vier erwachsene Töchter. Doch sehr zum Leidwesen des erzkonservativen Paares haben drei davon Männer mit Migrationshintergrund geehelicht. Weder der jüdische Geschäftsmann David, noch der muslimische Rechtsanwalt Rachid,  noch der chinesisch-stämmige Banker Chao Ling entsprechen auch nur annähernd dem Vernoilschen Ideal eines katholischen Franzosen aus gutem Hause.
Dementsprechend „harmonisch" verlaufen dann auch diverse Familientreffen, bei denen ein Vorurteil das nächste jagd und sämtliche Beteiligten sich untereinander rassistische Klischees um die Ohren hauen. Als ein als Friedensgipfel einberufenes, gemeinsames Weihnachtsfest erstmals deeskalierende Wirkung zeigt, droht die geplante Hochzeit der jüngsten Tochter das fragile Gebilde wieder einzureißen. Denn Laures Verlobter Charles ist ein Schwarzer von der Elfenbeinküste ...

Wie bei den allermeisten Feel-good-Komödien ist die erste Hälfte die interessantere und unterhaltsamere, da hier sämtliche Konflikte genüßlich ausgetragen werden können, bevor sie sich dann am Ende in Wohlgefallen auflösen (müssen). „Monsieur Claude ..." ist hier keine Ausnahme und feuert aus allen Rohren kulturelle Vorurteile und Borniertheiten ab. Und das durchaus ausgewogen und gerecht verteilt, denn jeder darf hier mal ordentlich austeilen. Da mobben der Araber und der Jude gemeinsam den Chinesen, nur um sich dann ganz schnell wieder gegenseitig in die Haare zu kriegen. Dieser verweigert daraufhin dem erfolglosen David einen Kredit und foltert ihn zusätzlich mit dem offenbar schwindenden jüdischen Geschäftssinn. Charles Vater schließlich ist ein tyrannischer Patriarch und Weißen-Hasser, während Claude praktisch gegen jeden schießt.

Das mitunter herzhafte Lachen bleibt einem dabei zuweilen ob der treffenden Bissigkeit im Halse stecken und hält einem ein ums andere Mal den Spiegel hinsichtlich eigener, klischeebehafteter Vorurteile und Engstirnigkeiten vor. Letztendlich bleibt aber alles auf einer gut verdaulichen Ebene, eine ernsthafte Problematisierung dieses keineswegs ausschließlich in Frankreich gesellschafts-politisch nicht nur relevanten, sonder auch brisanten Themas findet nicht statt. Im Rahmen einer Unterhaltungskomödie ist das aber durchaus legitim und nicht als Vorwurf gemeint. Auch die im Vergleich etwas stiefmütterlich und oberflächlich ausgearbeiteten Rollen der titelgebenden Töchter können den insgesamt vergnüglichen Gesamteindruck nicht entscheidend trüben.

Zumal Christian Clavier als vermeintlich vom Schicksal gebeutelter, rechtskonservativer Gaullist ganz groß aufspielt. So kann er nicht nur die meisten Treffer-Pointen für sich verbuchen, sondern liefert auch gestisch wie mimisch die Glanzlichter des Films. Vor allem aber ist der Zusammenprall mit Charles Vater, der ihm hinsichtlich Auftreten, Einstellungen und Charakter in nichts nachsteht, ganz großes Kino.

12 Millionen Franzosen haben sich also mal wieder nicht geirrt. „Monsieur Claude und seine Töchter" ist eine bissig-witzige Familienkomödie, die ihr gesellschaftspolitisches Brennpunktthema geschickt im Rahmen eines Feel-good-Movies präsentiert und dabei bestens unterhält. „Bien joué!"

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