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„Love to Kill“ ist ein US-Slasher aus dem Jahre 1982 von Regisseur David Winters („Space Mutiny“) – und zwar ein ganz besonderer. Winters‘ Film hebt sich von anderen Slashern aus dem gleichen Zeitraum dadurch ab, dass er mit feiner Selbstironie zu Werke geht, genreparodistische Züge aufweist und sich satirisch mit der Filmindustrie auseinandersetzt – ohne dabei allzu sehr das vorgegebene Sujet des Subgenres abzustreifen.

New York: Taxifahrer Vinny Durand (Joe Spinell, „Maniac“) lebt mit seiner liebevollen alten Mama (Spinells leibliche Mutter!) zusammen in einem kleinen Appartement (Spinells wirkliche Wohnung!) und hegt den Traum, einen eigenen Horrorfilm zu drehen – am liebsten mit „Scream Queen“ Jana Bates (Caroline Munro, ebenfalls „Maniac“), die bei den internationalen Filmfestspielen in Cannes eine Auszeichnung entgegennehmen soll. Kurzerhand beschließt er, mit seiner Filmkamera ebenfalls nach Cannes zu fahren und Jana für sein Projekt zu begeistern. Doch in Cannes geschieht ein Mord nach dem anderen…

Für die Hauptrolle konnte man den fabelhaften Joe Spinell gewinnen, der den dicklichen und wenig vertrauenserweckenden, manischen Horrorfilmfreak Vinny spielt. Ein alleinstehender Mittvierziger, der noch mit seiner Mutter zusammenlebt und der Realität leicht entrückt scheint. Spinell verleiht seiner Rolle die für diesen Film nötige Ambivalenz, die ihn mal liebenswürdig bis bemitleidenswert naiv, mal gefährlich durchgeknallt erscheinen lässt. Geschickt spielt „Love to Kill“ immer wieder auf Scorseses „Taxi Driver“ an, denn Vinny ist ebenfalls Taxifahrer und hört in den Nachrichten, dass ein psychisch derangierter Jodie-Foster-Fan ein Attentat auf US-Präsident Ronald Reagan geplant hatte, wie es seinerzeit tatsächlich der Fall war. Das Drehbuch suggeriert damit eine Nähe von Vinnys Verhaltensmustern zu denen durchgeknallter Fanatiker, die nicht mehr genügend zwischen Filmwelt und Realität unterscheiden können. Ebenso erscheint uns eben Vinny, wenn seine fixe Idee, Jana Bates für seinen Film zu gewinnen, dazu führt, dass er ihr nachstellt, sich in geschlossene Bereiche hineinschleicht und Wutanfälle bekommt oder sich in seine Phantasiewelt flüchtet, wenn es nicht so läuft, wie er gern möchte.

Diese Ebene des Films reißt auch ganz allgemein die seinerzeit und immer mal wieder mediale Aufmerksamkeit erlangende Theorie von negativen Auswirkungen von Horrorfilmen auf ihre Rezipienten an, ohne dabei in eine allzu offensichtliche, komödiantische Satire abzugleiten. Ebenso finden sich Seitenhiebe auf die gemeinhin nicht sonderlich wohlwollende Reputation derartiger Genrefilme bei Kritikern, die diesmal aber Bates‘ neuesten Film, der ausgerechnet „Scream“ genannt wurde, ganz hervorragend beurteilen. Vordergründig bleibt „Love to Kill“ stets ein „Whodunit?“-Slasher, der dabei aber aus zwei Gründen recht originell ist: Der Zuschauer glaubt, den Täter von vornherein zu kennen und der Großteil der Handlung spielt tatsächlich in Cannes während der Filmfestspiele, wo tatsächlich zeitweise nach Guerilla-Art gefilmt wurde – wie es das Drehbuch auch seine Protagonisten tun lässt. „Love to Kill“ thematisiert sich sozusagen selbst und schlägt damit eine Brücke zu intelligenten Vertretern des Thrillers, die sich selbstkritisch das eigene Medium zum Gegenstand haben.

Dabei zeigt „Love to Kill“ aber keinerlei Scheu oder Berührungsängste, sondern präsentiert sich als ein ebensolches Fanwerk, wie es Vinny selbst gern drehen möchte. Zugegeben, nicht ganz, denn während Vinny sich zwischenzeitlich abfällig über einen Splatterfilm äußert (ok, er muss sogar kotzen) und anscheinend eher den stilvollen Gruslern der alten Schule verpflichtet ist, lässt es Winters ordentlich krachen und gibt dem Genrefreund neben einer gehörigen Portion hysterischen Wahnsinns nackte Haut und Brutalität in Form fieser Morde, umgesetzt durch gute Spezialeffektarbeit. Letztere finden statt im Beziehungsgeflecht aus Jana Bates‘ Produzenten und Ex-Mann Bret Bates, ihres Regisseurs und Liebhabers Alan Cunningham und ihres Agenten Marty Bernstein, deren Gebaren einen augenzwinkernden Blick hinter die Kulissen erlaubt.

Apropos, dieses Augenzwinkern behält der Film eigentlich bei allem bei, was er zeigt und richtet sich an Freunde und Kritiker des Genres gleichermaßen. Aufgehört, das Zwinkern zu erwidern und mir stattdessen ungläubig die Äuglein gerieben habe ich, als sich im Finale eine Wendung in der Handlung offenbart, mit der ich so nun wirklich nicht gerechnet hatte – wie alle Welt Vinny unterschätzt, hatte ich Winters unterschätzt. Sozusagen die Definition eines überraschenden Plottwists wird einem hier aufgetischt, hart an der Grenze zum Quatsch, aber diese eben nicht überschreitend und damit alles richtig machend.

Unterm Strich ist unschwer zu erkennen, dass „Love to Kill“ eine Mischung aus Satire, Genrefilm und Hommage ist, die die angesprochenen Themen im Subtext zwar aufgreift, aber keine eindeutige Position ausformuliert, sondern eben sarkastisch durch den Exploitation-Wolf dreht. Für aufgeschlossene Genrekenner ist „Love to Kill“ daher ein Fest, für Freunde Joe Spinells und Caroline Munros, die wunderbar aufspielt und ihren Ruf als Genreikone unterstreicht, sowieso. Wer einen bierernsten und/oder stumpfen Brutalo-Slasher erwartet, dürfte hingegen auf dem falschen Fuß erwischt werden und sich über die konstruierte Handlung oder die für 1982 recht moderne, dabei selbstverständlich stark dem Jahrzehnt verhaftete Atmosphäre echauffieren, in der diesmal eben nicht in langgezogenen Suspense-Szenen düstere Meuchler sich an ihre Opfer heranschleichen, sondern der Party- und Presserummel Cannes‘ im Vordergrund steht. Die unglückliche Vermarktung als „Maniac“-Fortsetzung dürfte für viele Fehleinschätzungen mitverantwortlich sein. 7,5/10 Punkte hat sich „Love to Kill“ meines Erachtens redlich verdient, der sich dank seiner frischen Ideen wohltuend abhebt und sich seinen Platz im Langzeitgedächtnis sichert. Weshalb Regisseur Winters wenige Jahre später so böse abstürzte und eine Obergurke wie „Space Mutiny“ fabrizierte, entzieht sich meiner Kenntnis, ist aber ein ganz anderes Kapitel.

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