Die Warner Brothers-Cartoons hatten in den 60ern und 70ern die eine Hälfte der bipolaren Aufteilung der Macht im Bereich animierter Kurzfilm inne. In der anderen Hälfte gingen Disneys Micky, Donald & Co. auf Wanderschaft. Bei Warner hingegen waren es Bugs Bunny, Daffy Duck & Co., die in bevorzugt slapstickartig ablaufenden Episoden die Genres Komödie („That's all, folks!“) und Action („Ka-Boom!“ „Plonk!“ „Eek!“) im Zeichentrick-Kurzfilm vereinten, was von der zentralen „Bugs Bunny Show“ und ihren Ablegern aus geschah. Die Themen waren teils zeitbezogen, teils Evergreens und liefen meist nach dem gleichen Schema ab: Hasen-Saison, Enten-Saison, Willie Coyotes Fallenbauten, Roadrunners Austrickserei, die Zerstörungsorgien des Tasmanischen Teufels, die Zeitrennen des Speedy Gonzalez, die Aufsichtspflichten des Sylvester.
Anfang der Neunziger schien sich die Welt des Zeichentricks dann voll umzustrukturieren. Teils aus Gründen der technischen Weiterentwicklung, teils auch wegen des neuen Zeitgeists, der dann folgerichtig neue Erwartungen der Zuschauer hervorbrachte. Ein gewisser Matt Groening sorgte mit einer ziemlich schlecht gezeichneten Familie aus gelben Männchen für Furore. Warum? Nun, sie zeichnete das Bild einer klassischen Mittelständlerfamilie perfekt nach und hielt ganz Amerika, ach was, der ganzen Welt einen Spiegel vor.
Vorbei die Zeiten, als man den Zuschauer noch mit einer simplen Jump 'n' Run-Geschichte unterhalten konnte. Nun galt es, umzudenken und die Inhalte auf eine neue Publikumsgeneration abzustimmen. Und tatsächlich: während Disney weiterhin auf den Kult seiner Figuren vertraute und konsequenterweise ein wenig in der Zeit hängenblieb (was sich erst durch die Zusammenarbeit mit Pixar wieder ändern sollte), reagierte Warner Brothers dynamischer. Die Folge war eine Zeichentrickserie namens „Tiny Toon Adventures“.
Man hört es schon am Namen: die Hasen, Enten und Schweine sind in eine neue neue Generation übergetreten. Die „verrückten Zeichentrickfiguren“ wurden von den „kleinen Zeichentrickfiguren“ abgelöst, nicht minder verrückt, aber um so zeitgemäßer. Mit der alten Serie hat „Tiny Toons“ kaum mehr was gemein, lediglich vom Design her sind einige wenige Artefakte verblieben und erinnern an die alten Zeiten. Die Optik im Generellen jedoch, vor allem aber die Plots, wurden bunter, abgedrehter, Risiko- und experimentierfreudiger. Zwar behielt man die Doktrin, Zeichentrickfiguren zu präsentieren und sie auch nach den (unrealistischen) Gesetzen des Zeichentricks agieren zu lassen, bei, doch ansonsten hat sich einfach alles geändert. Und ich muss schon sagen, nie wurde die Sehnsucht nach der Tradition besser verdrängt.
In gewissen Teilen blieb die Tradition ja auch bestehen. Die Charaktere sind oftmals quasi direkte Nachkommen (wenngleich auch nie die Verwandtschaftsverhältnisse direkt klargemacht wurden) der Ur-Figuren: Buster Bunny ist Bugs wie aus dem Gesicht geschnitten und teilt zugleich die freche, naseweise Art mit ihm; Plucky Duck ist unverkennbar ein Sprössling des Duffy Duck, zwar diesmal mit grünem Federkleid, aber mit der gleichen Rotznäsigkeit. Mit Babs Bunny wurde eine kuriose Figur ins Rennen geschickt, bei der nie so ganz klar ist, in welchem Verhältnis sie zu Buster steht, ob nun Schwester oder Freundin (oder beides, buarharhar). Diverse Nebencharaktere, seien es nun Gogo Dodo, Shirley, Fifi oder Furball, vereinen zumindest implizit weitere Charaktermerkmale liebgewonnener Figuren aus dem WB-Universum.
Man kann also sagen, dass das Erbe gewürdigt und nicht getreten wird. Die eigenen Wurzeln werden nicht nur erkannt, sondern immer wieder liebevoll auf den Arm genommen.
Dennoch, Warner verstand es, sich stets der Dynamik des Publikums anzupassen, womit es ganz einfach notwendig war, dass andere Themen angesprochen wurden. Nur drei Jahre nach „Tiny Toons“ folgten die medien- und institutionenkritischen „Animaniacs“ und weitere zwei Jahre später die wissenschaftskritischen „Pinky & the Brain“. Beinahe wie in einer Tageszeitung wurden die Themen der Öffentlichkeit in ziemlich aktuellen Schüben verarbeitet und satirisch überspitzt wieder ausgespien. Hier setzt der entscheidende Sprung an, der sich im Laufe der Neunziger nur regelmäßig aktualisierte, zwischen den „Looney Tunes“ und den „Tiny Toons“ aber beinahe den Zeichentrick revolutionierte.
Anders als bei den Simpsons sollten die Geschichten um Buster, Babs & Co. nicht mit der Realität verknüpft sein, sondern eine total abgedrehte Parallelwelt im „Alice im Wunderland“-Style bilden. Standort ist die Acme University, eine ländlich gelegene Universität, die von Wald umgeben ist und die von Tieren besucht wird. Warum eine Universität? Das ist eine Anspielung auf den Arbeitsplatz der Macher, eine Arbeitsstätte, an der die verrückten Abenteuer entstehen. Und so ist die Acme University im übertragenen Sinne der Wünschelbrunnen, aus dem die Geschichten sprudeln. Nach diesem selbstreferenziellen Konzept funktioniert übrigens auch der klassische Gag mit dem riesigen Radiergummi, der eine unartige Cartoonfigur auszuradieren droht (ich sage nur: Homer im Kunstmuseum).
Optisch prallen quietschebunte Farben auf das Auge des Betrachters, die das Gefühl noch verstärken, dass man in einen verzauberten Märchenwald hineinsieht, der jeglichen Beschreibungen der Realität spottet. Ein ziemlich krasser Schnitt, wenn man sich die kargen Wüstenareale von Willie Coyote und dem Roadrunner ansieht, oder die staubigen Ebenen Mexikos, die Speedy Gonzalez als Rennfläche dienen. In gewisser Weise ist diese radikale Umorientierung aber einfach nur konsequent und gewissermaßen noch originalgetreuer als das Original.
Denn die Prämisse ist seit jeher, wie schon gesagt, eine Comicwelt zu zeigen. Der Kojote fällt den Abgrund hinunter, wenn er nach unten schaut. Das Dynamit explodiert erst, wenn es in der Hand der richtigen Figur liegt. Und die Geschichte ist erst vorbei, wenn der Hase dem Jäger den Spieß umgedreht hat. Mit Logik haperte es da, und das mit voller Absicht. Es war eine Art von Humor, den Naturgesetzen zu trotzen, und die Cartoonfiguren Dinge tun zu lassen, die nur Cartoonfiguren tun können.
Das gibt es bei den „Tiny Toons“ auch: Plucky verliert Schnabel, Augen und eben alles, was nicht am Torso festgesetzt ist, während die Waldbewohner (kindgerechter als bei den „Happy Tree Friends“) in Scheiben geteilt werden, um gleich in der nächsten Szene wieder fröhlich lachend eine Teeparty abzuhalten. Übrigens ist dieses Zerteilen in die Bestandteile einmal mehr selbstreferenziell, da es auf den Entstehungsprozess einer Zeichentrickfigur hinweist. Wäre mal was für Löwenzahn.
Und durch die realitätsfremde Optik wird dieses Zelebrieren der Cartoon-Gesetze nun also noch konsequenter durchgezogen als in den Ur-Serien. Tatsächlich sind die „Tiny Toons“ also nochmals eine Spur „looniger“ und „tooniger“ als die „Looney Tunes“.
Übrigens, wo wir gerade beim Zerteilen der Figuren sind: es ist schon interessant zu sehen, wie sich die moralischen Grundsätze im Falle des Kinderschutzes entwickelt haben. Wurden früher gerade bei Disney-Cartoons Gewaltakte zelebriert (da schießt mal Donald mit der Waffe auf irgendwelche armen Tierchen, und als er einmal Hunger hat, erscheint in einer Denkblase das Bild eines gebratenen Hühnchens. Kannibale!), was dann in „Tom und Jerry“ auf die Spitze getrieben und in „Itchy & Scratchy“ persifliert wurde, werden heute gar Disney-Filme mit einer FSK6-Einstufung bei der DVD-Veröffentlichung noch auf FSK0 heruntergeschnibbelt; wenn auch zugegebenermaßen vorwiegend aus kommerziellen Gründen, aber Fakt ist, dass Gewalt in Film und Fernsehen inzwischen weitaus sensibler angepackt werden. Die Folge sind zahlreiche weichgespülte Mainstream-Kommerzfilme, denen es an der nötigen Konsequenz fehlt.
Die „Tiny Toons“ hingegen sind die personifizierte Konsequenz, denn da nimmt keiner ein Blatt vor den Mund und man hat nie das Gefühl, dass aus Gründen der politischen Korrektheit irgendetwas weggelassen wurde. Was einmal angepackt wird, das wird auch bis zum bitteren Ende durchgezogen. Darüber hinaus scheinen den Drehbuchautoren dann manchmal sogar die Pferde durchzugehen, wenn die ein oder andere Episode dann doch mal übermäßig durchgeknallte Formen annimmt.
Immerhin soll es im Endeffekt doch einen Zweck erfüllen, das Geschehen, ganz egal, wie „wacky“ es ist. Und das Werkzeug dieser Serie ist die Satire.
Man sollte meinen, dass die „Tiny Toons“ in erster Linie für ein Kinderpublikum konzipiert wurden, und im eigentlichen Sinne ist es auch so. Trotzdem, die Zweispurigkeit, die man vor allem Pixar nachsagt und die auch schon bei den Simpsons zu finden war, wird durch eben diese Satire auch hier gesichert. Ganz präsent sind Filmhommagen jeglicher Art, wobei die Abenteuer der Mini-Toons mit Anspielungen verschiedenster Filme aus den unterschiedlichsten Genres geradezu gespickt sind. Dabei geht man auch hinter die Kulissen des Mediums und betrachtet seine Zahnrädchen, die sich in Filmproduzenten, Managern, Schauspielern und anderem Gekreuche und Gefleuche zeigen. Einige Episoden muten beinahe an wie B-Rolls, womit man sich dann auch selbst von dem Anspruch befreit, ernsthafte Unterhaltung im Sinne eines zu meisternden Faches zu bieten.
Weitere Satire bezieht sich beispielsweise auf die Waffenlobby, bei der das Tiere hassende Millionärssöhnchen Montana Max wie eine Kindes- (oder auf das Niveau eines Kindes zurückgesetzte ) Version von Charlton Heston wirkt. Oder der durch Shirley de Loon dargestellte Schönheitswahn. Oder die von Elmyra personifizierte Verantwortungslosigkeit gegenüber anderen Lebewesen. All dies und noch viel mehr versteckt sich hinter diesen bunten Comicstrips, die rein oberflächlich fast wie ein abgedrehter Drogentrip wirken, im Gegensatz zu einem solchen aber tatsächliche Tiefe zeigen – auch, wenn Buster, Babs, Plucky und Hamton sich keineswegs so verhalten.
Die „Tiny Toons“ steuern das Erbe der viel geliebten „Looney Tunes“ also frei von jeglichen Zwängen in die neue Generation und bedienen sich dabei sämtlicher satirischer Stilmittel, die greifbar sind. Bevorzugt auf Hollywood und dessen Einfluss auf das Publikum abzielend, bewegen sich die abgedrehten Figuren mit einer gesunden Balance aus selbstzerstörerischer Ironie und Würdigung der Vorgänger durch eine knallbunte Welt voller Abenteuer, die den Kleinen eine nahezu unerschöpfliche Masse von optischen Eindrücken bietet und den Großen viele Anspielungen zu entdecken gibt. Inzwischen thematisch schon wieder etwas überholt und im Zuge der Warnerschen Gier nach Weiterentwicklung ausgesondert, aber durch die deutlich spürbare Kreativität nach wie vor faszinierend.