Zwischen VR-Nostalgie und Videotheken-Charme
Wer Billy Blanks wegen „Back in Action“, „Tough and Deadly“ oder seinem unbestritten legendären Tae-Bo-Fame schätzt, bekommt hier einen respektablen, wenn auch keineswegs überragenden B-Actionier geboten. Einer dieser Videotheken-Goldstücke, die man damals ohne zu blinzeln in die „Nur einen Abend“-Box gesteckt hat – wissend, dass sie einen nicht enttäuschen, aber auch nicht zu neuen filmischen Erweckungserlebnissen führen würden. Oder, um es anders zu sagen: solide Kost, aber kein Menu Surprise.
Man darf „Expect No Mercy“ nicht von der Handlung her denken, denn sonst landet man schnell in Gefilden, in denen man sich Fragen stellt, die dieser Film nie beantworten wollte. Die Prämisse: Ein Elite-Ausbildungszentrum, das Kämpfer mittels damals futuristisch wirkender Virtual Reality schult – eine Art 90er-Jahre-Vorläufer dessen, was Hollywood später mit „Matrix“ oder „Gamer“ in Hochglanz gegossen hat. Blanks infiltriert dieses Institut, weil der Leiter (gespielt mit der diabolischen Eleganz eines leicht überdrehten Theaterpädagogen) ein paar moralische Grenzen ignoriert hat.
Der Plot ist eine lose Struktur, die vor allem dazu dient, den nächsten Fight auf dem Silbertablett zu servieren. Und dabei erfüllt „Expect No Mercy“ seine Pflicht sehr ordentlich. Das Drehbuch ist funktional, geradlinig und bar jeglicher Ambition, etwas anderes zu sein als Transportmittel für Action. Dabei sind die Virtual-Reality-Sequenzen ein Paradebeispiel für Effekte, die schneller altern als ein ungekühlter Joghurt. Aber sie haben Seele. Sie erinnern uns an eine Zeit, in der Hollywood und seine kleineren Budget-Brüder glaubten, man könne mit ein paar Polygonfiguren und ein bisschen technoidem Synthesizerzauber die Zukunft abbilden. Nostalgiker werden hier mindestens einmal selig seufzen, alle anderen amüsiert grinsen.
Explosionen? Fehlanzeige. Shootouts? Ein einziges, halbherzig wirkendes Intermezzo. Der Rest? FIGHTS. Und davon reichlich.
„Expect No Mercy“ weiß sehr genau, was sein Publikum will. Billy Blanks und Jalal Merhi sind ein Duo, das körperlich nahezu alles liefert, was man in dieser Art Actionfilm erwartet – schnell, hart, sauber choreografiert. Es gibt ordentlich auf die zwölf, und die Kämpfe variieren angenehm im Stil, Tempo und Aufbau. Dass die VR-Sequenzen aus heutiger Sicht wirken wie aus einem CD-ROM-Komplettpaket für Windows 95 extrahiert, ist Teil des Vergnügens. Abseits der virtuellen Räume herrscht klassische Videothekenatmosphäre: funktionale Sets, industrielles Flair, viel Dunkelheit, viel Nebel, ein bisschen Neon. Besonders der Showdown spielt dann die Trümpfe der beiden Leads voll aus. Die sterile VR-Welt wird verlassen und in einer „echten“ Umgebung geprügelt, dass es fast nostalgisch wohltut. Hier sieht man, warum Fans von Blanks und Merhi diese Filme lieben: Sie tun das, was sie am besten können – kämpfen und fighten. Schauspielkunst? Die war im B-Action-Bereich ohnehin nie Teil des Bewerbungsgesprächs. Billy Blanks macht hier genau das, wofür man ihn gebucht hat. Er kämpft. Punkt. Seine schauspielerische Bandbreite ist begrenzt, aber seine physische Präsenz trägt den Film zuverlässig. Jalal Merhi wirkt wie immer etwas steifer, aber ebenfalls solide.
Fazit
„Expect No Mercy“ ist kein vergessener Schatz und erst recht kein Highlight im Billy-Blanks-Kosmos. Aber es ist ein Film, der weiß, was er ist – und der genau auf dieser Ebene funktioniert. Ein recht solider B-Actioner, der die geneigten Fans zufriedenstellen dürfte, ohne sie zu euphorisieren. Man bekommt reichlich Fights, zwei physische Powerhouses, einen Showdown, der Laune macht, und VR-Effekte, die heute wie antiquarische Kuriositäten wirken – aber einem dennoch ein nostalgisches Lächeln entlocken.
Wer Billy Blanks schätzt, kann guten Gewissens reinschauen. Wer 90er-B-Action liebt, findet hier ein kleines Wiedersehen mit vertrauten Tugenden. Wer aber ein echtes Action-Highlight sucht, sollte seine Erwartungen not higher than necessary setzen.